Susanne Wiesinger beschreibt in ihrem Buch, wie sich bereits österreichische Schulbehörden muslimischen Forderungen unterwerfen. Während um das Kruzifix immer noch gestritten wird, richten viele Schulen für Muslime bereits Gebetsräume ein. Den weiblichen Lehrern wird gleichzeitig empfohlen, sich in einer Art zu kleiden, die die muslimischen Bürger/Innen nicht schockiert. Also bitte keine Latzhosen und Miniröcke mehr, weder für Schülerinnen, noch für Lehrerinnen. Das Fazit von Susanne Wiesinger ist darum : „Wir können als Lehrer gegen den wachsenden Einfluss des Islam kaum etwas unternehmen. (…) Wir tolerieren und akzeptieren – und mit jeder Schülerin, die sich nicht mehr so kleidet, wie sie es möchte, sondern so, wie fundamentalistische Muslime es (…) wollen, verlieren wir ein weiteres Stück unserer freiheitlichen Lebensweise.“

Bevorzugung der islamischen Weltsicht

Aber auch geopolitisch kann man eine schleichende Bevorzugung der islamischen Weltsicht beobachten. Auf dem internationalen Parkett der UNO-Resolutionen sind die 20 Verurteilungen des Staates Israel bezüglich Menschenrechtsverletzungen doch sehr erstaunlich, da gleichzeitig Staaten wie Palästina, Saudi-Arabien, Pakistan oder der Sudan davon verschont bleiben. Es sind Staaten, in denen Menschen zum Tode verurteilt werden, wenn sie aus Brunnen trinken, die nur Muslimen zugänglich sind, in denen Frauen aus ihren Hӓusern gezerrt und auf offener Straße enthauptet werden, weil sie angeblich mit einem fremden Mann gesprochen haben, in denen Menschen bei geringen Vergehen die Hände abgehackt werden oder in denen, wie im Fall der Palästinenserin Souad , junge Frauen von ihren Brüdern mit Benzin übergossen und angezündet werden, weil diese angeblich die Familienehre beschmutzt haben. Bislang sind diese Praktiken, die teilweise auch gesetzlich rechtens sind, von keiner UNO-Resolution verurteilt worden. Ebenso wenig wird in der UNO die Christenverfolgung in den zumeist muslimischen Ländern thematisiert, die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts täglich Tausende von Menschen mit dem Tod bedroht.

Daneben sind national-religiöse Mythen der islamischen Gesellschaften bereits integraler Teil der internationalen Berichterstattung und der Forschung. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist der Begriff „Palästinenser“. Er wird ganz selbstverständlich für den arabischen Bevölkerungsanteil einer geographischen Gegend benutzt, die unter dem römischen Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) erstmals Palästina genannt wurde und die jene Gebiete umfasst, auf denen seit dem 11. vorchristlichen Jahrhundert die unterschiedlichen jüdischen Königreiche existiert haben. Der Name Palästina stand in der Geschichte nie für einen einzigen Staat mit fest umrissenen Grenzen und schon gar nicht für einen muslimischen Staat. Erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wird das Wort „Palästinenser“ von dem ausschließlich muslimischen Bevölkerungsteil dieser Region als Begriff für die Durchsetzung ihrer Interessen eingesetzt. Dabei wird gerne verschwiegen, dass es seit Jahrtausenden auch jüdische Palästinenser gab. Von diesem für die Gründung des Staates Israels bedeutenden Bevölkerungsanteil spricht heute keiner mehr oder aber er wird beflissen herunter dividiert. So wie bei dem französischen Historiker Vincent Lemire. In seinem Buch Jerusalem 1900 gesteht er zunächst ein, dass zwischen 1880 und 1905, also noch lange vor der Gründung des modernen Staates Israels, in Jerusalem rund 75 Prozent der Bewohner Juden waren. Daneben gab es noch 15 Prozent Christen und 10 Prozent Muslime. Doch sofort verweist er auf das Viertel am Damaskustor. Dort, so schreibt er, lebten „nur“ 31 Prozent Juden.

Wer Jerusalem kennt, weiß, wie klein das alte Stadtzentrum ist und dass die Berechnung des geradezu winzigen Damaskustor-Viertels an den eigentlichen Verhältnissen nichts ändert. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, über eine vermeintliche muslimische Mehrheit in und um Jerusalem den jüdischen Anspruch auf eine Heimkehr ins Heilige Land zu relativieren.

„Jerusalem, die Wiege des Christentums und des Judentums ist auch dem Islam heilig“, steht auf dem Cover der Spiegel TV Serie über Jerusalem. Das ist teilweise richtig, doch Jerusalem war eben nicht nur mal kurz die Wiege des Judentums, sondern ist seit 3000 Jahre das spirituelle Zentrum, in welches Juden aus der Diaspora immer wieder zurückkehren. 1099 kehrten Juden nach Palästina zurück, um an der Seite der Muslime gegen die Kreuzritter zu kämpfen. Zwischen 1492 und 1541 kehrten Tausende Juden ins Heilige Land zurück, als sie aus Spanien, Litauen, Rhodos, Sizilien und Sardinien vertrieben wurden. Diese historisch belegte jüdische Kontinuität in Palästina wird in den Medien bewusst ignoriert. Hier gilt lediglich: Der Staat Israel ist ein Zufallsprodukt der europäischen Nationalstaatenidee und des westeuropäischen Imperialismus.

Muslimischer Imperialismus

Mittlerweile hat sich durch die Medien und durch die Forschung in unserer Wahrnehmung dieses sehr islamfreundliche Geschichtsbild verfestigt, was nicht nur den politischen Umgang mit dem Nahostkonflikt beeinflusst. Denn wer fragt, weshalb die dritte Generation der muslimischen Einwanderer heute so europafeindlich ist, bekommt meist zur Antwort, dass dies wohl noch in Zusammenhang mit den Verbrechen des Westens stehe, mit dem westlichen Imperialismus, mit der Unterdrückung und der Armut, die dieser in seine ehemaligen Kolonien gebracht habe.

Auch hier handelt es sich um eine sehr fragwürdige Teilansicht der Geschichte, die von den Medien und Politikern nur allzu gerne schuldbewusst akzeptiert wird, obwohl sie die fast zweihundert Jahre lang andauernde Geschichte der islamischen Expansionskriege ausblendet. Muslime feiern heute noch jedes Jahr stolz und ohne Komplexe die Eroberung Konstantinopels. Und daneben gab es ja auch noch die Eroberungen und Zerstörungen von Alexandrien und Karthago, einst multi-religiöse und wissenschaftliche Hochburgen ihrer Zeit, die dem „muslimischen Imperialismus“ zum Opfer gefallen sind. Mit dem Beginn dieser Eroberungskriege Mitte der 630 Jahre unserer Zeitrechnung wird auch das Ende der Antike angesetzt.

Die Quellen der westlichen Islamfreundlichkeit

Woher kommt also diese so seltsam anmutende Islamfreundlichkeit, das Schuldbewusstsein des Westens und der westlichen Links-Intellektuellen, die heute in den Medien den Ton angeben? Sicherlich spielt die Angst vor rassistischer Islamfeindlichkeit eine Rolle, zumindest wird sie als solches vorgeschoben, denn eine Religionskritik des Islams wird abgelehnt. Für die westeuropäische Linke ist eine solche Kritik Ausdruck einer chauvinistischen Haltung, die den Bürgern vorgaukelt: „Unsere jüdisch-christliche Geschichte hätte uns die Loslösung von der Religiosität ermöglicht, die islamische hielte dagegen die Bevölkerung in einem irrationalen Zustand fest“

Damit vermeidet sie jede Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam als Ideologie. Alles wird aus der politischen Perspektive gesehen. Die Kirche als politische Instanz war, als sie noch Einfluss hatte, ebenso verabscheuungswürdig und fanatisch wie der radikale Islam heute, so ihr Argument. Alle Religionen laufen Gefahr, die gleichen Formen von Extremismus und Fanatismus zu entwickeln. Wer also gegen den Islam auftrete, müsse auch gegen das Christentum und das Judentum sein.

Diese Einstellung kommt nicht von ungefähr, sie hat eine lange Geschichte und geht auf die Aufklärung zurück, vor allem auf deren sich verändernde Beziehung zum Islam. Diese wurde von den französischen Philosophen Voltaire (1694-1778) und Alphonse de Lamartine (1790-1869) eingeleitet, die schon zu ihrer Zeit genau die gleiche Haltung einnahmen, wie man sie heute bei westeuropäischen Intellektuellen findet.

Letztendlich, so schrieb schon Voltaire am 5. Januar 1767 an den Preußenkönig Friedrich II, sei auch der Islam nur eine Religion wie jede andere auch. Und darüber hinaus auch noch die vernünftigere, denn er erfinde nicht ein ganzes Heer an Engeln und Heiligen und besitze keine mystischen Aspekte. „Es gibt nur einen Gott und nur einen Propheten, Mohammed.“ Zudem wird der Islam der menschlichen Realität gerechter als jede andere Religion, so Voltaire, denn er regelt im praktischen Leben fast alles. Er erlaube einem Mann vier Frauen zu ehelichen, dadurch wird der Ehebruch überflüssig, er teile das Jahr in Fasten- und Essenszeiten und verbiete den gefährlichen Alkoholkonsum. Die lächerlichste und blutigste aller Religionen in der Welt, so Voltaire, sei darum wohl eher das Christentum.

Auf der Suche nach dem „Edlen Wilden“

Damit hat Voltaire die gleiche Beziehung zum Christentum, wie die heutigen linken Intellektuellen zu den ehemaligen Kolonialmächten. Ohne grundlegende Kenntnisse der Sachlage vertritt er die gleiche Verneinung der eigenen Tradition aufgrund einer nicht vergehenden Mitschuld an den Kreuzzügen, der Inquisition und an anderen politischen Straftaten der katholischen Kirche. Eine solche Einstellung kennt man im Islam nicht. Kein Muslim, stehe er seiner eigenen Religion auch noch so kritisch gegenüber, würde sich wegen der Expansionskriege seiner Glaubensbrüder im 7. Jahrhundert schuldig fühlen.

Das ist eine typisch europäische Haltung, zu der sich noch ein anderes, altes Konzept hinzugesellt, nämlich das des „Edlen Wilden“, das erstmals bei dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) erscheint. In seinem Roman Emile spricht er vom homme naturel, dem natürlichen Menschen, der von Natur aus gut sei, das heisst ethisch integer, der keine Lügen kenne, vollkommen autonom lebe und sich gegen Autoritӓt und Aufklӓrungszwang zur Wehr setze, um sich natürlich entfalten zu können. Die Figur des edlen Wilden taucht in der europӓischen Literatur immer wieder auf, in den Lederstrumpfromanen von James Fenimore Cooper ebenso, wie in der Figur des Winnetou in den Wildwestgeschichten von Karl May.

Dieser Edle Wilde wurde im Laufe der Zeit unter den Kolonialmӓchten und auch danach zum „guten, ausgebeuteten Menschen“ der Dritten Welt. Auch er kann nicht böse sein oder irgendwelche schlechten Absichten verfolgen. Das tut er nur, wenn man ihn unterdrückt und so liege es denn auch auf der Hand, schreibt etwa der britische Marxist Chris Harman 1994 in einer Studie über verschiedene islamistische Strömungen, dass Muslime erst dann zu Islamisten mutieren, wenn es nicht gelingt: „das eigene Volk von den Fesseln des Imperialismus und der eigenen korrupten Eliten zu befreien.“ Der islamistische Fundamentalismus entsteht also nur unter extremen ökonomischen Bedingungen, ihn woanders zu vermuten, wӓre falsch.

Von daher ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass zwei junge Skandinavierinnen Ende Dezember 2018 mal kurz im marrokanischen Atlas zelten gehen. Was sollte ihnen denn passieren? Sie waren doch bei Muslimen zu Besuch, die friedlich und im Einklang mit der Natur leben. Letztlich aber folgen sie mit dieser Einstellung unbewusst einer alten Vorstellung, die fatale Folgen für sie hatte.

In Zukunft sollten wir darum vorsichtiger sein mit zu viel Selbstkritik an unseren sicherlich nicht perfekten Gesellschaften und gleichzeitig auf die Einflüsse achten, die unser eigenes Denken prӓgen, ohne dass wir uns derer immer bewusst sind.


Die Autorin publiziert Artikel und produziert Radiosendungen zu politischen Themen und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebt seit 1990 abwechselnd in Bukarest, Paris und Budapest.


Quellen:


1 Susanne Wiesinger und Jan Thies, „Kulturkampf im Klassenzimmer” Edition QVV, Wien 2018. S.69


2 https://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege...


3 Souad, « Bei lebendigem Leib », München, 2004, Blanvalet, Verlagsgruppe Random House GmbH


4 https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltve...


5 http://bibelkreis-muenchen.de/?p=253


6 Vincent Lamire « Jérusalem 1900, la ville sainte à l’âge des possible » , Paris 2013, S.55


7 Martin Gilbert « The Arab-Israeli Conflict » Its History in Maps, London 1974


8 https://diefreiheitsliebe.de/politik/linke-muessen... . 2.August 2017


9 Chris harmanhttps://www.marxists.org/archive/harman/1994/xx/is...


10 https://www.derwesten.de/panorama/marokko-tod-frau...

Mit der neuen BZ-Serie „Nach-denken“ wollen wir in loser Folge aktuelle Ereignisse, politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in einem breiteren geistesgeschichtlichen Kontext beleuchten. Es soll gezeigt werden, wo Begriffe und Vorstellungen zuerst auftreten, was sie in der Geschichte West- und Mittelosteuropas bewirkten und wie sie die historischen Entwicklungen und Denkansätze in beiden Teilen Europas beeinflusst haben. Neue Aspekte sollen hier dargestellt werden als Anregung zum Nachdenken und zur Verhinderung von Manipulation und einfacher Meinungsmache. Gleichzeitig sollen sie zum Verständnis und damit zur Überwindung der immer stärkeren ideologischen Differenzen zwischen den westlichen und östlichen EU-Ländern beitragen.

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