Ein Stück außerhalb von Budapest, in Budaörs, befindet sich Ungarns größter deutscher Sammelfriedhof. Hier liegen über 16.300 deutsche und knapp 800 ungarische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet des heutigen Ungarns gefallen sind. Viele von ihnen kamen zwischen 1944 und 1945 bei der Schlacht um Budapest ums Leben. Auf dem Friedhof liegen aber auch die sterblichen Überreste von zahlreichen Soldaten, die zuvor in anderen Teilen Ungarns begraben waren und nach Budaörs umgebettet wurden.

Betreut wird der Friedhof vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, einem gemeinnützigen Verein, der sich seit 1919 der Pflege von Kriegsgräbern widmet und inzwischen weltweit tätig ist. Da die Hinterbliebenen weniger werden und immer weniger Besucher einen eigenen Bezug zum Zweiten Weltkrieg haben, hat der Volksbund anlässlich seines 100-jährigen Bestehens das Projekt „19 für 19“ initiiert. In dessen Rahmen werden bis 2019 insgesamt 19 Friedhöfe in Deutschland und im Ausland mit neuen Vermittlungs- und Informationsangeboten ausgestattet, die durch eine multimediale Gestaltung versuchen, auch ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Sie sollen Geschichte auf einer persönlichen Ebene erfahrbar machen und so vor den Schrecken des Krieges warnen. „Grundsätzlich wird als erzählerischer Fokus die Personalisierung der Narration der Ausstellung genutzt, welche mit Hilfe eines biografischen Zugriffs die Menschen in den Mittelpunkt rückt und den Besuchern eine empathische Annäherung an die Thematik ermöglicht“, heißt es von Seiten des Projektpartners beier+wellach. Der Friedhof von Budaörs ist einer der 19 ausgewählten Friedhöfe.

Ziel: Anknüpfungspunkte geben

Das Konzept für die Ausstellung in Budaörs, bei der auch Zeitzeugen zu Wort kommen, erarbeitete ein Team von Wissenschaftlern, darunter Krisztián Ungváry. Der Budapester Historiker befasst sich mit der neueren Zeitgeschichte und schrieb unter anderem eine vielbeachtete Monografie über die Schlacht um Budapest. Als Experte für diesen Teil der Geschichte und Kurator der Ausstellung unterstütze er das Team und half fachlich weiter. Er weiß um die Bedeutung von Zeitzeugenberichten, die dem heutigen Besucher einen Anknüpfungspunkt geben. „Die Ausstellung ist nicht für gestern, sondern für heute und morgen“, so Ungváry. Nur so könnten Besucher verstehen, was sie heute noch mit dem Geschehen von vor über 70 Jahren zu tun haben.

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Soldatenfriedhof Budaörs: Letzte Ruhestätte für über 17.000 Menschen. (Foto: BZT / Jan Mainka)

Ungvárys Buch erschien auch auf Deutsch, Englisch und Russisch und ist ein Bestseller. Nach dem Erscheinen des Buches erhielt der Historiker viele Jahre lang fast im Wochentakt Briefe von Lesern aus der ganzen Welt, die entweder Anfragen an ihn hatten oder etwas inhaltlich beitragen wollten. Dies ist einer der Wege, wie Ungváry Zeitzeugen kennenlernen und deren Wissen zusammentragen konnte. Die Suche nach Hinterbliebenen sei mittlerweile schwieriger als früher, als noch zahlreiche Veteranen lebten und Auskunft geben konnten. Durch Briefwechsel und Archivarbeit besitzt Ungváry inzwischen Angaben zu über Tausend Soldaten, die in Budapest gefallen oder als vermisst gemeldet sind.

Wenn er Kontakt zu Hinterbliebenen hat, empfindet er das als fruchtbringend für beide Seiten. Er bekommt die Möglichkeit, neue Informationen für die Forschung zu erhalten, und kann im Gegenzug den Hinterbliebenen mit Informationen über deren Angehörige helfen. Bei diesen, oft bewegenden Begegnungen erfuhr Ungváry, wie schwer es für die Familien ist, nicht zu wissen, was mit dem Mann, Vater oder Großvater geschehen ist. „Die Trauerarbeit zieht sich oft über Jahrzehnte hin“, hat er beobachtet. Er hilft gerne, wenn er Antworten geben kann, zum Beispiel wo der Familienangehörige zuletzt gesehen wurde und mit wem er Kontakt hatte, bevor er für immer verschwand.

Aussagekräftiges Spielzeug

Durch einen Briefwechsel geriet Ungváry auch an ein Objekt, das nun in der Ausstellung zu sehen ist und im Kontext von Krieg und Tod besonders auffällt: Es handelt sich um einen beweglichen Holzhasen, der ein Geschenk zu Weihnachten 1944 war. Anhand des selbstgeschnitzten Spielzeugs von Fritz Herschel für seine Tochter Karin lässt sich einiges über die Geschichte ablesen. „Die Soldaten waren Menschen wie wir und kümmerten sich um ihre Familien“, sagt Ungváry. Weiterhin lasse sich erkennen, dass Herschel als deutscher Offizier relativ viel Freizeit hatte, in der er Geschenke basteln konnte. So schrieb er seiner Frau liebevolle Briefe und verfasste auch einen Gedichtband, den er mit Zeichnungen versah.

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Historiker Krisztián Ungváry bei der Eröffnung der Ausstellung.


Darüber hinaus sei bemerkenswert, wie die Stücke die Zeit überstanden haben. Das Geschenkpaket, fand Ungváry heraus, musste zunächst mit der Feldpost seinen Weg aus dem Budapester Kessel nach Schlesien finden. Nur wenige Wochen nach seiner feierlichen Öffnung an Heiligabend musste Herschels Frau mit dem Kleinkind vor der Roten Armee fliehen. Unvorstellbar, wie sie es im kalten Januar bewerkstelligten, neben dem Notwendigsten auch das Paket des Vaters mitzunehmen. Vielleicht hat ihnen dabei das vierblättrige Kleeblatt, das Herschel ebenfalls mitgeschickt hatte, Glück gebracht. Mutter und Tochter überstanden jedenfalls den Krieg. Anders als Herschel selbst. Die Zeilen aus einem seiner Briefe, den er als Gedicht verfasste, erfüllten sich nicht: „Doch kommt der große Freudentag, da ich auf meinem Arm Dich trag‘, wer kann dann Dich mir rauben?“

Keine schwarz-weiße Geschichte

Den Holzhasen und die persönlichen Briefe hat die Tochter, die heute Karin Dippold heißt, der Ausstellung zur Verfügung gestellt. Hier können sie andere Menschen berühren und zeigen, dass es sich bei Soldaten wie ihrem Vater um ganz normale Menschen gehandelt hat. Außer ihm werden in der Ausstellung auch fünf weitere Personen genauer vorgestellt.

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Karin Dippold zusammen mit dem letzten Weihnachtsgeschenk ihres Vaters

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Angesichts der einheitlich gestalteten Gräber des Soldatenfriedhofs lässt sich sonst schnell vergessen, dass hinter all den gleichförmigen Grabmalen unterschiedliche Menschenschicksale stehen. Jeder habe seine eigenen Beweggründe und Ziele gehabt, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen, meint Ungváry. Eine Infotafel der Ausstellung thematisiert, dass sich auch innerhalb einer Persönlichkeit verschiedene Denkansätze zeigen können. So war Herschel zwar einerseits liebender Familienvater und Ehemann, andererseits war er aber auch freiwilliges Mitglied der Allgemeinen SS. Die Abschlussarbeit seines Studiums schrieb er über die nationalsozialistische Rassenlehre. Die Ausstellung will alle Aspekte beleuchten, um die Komplexität der Geschichte darzustellen.

„Die Geschichte ist nicht schwarz-weiß“, sagt Ungváry. Man könne den Zweiten Weltkrieg zwar als Kampf zwischen Gut und Böse betrachten, dies sei aber nicht wissenschaftlich. Um ein authentisches Urteil fällen zu können, hält er die wissenschaftliche Annäherung für notwendig. Nur so ließen sich die Zusammenhänge und feinen Unterschiede erkennen.

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Besucher können die Geschichte anhand von Lebensläufen von sechs Soldaten kennenlernen. (Foto: VDK)


Eine Zugehörigkeit zur SS bedeutete beispielsweise nicht, dass der Soldat mit den ideologischen Vorstellungen dieser Organisation konform ging. In Ungarn gehörten über 100.000 zwangsrekrutierte Soldaten der Waffen-SS an, während wiederum überzeugte Nationalsozialisten nicht dazugehörten. Zudem müsse allein der Begriff der SS näher betrachtet werden, da sich die Waffen-SS von der Allgemeinen SS unterscheidet. „Es ist mühsam, die Feinheiten herauszuarbeiten“, sagt Ungváry, „aber man muss sich entscheiden, ob man Interesse an der Geschichte hat, so wie sie war.“ Falls ja, müsse man auch die vielen Details beachten.

Aus gestern für heute lernen

Betrachte man in der Ausstellung in Budaörs die Details und die verschiedenen Seiten der Soldaten, komme bei vielen Besuchern Demut auf. Wie Ungváry schildert, würden einige merken, dass sie vorschnelle Urteile gefällt haben – über Menschen, die sie vielleicht zuvor nicht als solche wahrnehmen wollten. Andere würden demütig, weil sie merken, wie schnell man auf die Seite der Täter geraten kann. Es scheint die Frage im Raum zu stehen: Wie hätte ich mich unter den Umständen verhalten? Die Ausstellung, so der Historiker, wolle die Täter nicht glorifizieren, sondern prophylaktisch aufklären, wie man verhindert, selbst zum Täter zu werden. Dies hänge von familiären und politischen Hintergründen ab, die veränderbar seien. Laut Ungváry ist es zwar oft Zufall, wer Täter und wer Opfer wird. Es sei aber kein Zufall, wie der Betroffene mit diesem Umstand umgeht. Jeder könne sich positionieren beziehungsweise eine gegebene Position so oder so ausfüllen.

Seiner Meinung nach lassen sich die Probleme von damals auf den eigenen Alltag beziehen, indem man sich etwa fragt, wie lange man selbst Befehle ohne Hinterfragen einfach befolgen würde. Auch in Anbetracht, wie die Soldaten mit Ressourcen umgingen, könne man einiges für die Gegenwart mitnehmen. Im Gegensatz zur heutigen Wegwerfgesellschaft schickten sie beispielsweise kaputte Pullover von der Front nach Hause – in der Hoffnung, dass daraus noch Socken für die Kinder entstehen können. „Angesichts der Soldatenfriedhöfe und der schweren Situation, in der sich unsere Vorfahren befunden haben, sollten wir eigentlich die wenigen Entbehrungen, die uns heute ärgern, viel leichter ertragen“, bedenkt Ungváry.

Ohne ungarische Unterstützung aufgebaut

Auf die Frage, ob es nicht bei Opfern des Nationalsozialismus auf Bedenken stoßen könne, wenn vier Soldaten, die in den Reihen Waffen-SS gedient haben, von ihrer menschlichen Seite gezeigt werden, reagiert Ungváry mit Verständnis. Allerdings habe es seit der Ausstellungseröffnung keine Kritik in diese Richtung gegeben. Auch beim Aufbau der Ausstellung sei die Zusammenarbeit im Team harmonisch verlaufen, erzählt der Historiker.

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Durch die persönlichen Ausstellungsstücke wird die Geschichte greifbarer.

Herausfordernd sei aber gewesen, immer die richtigen Worte zu finden. Die Infotafeln sind auf Deutsch, Ungarisch und Englisch verfasst – und hinter jeder Sprache steht eine eigene Erinnerungskultur mit ihren Eigenarten.

Ungváry würdigt die großzügige Geste vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, den Soldatenfriedhof in Budaörs ganz allein aufzubauen. Zwischen einem Sechstel und einem Viertel der dort Bestatteten seien ungarische Staatsbürger, die zwangsrekrutiert waren. Seiner Meinung nach hätte Ungarn durchaus einen Beitrag zur Finanzierung leisten können, weil es sich auch um einen Teil der eigenen Landesgeschichte handle.

Da der Soldatenfriedhof nur mit dem Auto erreichbar ist, werde er natürlich deutlich weniger besucht als die Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt. Doch wer sich auf den Weg macht, kann innerhalb von einer Stunde einen bewegenden Zugang zu einem Kapitel der jüngeren Geschichte finden. Es dauert schätzungsweise eine halbe Stunde durch die Ausstellung zu gehen, und eine weitere, um den Friedhof abzugehen.


Deutscher Soldatenfriedhof Budaörs

2040 Budaörs, Gyár utca 2

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