Es ist kurz nach 18 Uhr an diesem Freitagabend und der Raum füllt sich langsam. Der Präsident der Toastmasters-Gruppe, Tobias Zwadlo, begrüßt jeden, der den Raum betritt, persönlich per Handschlag und stellt sich, gleich das „Du“ anbietend vor. Jeder wird anschließend darum gebeten, sich ein Namensschild zu schreiben. Das Publikum ist bunt gemischt, vom Student bis zum Rentner ist jede Altersgruppe vertreten. Ebenso bunt sieht es auch mit Blick auf die Berufe aus. Umso interessanter: schon nach wenigen Minuten ist der Raum gefüllt vom Murmeln zahlreicher Gespräche. Obwohl die Mehrheit der etwa 30 Personen im Raum Ungarn sind, ist die deutsche die dominierende Sprache, ganz zur Freude der anwesenden deutschen Muttersprachler.

Mit Struktur durch den Abend

Nach einigen Minuten eröffnet Tobias Zwadlo das Treffen, heißt alle Willkommen und erklärt kurz, warum man heute Abend hier sei. Die Toastmasters gibt es schon seit 15 Jahren in Ungarn, jedoch bisher nur auf Ungarisch und Englisch. „Heute findet in Budapest das erste deutschsprachige Treffen“, betont Zwadlo stolz.

Die Toastmaster-Treffen bieten Interessierten die Möglichkeit, ihre Rhetorik- und Führungsfähigkeiten zu erweitern und zu verbessern. Ob man sich aktiv einbringt oder zunächst erst einmal als stiller Zuschauer teilnimmt, sei jedem selbst überlassen. Sich selbst an einer Rede auszuprobieren sei zwar eine gerne wahrgenommene Möglichkeit, aber kein Muss. „Wer sich jedoch aktiv beteiligt, wird es bestimmt nicht bereuen.“

Das Konzept der Toastmasters basiert auf jahrelanger, erfolgreicher Erfahrung aus Clubs in mittlerweile 141 Ländern. Gearbeitet wird mit Projekten, die aufeinander aufbauen. Insgesamt können über 300 verschiedene Fähigkeiten wie etwa Moderation, Gespräche oder Reden trainiert werden. Mit jedem Projekt lernt man etwas Neues dazu und bekommt direktes Feedback.

Sodann erklärt der Präsident kurz den Ablauf des Treffens. Die Veranstaltung ist in drei Phasen strukturiert, die vorne an einer Tafel präsentiert werden. Begonnen wird mit zwei Rednern, die ihre Rede vortragen. Danach wird es mehrere sogenannte Stegreifreden geben. Die dritte und letzte Phase wird die Bewertung der Reden sein.

Außerdem gibt es verschiedene Rollen an diesem Abend. Zum einen gibt es die Rolle des Zeitnehmers, dessen Aufgabe es ist, die Zeit der Redner zu messen und den Rednern durch das Hochhalten von farbigen Karten zu signalisieren, wie lange sie schon reden und ob sie über der Zeit sind. Eine gute Rede sollte zwischen fünf und sieben Minuten lang sein, daher steht die grüne Karte für fünf Minuten, die gelbe für sechs und die rote für sieben Minuten. Des weiteren übernimmt eine weitere Person die Rolle des sogenannten Füllwortzählers. Deren Aufgabe besteht darin, die Laute, die die Redner zwischen den Wörtern unbewusst von sich geben zu zählen und mit einem Klicker darauf aufmerksam zu machen. Gibt der Redner beispielsweise mehrmals zwischen den Worten einen Laut wie “ähm”, so ertönt daraufhin ein lauter Klick, was dem Redner helfen soll, solche Füllworte besser zu vermeiden.

„Wir äußern unser Feedback immer positiv!”

Nach dieser kurzen Vorstellung der einzelnen Rollen geht es auch schon zur Sache. Der erste Redner kommt nach vorne. Trotz seines deutlich hörbaren ungarischen Akzents steht er selbstbewusst und souverän auf der Bühne und spricht über die Umdefinierung der Führungstätigkeit. In seiner Rede geht es darum, dass wir alle etwas haben, was uns zur Führungsperson macht und im Bezug darauf oftmals die kleinen Dinge im Alltag unterschätzen. Mit einer kleinen Anekdote aus seinem eigenen Leben hat er schnell die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewonnen und beendet seine Rede mit einer klaren Botschaft: Wahre Führungskraft ist man bereits, wenn man die Sichtweise von nur einer Person ändern kann.

Nach kurzem Applaus bekommt jeder Teilnehmer eine Minute Zeit, um dem Redner ein kurzes, schriftliches Feedback auf dem zuvor dafür ausgeteilten Zettel zu geben. Zwadlo, der nun wieder das Wort ergriffen hat, betont ausdrücklich, dass bei den Toastmasters Feedback immer positiv geäußert wird. „Wir sagen, was wir mögen und was man verbessern könnte!”. Die Toastmasters haben eine sehr starke, auf Wertschätzung basierende, kooperative Kultur. Es ist ihnen sehr wichtig, ein positives und freundliches Umfeld zu pflegen, das den Menschen Freude am Lernen und am Verbessern der eigenen Fähigkeiten bereitet.

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Die Teilnehmer applaudieren Christopher Killer nach seiner mutigen Stegreifrede.
Foto: DTM / Edit Trunkó

Die zweite Rede des Abends unterscheidet sich in ihrer Art sehr stark von der vorherigen. Der Redner legt mehr Fokus auf den Unterhaltungsaspekt seiner Rede. Er redet mit Händen und Füßen, reißt Witze, verstellt seine Stimme und kassiert einen Lacher nach dem anderen. Kein Wunder, denn eine gute Prise Humor ist bei seinem Thema sicherlich gefragt. Er spricht über das ungarische Volk, darüber, wo sie herkommen und in was sie denn eigentlich besonders gut seien. Er scherzt über die ungarische Geschichte und dass die Ungarn sehr talentiert im Verlieren wären und ebenso darin, über Gott und die Welt zu jammern. Doch selbst daraus zieht er am Ende eine klare positive Botschaft: Egal wie oft man am Boden liegt, die einzige Lösung ist, wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen!

Genau wie zuvor bekommen die Teilnehmer die Möglichkeit, ihre schriftliche Bewertung zu äußern und sie dem Redner zu übergeben.

Sich selbst an einer Stegreifrede ausprobieren

Nun übernimmt eine Dame das Wort und läutet Phase 2 der Veranstaltung ein, die Stegreifreden. Kurz erläutert sie, dass es hier vor allem um Improvisation gehe und lädt jeden dazu ein, sich an einer Stegreifrede auszuprobieren.

Das Ganze funktioniert eigentlich ganz einfach. Die Rednerin schneidet ein Thema an, stellt eine Frage in den Raum und sucht einen Freiwilligen aus, der in einer kurzen ein bis dreiminütigen Rede auf ihre Frage mit einer persönlichen Antwort eingeht. Dies kann alles mögliche sein, angefangen bei Neujahrsvorsätzen bis hin zum Lieblingstennisspieler. Alle Teilnehmer werden am Ende der vier Stegreifreden gebeten, den besten Redner zu wählen und aufzuschreiben.

Nun folgt auch schon die dritte und letzte Phase des Abends, die Bewertung. Auch hier wurden im Vorfeld Bewerter ausgewählt. Diese geben nun ihr Feedback, was ihnen gefallen hat und konstruktive Tipps, was noch besser gemacht werden könnte. Hier spielt nicht nur das Auftreten, die Gestik und Stimme eine Rolle, sondern auch der Inhalt und die Botschaft der Rede. Schließlich wird auch noch das gesamte Treffen an sich bewertet, denn natürlich sind auch die Organisatoren daran interessiert, sich stetig zu verbessern. Im Vorfeld wurde auch noch eine Person ausgewählt, die ihr Feedback zu allen Aspekten des Abends gibt.

Am Ende des Treffens ergreift der Präsident noch einmal das Wort, bedankt sich bei allen Teilnehmern und lädt außerdem herzlich zum nächsten Toastmasters-Treffen am 31. Januar ein. An den stets kostenlosen Treffen dürfe natürlich jeder teilnehmen. Außerdem könne sich jeder, der in einem Toastmasters-Meeting selbst gerne einmal eine Rolle, etwa Zeitnehmer oder Redner, spielen würde, an die Organisatoren wenden.

Der sich gerade gründende deutschsprachige Club freue sich über jedes neue Mitglied. Bestimmte Aufnahmevoraussetzungen gäbe es hier nicht, „je stärker die Individuen, desto stärker der Club", erklärt uns Zwadlo. Außerdem bringe es einige Vorteile mit sich, bei den Toastmasters Clubmitglied zu sein. Neben der Möglichkeit, sich in Reden und der Führung einer Organisation auszuprobieren, bekommt man zudem auch noch den Zugang zu allen Lernmaterialien. Der Club ermögliche seinen Mitgliedern darüber hinaus Zertifizierungen zu erlangen und an nationalen und internationalen Redewettbewerben teilzunehmen.

Alles in allem war es ein gelungener Abend und ein erfolgreicher Auftakt des ersten deutschsprachigen Toastmaster-Treffen in Ungarn. Auch wenn es am Ende doch noch eine Kleinigkeit mit schmunzelndem Zwinkern zu kritisieren gibt : „Rechtzeitig kommen! Das hier ist ein deutsches Meeting!“.

Infos zu Folgeveranstaltungen gibt es auf der Facebook-Seite des Clubs: https://www.facebook.com/RednerRundeBudapest

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