Bereits vor einem halben Jahrhundert organisierte der Kunsthistoriker Péter Sinkovits die für eine

gesamte Generation ungarischer Künstler prägenden Ausstellungen „Iparterv I.“ (1968) und „Iparterv II.

(1969). Die im damals staatlichen Industriegebäude-Planungsbüro (Ipari Épülettervező Vállalat, kurz:

IPATERV) präsentierten Ausstellungen dauerten nur wenige Tage. Die staatliche Zensur umgehend,

waren es die Mitglieder dieser losen Künstlergruppe, die es als erste schafften, mit einer gemeinsamen

Veranstaltung die strengen Strukturen der sozialistischen Kulturpolitik von György Aczél zu

durchbrechen. Die experimentellen und progressiven Werke der Ausstellung symbolisierten einen

Wendepunkt in der ungarischen modernen Kunstgeschichte.


Der Wunsch uneingeschränkt kreativ zu sein

1970 erklärte Sinkovits welche gemeinsame Motivation hinter den sehr unterschiedlichen Werken der

Künstler steckte: „Diese jungen Leute weigerten sich, den Traditionen direkt zu folgen; stattdessen

versuchten sie, sich mit dem aktuellen Stand der globalen Kunst vertraut zu machen und mit den

fortschrittlichsten avantgardistischen Tendenzen in Einklang zu kommen. Sie bemühten sich, die

Verbindung zu traditionellen, aufgelösten, verdauten Kunstformen zu brechen, was die kreative Geste

nur behindert hatte. Sie versuchten frei über globale Phänomene nachzudenken und suchten nach

neuen Formen, um ihre Erfahrungen auszudrücken.“ Die jungen Künstler dieser Gruppe wollten

uneingeschränkt und frei kreativ sein können und dafür waren sie sogar bereit, sich gegen das Regime zu

stellen.

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Foto: Dagmar Morath


Eine wilde Mischung avantgardistischer Kunst

Trotz der Vision, die diese neo-avantgardistischen Künstler verbindet, sind die Motive und Stile, die bei

IPARTERV 50+ ausgestellt werden, wie schon bei den beiden Ausstellungen von 1968 und 1969, so

verschieden wie sie nur hätten sein können. Das Ziel der Zusammensetzung der Original-Ausstellungen

war es nie, ein harmonisches gemeinsames Konzept zu erschaffen, sondern stattdessen das

Zusammentragen einer möglichst facettenreichen Auswahl von progressiven Trends der Zeit.


So lässt sich auch verstehen, wie etwa die unterschiedlichen Stile der Werke des deutsch-ungarischen

Künstlers László Lakner in die Ausstellung passen. In seinen frühen Schaffensjahren war Lakner für seinen

sehr ironischen Realismus als Antwort auf die offizielle Doktrin des Sozialistischen Realismus bekannt.

Während der ersten Iparterv-Ausstellung im Jahr 1968 hingegen stellte Lakner Werke aus, die vom Pop

Art inspiriert waren. Seine aktuelle Reihe „Druidensymbole“, die derzeit im Ludwig Museum zu sehen ist,

vermischt wiederum abstrakte Poesie bestehend aus Buchstaben des altirischen Ogham-Alphabets und

geometrische Strukturen.


Die „IPARTERV 50+“-Ausstellung erarbeitet mit unterschiedlichen Kunst- und Medienformen den sozio-

politischen Kontext, einer von strikter und dennoch geradezu willkürlicher Kulturkontrolle

gekennzeichneten Zeit in Ungarn. Mit Exponaten der Original-Ausstellungen als auch neueren

Kunstwerken der damals beteiligten Iparterv-Künstler, aber auch mit Arbeiten der von ihnen inspirierten

Folgegenerationen von ungarischen Künstlern, erzählt „IPARTERV 50+“ seinen Besuchern die Geschichte

des „Iparterv-Phänomens“.

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