Ein möglichst peinliches Kostüm – bevorzugt vom Modell Einhorn, Power Ranger oder Dirndl – für den Zukünftigen, einheitliche Motto-Shirts für den Rest und immer ein Getränk in der Hand – so sieht der Prototyp einer Bachelorparty aus. Und auch die Damen geben sich bei dieser in Europa mehr und mehr gepflegten vorehelichen Tradition gerne die Blöße – nur das hier Krönchen, Schärpen und phallusförmige Accessoires dominieren. Während der Abschied vom Single-Leben jedoch vor ein paar Jahren (wenn überhaupt) meist mit einer lokalen Sauftour erledigt war, zieht es heute immer mehr Junggesellen und Junggesellinnen zum Feiern ins Ausland. Beliebte Ziele sind unter anderem Metropolen in Osteuropa. Dort wird dann angereichert mit zahlreichen Aktivitäten häufig gleich ein ganzes Wochenende verbracht.

Die „letzten Tage in Freiheit“

Tatsächlich hat sich rund um diese besondere Form des Tourismus bereits eine ganze Branche etabliert. Verschiedenste Anbieter versprechen die „letzten Tage in Freiheit“, wie es so schön heißt, zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Fast von Anfang an im Geschäft ist Pissup Reisen. Das 2001 von den Briten Mark Robertson und Neil Smith gegründete Unternehmen war eine der ersten professionellen Reiseagenturen für Junggesellenabschiede, erzählt uns Patrick Burmeier, Senior Manager für Kommunikation und Marketing bei Pissup.

Er empfängt uns in der Budapester Niederlassung des Unternehmens in einem vornehmen Bürogebäude an der Andrássy út. Außer dem Namen an der Tür – Pissup ist ein britischer Slangausdruck für Besäufnis – weist wenig auf das Dienstleistungsspektrum der Firma hin. Auch Patrick Burmeier, Absolvent der Budapester Andrássy Universität, ist nicht etwa wie ein Partylöwe, sondern seriös in Hemd und Anzughose gewandet. Auf den Widerspruch aufmerksam gemacht, muss er lachen: „Ja, das ist hier tatsächlich etwas ‚corporate‘ für uns. Wir sind aus unseren alten Büroräumen herausgewachsen und mussten Anfang des Jahres überstürzt umziehen. Doch bald wechseln wir an einen Standort, der besser zu uns passt, wo auch schon andere junge Start-ups sitzen.“

Billigflieger schufen neues Geschäftsmodell

Dabei ist das Unternehmen bis hierher bereits einen weiten Weg gekommen. Angefangen hat alles in Großbritannien, wo Burmeiers Ansicht nach die Wiege der gesamten Branche steht. „Damals kam dort die erste Welle an Billigfliegern auf, die als Antriebsmotor hinter dieser ganzen Entwicklung ein Business wie dieses erst ermöglicht haben.“ Plötzlich, erzählt Burmeier, konnte man für wenig Geld Kurztrips zu etlichen Orte Europas unternehmen. Gerade die Engländer hätten daraufhin schnell entdeckt, dass es in anderen Städten Europas nicht nur gute Partys gibt, sondern Bier, Hotelzimmer und Unterhaltung oft auch viel günstiger sind als daheim.

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Wer kennt dieses merkwürdige Transportmittel nicht? Halb Gruppenfahrrad, halb Bar ist das Beerbike vielen Budapestern ein Ärgernis. Unter den Kunden von Pissup Reisen gehört es allerdings zu den populärsten Aktivitäten für den Junggesellenabschied.


In kürzester Zeit entstanden daraufhin zahlreiche Agenturen, die sich auf das Anbieten günstiger Städtetrips, Partyreisen und eben auch Bachelorpartys im Ausland spezialisierten. Auch Pissup Reisen bescherte der Boom ein rasantes Wachstum. Verbunden mit einem Eigentümerwechsel expandierte das Unternehmen 2007 nach Dänemark und in die angrenzenden skandinavischen Länder, seitdem führen die Dänen Mads Thorsdal und Rasmus Christiansen Pissup. 2009 wagte man den Sprung auf den bis dahin unerschlossenen deutschen Markt und 2014 nach Frankreich. In all diesen Ländern gehört Pissup heute nach eigenen Angaben zu den größten Anbietern.

Dahinter steckt viel harte Arbeit. „In Deutschland, wo heute für uns das größte Geschäft ist, waren Bachelorparty-Reisen noch 2009 kaum bekannt“, so Burmeier. Hollywoodstreifen wie „Hangover“ und die darauffolgenden Fortsetzungen hätten den Trend zum Junggesellen-Roadtrip allerdings beflügelt. Andererseits aber auch die Erwartungen an dieses Lebensereignis gesteigert.

Und so arbeiten die Mitarbeiter von Pissup Reisen heute Tag für Tag daran, ihren Kunden die „ultimative Bachelorparty-Erfahrung“ zu bieten. Wie die aussieht, wird dabei für jede Gruppe individuell festgelegt. Das Angebot an Reisezielen und Aktivitäten ist riesig. Kunden können aus insgesamt 26 Städten in ganz Europa wählen darunter Prag, Amsterdam, Hamburg, Barcelona, Tallinn sowie Warschau, aber auch Mallorca und nicht zuletzt eben auch Budapest.

Von der Stretchlimo bis zur Panzerfahrt ist alles möglich

„Meistens ist es der Trauzeuge, der ja traditionell den Junggesellenabschied organisiert, der uns nach einer ersten Recherche im Netz findet und kontaktiert“, erzählt Burmeier. „Gemeinsam mit ihm und in Absprache mit der Gruppe fangen unsere Reiseberater dann an, ein Angebot zusammenzustellen. Zunächst ist natürlich wichtig, wann soll es wohin gehen. Steht das fest, beginnen wir damit, die Aktivitäten zu planen.“

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Eine Fahrt in der Stretchlimo mit privater Stripshow? Auch das ist mit Pissup Reisen möglich.


Hier sind der Phantasie nur geringfügige Grenzen gesetzt. Man kann nicht nur zwischen herkömmlichen Bachelorparty-Programmen, wie der obligatorischen Kneipentour, einer Fahrt mit dem Beerbike oder in einer Stretchlimousine sowie einer geführte Tour durch die Clubs der jeweiligen Stadt, wählen. Das Angebot von Pissup Reisen bietet auch eine Fülle an sogenannten „Action“-Aktivitäten.

In Budapest haben Junggesellen und deren Freunde beispielsweise die Möglichkeit, tagsüber am Schießstand mit einer echten AK-47 zu schießen, Paintball zu spielen, mit einem Panzer durchs Gelände zu fahren oder überschüssige Energie abzubauen, während man mit einem Baseballschläger ein Auto verschrottet. Es gibt Angebote für jede Brieftasche – von preisgünstig bis Goldstandard. „In Prag hatten wir eine zeitlang einen Besuch auf einem Militärflughafen im Angebot. Dort konnte der Bräutigam an der Seite eines geschulten Piloten eine Runde in einem echten Militärjet drehen. Das hat dann aber gleich mal 1.500 Euro verschlungen“, schildert Burmeier. Die meisten Gruppen planen seiner Erfahrung nach dagegen eher zwischen 200 und 500 Euro pro Person für den Junggesellenabschied ein.

Mit Steak-Dinner, Burger-Essen oder der Verkostung lokaler Spezialitäten stehen zudem kulinarische Programmpunkte bei Pissup Reisen bereit. Nicht zuletzt dürfen aber natürlich auch sexy Eskapaden nicht fehlen. „Für viele gehört der Besuch im Stripclub einfach zum Junggesellenabschied dazu“, erklärt Burmeier, „Wir arbeiten hier allerdings nur mit hochklassigen Anbietern zusammen. Uns ist wichtig, dass die Rechte der Damen, die dort arbeiten, gewahrt werden und alles auf Freiwilligkeit beruht. Prostitution ist für uns eine harte Grenze.“

Innerhalb dieser Grenzen kennt Pissup Reisen jedoch zahlreiche Spielarten: Morgens im Hotel bereits mit Zimmerservice und einem Striptease geweckt werden? Kein Problem. Und bei einer Fahrt auf der Donau, die das Unternehmen mit einigem Augenzwinkern „TIT-anic“ nennt, kann mehr als nur die vorbeiziehende Landschaft und das Wasser bewundert werden.

Einen Junggesellenabschied planen, ist kein Zuckerschlecken

Was das Angebot in den Augen von Zehntausenden Kunden, die Pissup Reisen jedes Jahr durch Europa bewegt, Burmeiers Ansicht nach so attraktiv macht, ist, dass einem die gesamte Organisation vom Transport über die Unterbringung bis hin zum Programm für Tag und Abend abgenommen wird. „Wir übernehmen sogar die Kommunikation mit der Gruppe, wenn das gewünscht ist“, erklärt er.

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Das Abfeuern einer Waffe übt auf viele Männer eine große Faszination aus, weshalb Pissup Reisen auch Besuche am Schießstand im Angebot hat.


Denn die Planung eines Junggesellenabschiedes sei kein Zuckerschlecken, weiß Burmeier: „Heute haben die Leute ja meist unterschiedliche Freundeskreise, die aber für die Bachelor-Party zusammenkommen. Man muss sich also vorstellen, da organisiert der Trauzeuge ohne Wissen des Bräutigams für eine größere Gruppe von Menschen, die er vielleicht zum Teil noch nicht einmal kennt, ein Wochenende in eine Stadt, die er eventuell auch nicht kennt. Und dann steht er noch unter dem Druck, dass das für den Bräutigam eine tolle Zeit werden soll. Diese Verantwortung ist schon eine Bürde.“ Diese konnte Pissup Reisen im vergangenen Jahr 30.000 Kunden – 20.000 allein auf dem deutschen Markt – abnehmen. Das Unternehmen wirbt damit, dank seiner langjährigen Erfahrung den Junggesellenabschied zu organisieren, „den dein bester Freund verdient“.

Angesprochen auf die steigende Anzahl von Lokalen in denen, unter anderem auch in Budapest, Bachelor-Party-Teilnehmer heute keine gern gesehenen Gäste mehr sind, erklärt Burmeier: „Wir gehen mit unseren Gruppen natürlich nur dorthin, wo wir willkommen sind. Alle unsere Partner, von den Unterkünften über die Lokale bis zu den Anbietern für Aktivitäten, wissen, welche Art von Kunden wir ihnen bringen. Sie sind darauf eingestellt.“ Seiner Ansicht nach handelt es sich bei jenen Junggesellenabschieden, die für Negativschlagzeilen sorgen, allerdings meistens um Partys, die auf eigene Faust organisiert wurden. „Natürlich verderben wir den Leuten nicht durch all zu viele Verhaltensregeln den Spaß, die sollen ruhig die Sau rauslassen dürfen“, so Burmeier. Dafür, dass dabei jedoch nicht alles aus dem Ruder läuft, sorgen unter anderem die lokalen Guides des Unternehmens, die die Gruppen bei ihren Programmen begleiten und bei möglichen Problemen aus der Patsche helfen.

„Die Menschen denken da ein Leben lang dran zurück“

Auch wenn Pissup Reisen sein Hauptgeschäft mit Junggesellenabschieden macht, hat das Unternehmen das wachsende Potenzial weiblicher Kunden erkannt. 2014 gründete es die Marke Chamica, die entsprechende Angebote für Junggesellinnenabschiede vertreibt. Allerdings seien die Frauen nicht so einfach zufriedenzustellen wie die Männer, erklärt Burmeier: „Die Damen sind viel anspruchsvoller, es ist viel schwieriger sie zu überzeugen. Einem Mann machst du ein paar Vorschläge und er sagt ‚machen wir so‘. Die Frauen sind da oft selbstständiger. Sie haben mehr Lust, so etwas selbst zu organisieren und Angebote zu vergleichen.“

Und obwohl Chamica bei Weitem nicht so profitabel sei wie Pissup, gibt das Unternehmen die Damenwelt noch nicht auf: „Wir hoffen, dass wir in Zukunft unsere Angebote einfach noch mehr auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe zuschneiden können. Sicher gibt es da ein Konzept mit dem wir auch Frauen erreichen können, wir müssen halt nur überlegen, wie das aussehen kann“, so Burmeier. Er lächelt verschmitzt. Dass er an seiner Arbeit Spaß hat, ist ihm anzusehen: „An etwas teilzuhaben, von dem du weißt, dass die Menschen ihr Leben lang daran zurückdenken werden, ist einfach ein cooler Motivator. Einige unserer Kunden werden zum Beispiel noch in 20 Jahren davon erzählen, wie geil das damals war beim Junggesellenabschied in Budapest.“


Wer mehr über Pissup Reisen erfahren möchte, kann sich ausführlich auf der Unternehmenswebseite www.pissup.de informieren. Weiteres zu Chamica gibt es auf www.chamica.eu.

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