Als sich vergangene Woche Dienstag bei der Vorführung von Ruth Beckermanns Film „Waldheims Walzer“ im Rahmen der Filmreihe „Forum Kino’’ des Österreichischen Kulturforums Budapest langsam die Reihen im Saal füllten, gab es drei Kategorien von Menschen im Raum: Die einen, die die Waldheim-Affäre aufgrund ihres Alters nicht oder zumindest nicht bewusst miterlebt hatten. Die anderen, die sich sehr wohl an die Skandale erinnern können, die 1986 die österreichische Bundespräsidentenwahl auf den Kopf stellten.

Und die dritte Gruppe, die eigentlich nur aus zwei Menschen im Saal bestand: Ruth Beckermann und Dr. Ferdinand Trauttmansdorff. Beide waren an den damaligen Ereignissen beteiligt, kämpften aber auf vermeintlich gegenüberliegenden Seiten. Die heutige Regisseurin als politische Aktivistin gegen die Kandidatur Waldheims. Der heutige Leiter des Lehrstuhls für Diplomatie als Mitglied von Waldheims Präsidentschaftskampagne.

Nach Ende der Filmvorführung teilten sowohl Beckermann als auch Trauttmansdorff ihre ganz persönlichen Erinnerungen an die folgenreiche Affäre mit den Zuschauern. Die Quintessenz des Publikumsgesprächs war aber die Erkenntnis: Auch wenn sich die Dokumentation mit vergangenen Ereignissen auseinandersetzt, ist sie trotzdem von beklemmender Aktualität.

Die Affäre Waldheim

Doch zunächst einmal zu Kurt Waldheim selbst: Schon bevor der Österreicher 1985 seine Kandidatur zur Wahl des Bundespräsidenten bekannt gab, war er über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus längst kein Unbekannter mehr. Von 1972 bis 1981 bekleidete er das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Als Präsidentschaftskandidat der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) versuchte er dann die Erfahrung auf dem weltpolitischen Parkett mit Plakatsprüchen wie „Ein Österreicher, dem die Welt vertraut“ zu seinem Vorteil zu nutzen.

Doch das Blatt wendete sich plötzlich. Der Mann, der sich zu seinen UN-Zeiten noch selbst als „höchste Autorität“ beschrieb und als „Vater einer Familie der Menschen“ zu präsentieren suchte, wurde nun einer geheimgehaltenen Nazi-Vergangenheit beschuldigt. Es war nicht das erste Mal, dass man versucht hatte, Waldheim mit den Details seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Doch 1986 war es verschiedenen Medien sowie dem Jüdischen Weltkongress erstmals gelungen, mit Originaldokumenten und einem Foto zu beweisen, dass der Saubermann Waldheim Mitglied in Nazi-Organisationen wie der SA gewesen war und in den Kriegsjahren der Wehrmacht als Offizier in Griechenland und auf dem Balkan gedient hatte. Es wurde ihm sogar die Beteiligung an Kriegsverbrechen vorgeworfen. Informationen, die Waldheim in seiner Lebensgeschichte bewusst unerwähnt gelassen hatte und bis zu seinem Ableben 2007 abstritt.

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Die Regisseurin Ruth Beckermann kam für die Vorstellung ihres neusten Films „Waldheims Walzer“ nach Budapest. (Foto: Sophie Kokas)

Hier beginnt nicht nur Ruth Beckermanns Film, der die drei letzten Monate vor der Wahl nachzeichnet. Es beginnt auch ihr politischer Aktivismus. Die ersten schwarz-weißen Aufnahmen der Dokumentation sind ihre eigenen, die sie 1986 in den Fußgängerzonen Wiens bei Demonstrationen gegen Waldheims Kandidatur aufnahm – „halb demonstrierend, halb dokumentierend“, wie sie sagt. Einmal traf sie sogar auf Waldheim selbst und filmte ihn aus unmittelbarer Nähe, während er eine Wahlkampfrede hielt. Die Regisseurin erinnert sich an seine auffälligen Hände, mit denen er „sein Volk umgreifen, umschlingen zu wollen [schien].“ Eine Nähe zu ihm lässt der Film aber nicht aufkommen. So scheinen auch die Aufnahmen, in denen seine Familie zu sehen ist, eine Unnahbarkeit des Politikers zu suggerieren. Der Sohn habe von den fraglichen Lebensabschnitten seines Vaters keine Kenntnis, da er eher von seinem Onkel Geschichten erzählt bekommen habe als vom eigenen Vater.

Das Ende eines Opfermythos

Neben eigenen Aufnahmen gibt Beckermann auch durch Archivmaterial österreichischer und internationaler Medien, die damals über die Causa Waldheim berichteten, Einblick in die immer lauter werdenden Aufrufe nach einer verantwortungsbewussten Auseinandersetzung Österreichs mit seiner eigenen Vergangenheit. Denn 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – bis zu diesem Skandal um Waldheims NS-Vergangenheit – hatte Österreich sich in seiner offiziellen Geschichtsschreibung als unbescholtenes, erstes Opfer der deutschen Nationalsozialisten dargestellt. Dass der sogenannte „Anschluss“ an Nazi-Deutschland von vielen Österreichern seinerzeit mit offenen Armen begrüßt wurde, zeige sich, so Beckermann, allerdings unter anderem auch darin, dass in Österreich ein prozentual noch höherer Anteil von Menschen Mitglied in NS-Organisationen war als in Deutschland. Waldheim war also kein Einzelfall. Er repräsentierte vielmehr die saubere Weste, die sich viele Österreicher nach Ende des Krieges bereitwillig überzogen, anstatt sich mit den von eigener, österreichischer Seite begangenen Verbrechen auseinanderzusetzen.

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Der ehemalige UN-Generalsekretär und spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim bei einer Wahlkampfrede. (Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)

Diese „Lebenslüge“ der Österreicher, wie Beckermann sie nennt, habe „eine Glocke des Schweigens über das Land gestülpt“. Die Waldheim-Affäre sowie der neue zivilgesellschaftliche Widerstand, der sich gegen dieses Unschuldsnarrativ in Österreich bildete, hätten dies „endlich aufgebrochen“ und „Österreich durchlüftet“ und „eigentlich viel Positives gebracht für das Land“. Im Gespräch mit der Budapester Zeitung erzählt die Regisseurin, dass der Film zu ihrer Überraschung auch in Spanien viel Resonanz beim Publikum fand. Spanische Kinobesucher hätten ihr in der Diskussion über „Waldheims Walzer“ mitgeteilt: „Wir sind heute dort, wo ihr Mitte der 80er-Jahre wart.“ Die Dokumentarfilmerin betont daher, wie wichtig es sei, dass man heute in Spanien endlich über die Franco-Zeit spreche. „Es ist wichtig, das Schweigen zu brechen“, so Beckermann.

Diskriminierende Rhetorik als größte Gefahr

Bei der Publikumsdiskussion in Budapest sind sich Ruth Beckermann und der ehemalige diplomatische Mitarbeiter in Waldheims Team, Dr. Ferdinand Trauttmansdorff, in vielen Punkten einig: Waldheim hätte sich zu seinen Fehlern bekennen und die Wahrheit über seine Vergangenheit sagen sollen. Man habe ihm mehr als genug Chancen dazu geboten.

Stattdessen wehrte sich Waldheim gegen die Vorwürfe mit altbekannten Mustern: So sprach er in Interviews damals von der „East Coast“ und einer „groß angelegten Verleumdungskampagne“, die von „einer ganz kleinen, allerdings sehr einflussreichen Gruppe“ gegen ihn geführt werde. Waldheim spielte hier auf jüdische Interessengruppen in den USA an. Die Verwendung solcher antisemitischen Codes in seinen Verteidigungsversuchen brachten in der österreichischen Gesellschaft alte Verschwörungstheorien und Hassgefühle zum Vorschein. Beckermann sieht genau darin die größte Gefahr – damals wie heute.

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Kurt Waldheim wird kurz vor seiner Antrittsrede als Bundespräsident der zweiten Republik Österreich penibel für die Kamera vorbereitet. (Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)

Während es Ende der 80er jedoch um „die Aufarbeitung der Vergangenheit“ ging, sei die heutige Lage viel schwieriger, so Beckermann warnend. „Das, was heute vor sich geht, halte ich für viel gefährlicher, weil diese Leute, die heute an der Regierung sind, versuchen, unsere Gegenwart und unsere Zukunft zu verändern. Auf eine Weise, die nicht das Gemeinsame fördert, sondern die Gesellschaft spaltet.“ Es sei problematisch, dass Politiker heute zwar den Holocaust verurteilten, gleichzeitig aber in ihren Wahlkampagnen mit nationalistischen und rassistischen Stereotypen spielten.

Aufarbeitung nach 40 Jahren des Schweigens

Trotz aller Skandale gewann Waldheim am Ende die Bundespräsidentschaftswahl. Österreich hatte sich damit in einer knappen Stichwahl für einen Mann entschieden, der repräsentativ für eine nach wie vor große Bevölkerungsschicht war, die sich mit den Gräueln der NS-Zeit nicht auseinandersetzen wollte. Ob aus Stolz, Ignoranz oder Arroganz.

Aber die Präsidentenwahl hatte diesen Teil der Bevölkerung auch bloßgestellt. Widerstandskämpfer und Opfer der Nationalsozialisten, die nach dem Krieg 40 Jahre lang vom politischen Klima in Österreich zum Schweigen genötigt waren, hatten sich zu Wort gemeldet und von dem berichtet, an das sich Waldheim angeblich nicht erinnern konnte. Österreichs kollektives Bewusstsein hatte sich verändert und im Land wurde eine Zivilgesellschaft geboren, die bereit war, Verantwortung zu übernehmen.

Ruth Beckermanns Film zeigt auf manchmal auch sehr humorvolle Art eine politisch aufgeladene Bevölkerung, die immer dort entsteht, wo eine Gesellschaft sich entscheidet, mit selbstverhängten Tabus ihrer Geschichtsbetrachtung zu brechen. Die Dokumentation verdeutlicht, dass mit US-Präsident Donald Trump keinesfalls zum ersten Mal ein Politiker zum Regierungsoberhaupt eines Landes gewählt wurde, den man zuvor offenkundig des Lügens überführt hatte. Und dennoch machen die im Film gezeigten Errungenschaften von Aktivisten wie Beckermann Hoffnung darauf, dass eine aktive Zivilgesellschaft auch opportunistische und populistische Politiker letztlich in die Schranken weisen kann.

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