Der Name „Shell Beach“ erzeugt im Kopf der meisten Menschen ein Bild von Sommer, Sonne und Sand – zum musikalischen Genre der Budapester Band passt das jedoch weniger. Die fünfköpfige Gruppe zählt sich nämlich zu einem Subgenre des Punkrocks: dem Post-Hardcore. Bezeichnend für diesen Musikstil sind unter anderem dynamische Kontraste, die durch die Kombination von melodischen und geschrienen Vocals entstehen. Trotzdem findet Schlagzeuger Dániel Szalay, man könne Shell Beach mit den früheren Beach Boys vergleichen. „Die Shell Beach Boys sozusagen!“, wirft Gitarrist und Backgroundsänger Pál Somló mit einem herzhaften Lachen ein.

Obwohl sie persönlich von Popmusik über Indie bis Elektro eine breite Palette an Genres genießen – wenn es ums Selbermachen geht, dann muss es für die jungen Musiker der Post-Hardcore sein. „Weil mir das am Nächsten steht und ich mich in diesem Genre bestmöglich ausdrücken kann“, erklärt Pál und zieht an seiner Zigarette. „Sich ausdrücken“, das tut Pál mit Shell Beach schon seit elf Jahren, er ist eines der Gründungsmitglieder der Band.

Deutsches Label und englische Liedtexte

Ihr Debütalbum „Acronycal“ gab die Postcore-Gruppe noch im Gründungsjahr 2007 beim ungarischen Label EDGE Records heraus. Doch erst im Jahr 2014 erschien ihre zweite Langspielplatte „This is Desolation“. Diesmal beim deutschen Redfield Records. „Damals haben wir uns nach verschiedenen Labels umgeschaut, Redfield Records waren jedoch unsere absolute Nummer eins. Jahrelang hatten wir sie kontaktiert, aber nie eine Antwort erhalten. Irgendwann haben wir dann aufgegeben und unser Album selbst veröffentlicht – da flatterte einen Tag später die Nachricht vom Label herein, dass sie unser Album rausbringen wollen. Das haben wir nicht glauben können!“, erzählt Pál und schüttelt ungläubig lachend den Kopf.

Die Musik auf „This Is Desolation“ beschreibt das ungarische Musikmagazin nuskull wie folgt: „Selbst bei den langsameren und drückenderen Songs bleibt jede Melodie kleben, jede Veränderung klingt vollendet und jede Minute vibriert durch die Impulse. Achten Sie auf die Gitarren!“

Die englischen Songtexte möchten Pál und Dániel nicht interpretieren – sie stammen nämlich noch aus der Feder des ehemaligen Sängers der Band, Zoltán Totik. „Ich gebe ehrlich zu: In die Songtexte habe ich mich nie eingemischt. In puncto Melodien und ‚Screams‘ allerdings schon, die haben wir zusammen kreiert. Die meisten Texte von Zoli verstehe ich offen gesagt selber nicht“, gibt Pál lachend zu.

Glück im Unglück

2016 folgte die aktuelle EP „Changes x Restless x Faithless“. Zu dieser Zeit verließ der damalige Schlagzeuger nach acht gemeinsamen Jahren die Band – gerade als Shell Beach vor einer großen, mehr als zweiwöchigen Europatournee stand. Als wäre das nicht genug, habe kurz darauf auch Sänger Zoltán Totik seine Ausstiegspläne bekannt gegeben, spielte die verbliebenen Konzerte aber noch zu Ende.

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Shell Beach in (fast) aktueller Besetzung, hier noch ohne Frontmann: Viktor Sági, Mátyás Mohácsy, Pál Somló, Dániel Szalay (v.l.) (Foto: Bernadett Fejér)


Pál gesteht: „Wir hatten 2017 einen ziemlichen Tiefpunkt und standen vor dem Scheideweg: Entweder wir finden einen neuen Schlagzeuger und einen neuen Sänger – oder wir lösen die Band auf.“ Glücklicherweise haben Shell Beach nach etlichen Versuchen mit anderen Schlagzeugern Dániel Szalay als perfekten Nachfolger gefunden. Er schloss sich der Band im Frühjahr 2018 an. Nur die neue Stimme fehlte damals noch – und das, obwohl erneut eine Europatournee und drei Festivals anstanden.

Durch eine befreundete Band gelang es den Musikern jedoch noch rechtzeitig, Zoltán Bodóczy als neuen Frontmann an Bord zu holen. Und weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, gab es noch einen weiteren Mitgliederwechsel in diesem ereignisreichen Frühling: „Unser vorheriger Gitarrist Viktor Sági, der 2015 ausgestiegen war, ist nun wieder mit dabei“, sagt Pál. Der Bassist der Band, Mátyás Mohácsy, ist als Gründungsmitglied ebenfalls noch Teil der Band.

Alles neu macht der Mitgliederwechsel

So ein Mitgliederwechsel bedeutet selbstredend einen riesigen Wandel für eine Band. Vor allem, wenn Gesang und Schreie, die sogenannten Shouts, eine andere Stimme einnehmen. Denn sie verleihen der Musikgruppe den Wiedererkennungswert. Pál Somló glaubt: „Unsere Musik wird sich natürlich schon sehr verändern. Ich kann aber noch nicht sagen, inwiefern, weil wir noch gar nicht an dem Punkt stehen, das beurteilen zu können. Gerade sind wir in der Phase, zu proben und neue Songs zu schreiben.“

Dániel hingegen ist sich sicher, dass eine gewisse Veränderung zu hören sein wird: „Ich finde aber nicht, dass unsere Musik vollkommen unerkennbar sein wird. Ich liebe es, die früheren Shell-Beach-Songs zu spielen. Aber in den neuen Songs wird schon die Art und Weise zu erkennen sein, wie ich es mag, das Schlagzeug zu spielen, und wie unser neuer Sänger es mag, zu singen“, erklärt er, überlegt kurz und konkretisiert: „Dániel Ivánfi, der vorherige Schlagzeuger, mochte es, viele verschiedene Dinge aneinanderzureihen und viel Abwechslung reinzubringen. Ich dagegen bevorzuge es, ein bis zwei Themen aufzugreifen und diese länger hinauszuzögern. Letztendlich wird mir aber die gesamte Musik diktiert, was ich mache, muss zum Gefühl des Songs passen.“

Auf neue Musik müssen die Fans aber noch ein bisschen warten. „Wir haben momentan noch keine fixen Texte und Melodien, sondern nur grobe Themenideen – aber nächstes Jahr wollen wir definitiv neue Songs rausbringen“, verkündet Pál. Auch die nächsten Konzerte sind schon in Planung. Ab Frühling 2019 sollen die ersten Live-Auftritte folgen, darunter zwei Tourneen: Eine im Ausland – mit vier Shows in Deutschland – und eine Ungarn-Tour.

„Unser Stil kommt bei Leuten an, von denen wir weiter weg sind“

Die Budapester Musiker haben aber schon Festivalerfahrung: Dieses Jahr spielten sie auf dem weltbekannten Sziget-Festival, dem Bánkitó-Festival in der ungarischen Gemeinde Bánk und dem tschechischen Rock for People, welches sie mit Abstand als ihren Favoriten bezeichnen. Pál erinnert sich: „Das ist ein tolles Festival mit ausgezeichnetem Line-Up für Post-Hardcore- und Punk-Fans.“

Dániel ist vor allem vom Publikum angetan: „Ich weiß nicht, wie viele Leute uns kannten, aber ich war absolut überrascht, wie viele tatsächlich gekommen sind, um uns zu sehen. Es gab sogar einige, die unsere Texte mitgesungen haben! Ich war absolut überrascht und hab mich gefragt, woher zur Hölle sie die kennen. Als wir auf dem Sziget gespielt haben, kamen viel weniger Besucher, als in Tschechien – und mitgesungen hat auch keiner“, wundert sich der Schlagzeuger.

Pál ergänzt: „Leider muss ich zugeben, dass für diesen Musikstil daheim in Ungarn nicht wirklich der Platz geboten wird. Es ist natürlich etwas unglücklich, dass wir gerade bei Leuten ankommen, die etwas weiter von uns weg sind und zu denen wir seltener kommen. Aber wenn wir dort sind, dann ist das immer ein absolutes Fest.“

Mit Herz und Leidenschaft für ein starkes Genre

Besonders in Westeuropa sei die Musikszene im Hinblick auf das Post-Hardcore-Genre viel offener, findet der Sänger von Shell Beach: „Ich gehe sehr oft im Ausland auf Konzerte. Dort gibt es noch extrem gute Clubs, zum Beispiel in Tschechien, Polen und auch in Berlin. In Budapest dagegen killen sie die Clubs, es gibt kaum noch Plätze für Livemusik aus der Underground-Szene. Ich kann diese Lokale an einer Hand abzählen – außerhalb von Budapest geht sowieso nicht viel. Die Szene wird hier nicht wirklich unterstützt. Ich finde das schade, denn Post-Hardcore ist ein starkes Genre. Für mich ist das mein Leben.“

Laut den Musikern gibt es aber auch solche Menschen, die es als ihre Mission sehen, Post-Hardcore-Konzerte zu planen und sich darum zu bemühen, dass diese Kultur nicht untergeht, zum Beispiel der Budapester Dürer Kert. „Sie tun das mit ganzem Herzen“, ist Pál überzeugt.

Dániel glaubt, einen weiteren Grund für die Verdrossenheit in den heranwachsenden Generationen von Musikrezipienten zu erkennen. „Ich habe das Gefühl, die jüngeren Generationen werden mit so viel verschiedener neuer Musik vollgepumpt, dass sie gar keine Zeit haben, ältere Genres anzuhören – oder das Genre begeistert sie einfach nicht mehr so. Dann fühle ich mich alt und finde das komisch, weil ich mit 17 Jahren noch Led Zeppelin gut fand, die man vor gefühlt 600 Jahren gehört hat“, vergleicht Dániel selbstironisch.

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Dániel Szalay und Pál Somló hoffen, dass Shell Beach trotz der Veränderungen innerhalb der Band, die sich in der Musik widerspiegeln werden, bestehen bleiben. (Foto: BZT / Andrea Ungvari)


Dann ergänzt er: „Viele YouTuber und Blogger beispielsweise benutzen heute Apps, bei denen man das Singen imitiert, anstatt ernsthaft zu musizieren. Diese Menschen und was sie machen, gelten heute bei den Jugendlichen als cool. Selbst ein Instrument in die Hand zu nehmen und etwas zu kreieren dagegen nicht mehr so. Da hat irgendwie keiner mehr Lust drauf, weil man verdammt viel Arbeit reinstecken muss, um überhaupt einigermaßen gut zu werden.“

Blick in die Zukunft

Über ein Jahrzehnt zu bestehen, ist eine nennenswerte Sache für eine Band, die mehrere Mitgliederwechsel meistern musste. Für die Zukunft fallen die Wünsche von Pál und Dániel daher eher bescheiden aus: „Mein Traum ist es zu überleben“, scherzt Dániel und fügt ernst hinzu: „Ich hoffe, dass wir trotz der Veränderungen, die sich auch in der Musik widerspiegeln werden, bestehen bleiben. Ich glaube nicht unbedingt, dass Shell Beach in Ungarn zu einer überaus erfolgreichen Band aufsteigen wird oder tausende Menschen mobilisieren wird. Aber wenn wir nur ein paar coole Clubpartys haben werden und einige Songs schreiben können, die uns wichtig sind und auf dem Schirm bleiben – dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Auch Pál hat ähnliche Wünsche für die Zukunft der Band: „Ich liebe es, Musik zu machen, das ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Solange wir neue Musik machen und touren können, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Deshalb ist das mein Traum für die Zukunft. Dabei machen wir immer einen Schritt nach dem anderen. Momentan ist das die neue Platte, an der wir arbeiten, danach folgen die vielen Touren und Festivals.“ Kurz darauf fällt Pál noch ein besonderer Wunsch ein: „Ich möchte unbedingt mal im Vereinigten Königreich spielen, dort waren wir noch nie. Vor allem in London und in Brighton hört einfach jeder diese Art von Musik. Jeder! Verdammt noch mal, da müssen wir unbedingt mal hin!“


Die Musik von Shell Beach gibt es auf iTunes oder unter https://shellbeachband.bigcartel.com/ zu kaufen.

Weitere Informationen zur Band finden Sie unter anderem auf Facebook unter www.facebook.com/shellbeachband

Studiosessions, Musikvideos sowie das volle Album „This Is Desolation“ gibt es auf https://www.youtube.com/user/shellbeachband/

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