Die insgesamt 34 Texte beschäftigen sich auf Deutsch beziehungsweise in zwei Fällen auf Englisch aus geschichts-, politik-, kultur- oder literaturwissenschaftlicher Sicht mit dem Themenkomplex Ungarn. Das Werk ist dabei nach Gattung unterteilt in die fünf Kapitel „Abhandlungen“, „Forschungsberichte“, „Mitteilungen“, „Besprechungen“ und „Chronik“. Diese Vielseitigkeit ist eine der Stärken interdisziplinärer Forschungsliteratur und zugleich ein Gewinn für den Leser, der sich aus verschiedenen Perspektiven sowie anhand verschiedener Aspekte dem Feld „Ungarn“ nähern will.

Das Buch kann so nämlich in verschiedenen Zusammenhängen unter anderem die früher wie heute bestehende Diversität der ungarischen Gesellschaft und deren Historie beleuchten. Dies geschieht etwa über die Biographien einzelner Persönlichkeiten (Georg Wernher, Ferenc Akáts), einzelner Volksgruppen (slawonische Aristokraten im Königreich Ungarn), durch die Analyse der besonders im Szeklerland präsenten orientalischen Wandbehänge beziehungsweise Kunstwerke aus der Zeit der türkischen Besatzung Ungarns („The Odalisque“) sowie über Untersuchungen anderer Aspekte des letzteren Zeitabschnittes, in der etwa auch der Kroate Nikola Zrinski, in Ungarn besser bekannt als Zrinyi Miklós im Kampf für Ungarn starb. So erfährt der Leser etwa auch, dass der heutige Stadtteil der südwestungarischen Stadt Szigetvár, Turbék, ursprünglich der Ort der Türbe des dort verstorbenen Suleiman des Prächtigen war und daher auch seinen Namen trägt.

Von 1956 und der „Szekler-Aktion“

Weitere Themen im Jahrbuch sind beispielsweise der ungarische Turanismus (Glaube an eine gemeinsame Abstammung aller Turkvölker) und der Volksaufstand von 1956, der im heutigen Ungarn immer noch unterschiedlich gedeutet wird. Lengyel selbst spricht in seinem Beitrag hierzu vom „unterbrochenen Sieg einer Unabhängigkeitsbewegung“. In dem Text stellt er unter anderem heraus, dass die antikommunistische Bewegung in Ungarn deshalb unter jenen der anderen Sowjet-Satellitenstaaten heraussticht, weil es sich um einen gemeinsamen, gesamtgesellschaftlichen Kampf („getragen von Intellektuellen, Arbeitern und Bauern“) gegen einen Feind handelte.

Das Werk enthält ferner Wirtschaftsgeschichtliches, beispielsweise zu den Verhandlungen des Zoll- und Handelsvertrages von 1891 zwischen dem Deutschen Reich und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie oder zur sogenannten „Szekler-Aktion“ 1902-1914 zur Entwicklung der regionalen Wirtschaft im Szeklerland. Letzterer Text informiert, dass sich auch damals das „Mutterland“ den „weggerissenen Landesteilen“ gegenüber verpflichtet fühlte, und daher die schwierige ökonomische Lage des Szeklerlandes ein auch in den ungarischen Medien wie in der ungarischen Gesellschaft präsentes Thema war, dem man sich aus politischen Gründen annehmen musste.

Tradition der deutschsprachigen Ungarn-Forschung

Sich auf Deutsch wissenschaftlich mit Ungarn zu beschäftigen, hat Tradition, alleine schon deshalb, weil auch viele frühere ungarische Gelehrte auf Deutsch publizierten. László Lukács zählt in seinem Beitrag „Über vergessene Bücher“ deutschsprachige Beschreibungen Ungarns auf, die zum Teil aus dem 17. Jahrhundert stammen. Lukács ist sich sicher, dass „die beiseite gelegten, oft aus politischen und ideologischen Gründen verschwiegenen Bücher selbst nach jahrzehntelanger Stille etwas von den Bestrebungen, Ideen und Ergebnissen der früheren Gelehrtengenerationen mitteilen können.“

Eine noch plastischere Brücke zwischen Deutschland und Ungarn schlägt Ralf Göllner in seinem Vortragstext „Von Visionen zu Taten“ über den laut Kossuth „größten Ungar aller Zeiten“, über Graf István Széchenyi: Göllner erklärt, dass die nach Széchenyis Plänen erbaute Kettenbrücke „Sinnbild für die traditionell engen Beziehungen zwischen Bayern und Ungarn, Regensburg und Budapest“ sei, und dass sich diese Verbindung auch im Forschungs- und Lehrkonzept des Ungarischen Instituts der Universität Regensburg widerspiegele. Das Ungarn-Jahrbuch kann mit seinem allumfassenden Forschungsansatz als der gedruckte Beweis hierfür stehen.


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Ungarn-Jahrbuch 33 (2016/17) . Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie

von Zsolt K. Lengyel

400 Seiten, Verlag Friedrich Pustet, 2018.

44 Euro

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