Es ist nun bereits das 15. Jahr in Folge, dass Verzió die Budapester mit den aktuell besten Dokumentarfilmen beglückt. Seit seinen Anfängen im Jahr 2004, erklärt Festivaldirektorin Oksana Sarkisova, habe es sich das Filmfestival zur Aufgabe gemacht, anhand seiner Filmauswahl „die Realität einzufangen, verborgene Phänomene aufzudecken und menschliche Schicksale darzustellen“. Kurzum, einen visuellen Eindruck dessen zu geben, was – ob nah, ob fern – um uns herum geschieht. Dabei scheut das Festival auch nicht vor komplexen Fragen zurück. Zum Beispiel: „Welche Spuren hinterlassen wir für zukünftige Generationen?“

Eröffnungsabend mit Doku aus dem Ukrainekrieg

Schon am ersten Festivalabend müssen sich Zuschauer auf reichlich Tiefgang gefasst machen. Mit „Nine Month War“ eröffnet seit Langem mal wieder eine ungarische Produktion das Festival. Der 71-minütige Dokumentarfilm von Regisseur László Csuja erzählt die Geschichte eines jungen Ungarn aus der Westukraine: Jani ist überbehütet und sucht nach einem Abenteuer, um seine Männlichkeit und seinen Mut auf die Probe zu stellen. Seine Einberufung zum Militärdienst sieht er daher als Chance. Bald schon an der Front verändert ihn die Kriegserfahrung jedoch für immer. Hautnah entlarvt der Film die Auswirkungen des Militärdienstes und des Krieges auf diejenigen, die mit naiven Vorstellungen in ihn eintreten.

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László Csujas „Nine Month War“ begleitet einen jungen Soldaten im Kriegseinsatz im Osten der Ukraine: Seiner Mutter sendet er regelmäßig Videobotschaften von der Front.


Im Anschluss an die Vorführung erhalten Zuschauer die Möglichkeit, in einem Q&A mit dem Regisseur persönlich über den Film und seine Hintergründe zu diskutieren. Der Eröffnungsabend des Verzió-Festivals findet aufgrund der großen Nachfrage in diesem Jahr erneut im Kulturhaus Trafó im IX. Bezirk statt.

Deutscher Film „The Poetess“ im Rennen um den Festivalpreis

An den darauffolgenden fünf Festivaltagen bietet die 15. Ausgabe des Verzió-Filmfestivals jedoch ebenfalls eine aufregende Auswahl der besten Dokumentarfilme der letzten Jahre. Dabei sind nicht nur Filme aus Ungarn, den USA, aus Kuba, Russland und Israel, sondern auch aus Deutschland: So wird etwa der Film „The Poetess“ gezeigt, in dem die Dokumentarfilmmacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolf eine der wohl ungewöhnlichsten Künstlerinnen der Welt, die saudiarabische Dichterin Hissa Hilal, porträtieren.

Sie schaffte es als erste Frau ins Finale der saudiarabischen TV-Show „Million‘s Poet“. Ihre dort vorgetragenen Zeilen kritisierten die patriarchal organisierte Gesellschaft der arabischen Welt, den Terrorismus und das Weltbild von Islamisten. Damit sorgte die Mutter von vier Kindern weltweit für ein gewaltiges Medienecho. Die Doku wird gemeinsam mit elf weiteren im Wettbewerbsprogramm des Festivals gezeigt und hat somit die Chance auf den mit 1.000 Euro dotierten Preis „Bester Menschenrechts-Dokumentarfilm“ der Verzió-Filmstiftung.

Arbeit, Erinnerungen und Umwelt im Fokus der Panoramaauswahl

Neben dem allgemeinen Wettbewerbsprogramm gibt es aber auch erneut eine Panoramaauswahl, bei der in diesem Jahr drei Themen im Fokus stehen:

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Zum einen soll die Arbeitswelt besonders unter die Lupe genommen werden. Einer der Hauptpartner des diesjährigen Festivals ist daher auch die International Labour Organisation (ILO), die sich mit der Gegenwart und Zukunft der Arbeit befasst. Sie half bei der Filmauswahl für die Sektion „Arbeit: Unser Leben“. Die ausgewählten Werke entführen die Zuschauer unter anderem unter Tage, in den Alltag ukrainischer Kohle-Kumpels und in die harte Wirklichkeit in indonesischen Schwefelwerken sowie an pakistanischen Häfen („The Workingman’s Death“). Sie geben die Chance, einen schwedischen Topmanager zu begleiten, der Russlands größten Autohersteller, das ehemalige Staatsunternehmen Avtovaz, erneut profitabel machen soll („The Russian Job“). Und sie beleuchten die Folgen der Arbeit mit hochgiftigen Materialien im Bereich der Elektrotechnik in China („Complicit“).

Die Panoramasektion „Formen der Erinnerung“ hingegen ergründet Spuren der Vergangenheit. Sie beschäftigt sich mit der komplexen Idee, die hinter der Archivierung von eigentlich flüchtigen Konzepten wie Erinnerung steht, sei es nun am Beispiel wiederentdeckter, mehr als hundert Jahre alter Fotografien einer ehemaligen Goldgräberstadt am Yukon („Dawson City: Frozen Time“) oder neuerer Bilder, die die verleugnete NS-Vergangenheit des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim beleuchten („Waldheims Walzer“, Film in deutscher Sprache).

Die Filme der Panoramasektion „Unsere Erde: Grenzen durchbrechen“ visualisieren wiederum die radikalen ökologischen und sozialen Auswirkungen unserer heutigen Gesellschaft. Sie nehmen mit auf einen Spaziergang durch französische Wälder („The Time of Forests“), auf Ölfelder in Texas („Beautiful Things“) und in die Bernsteinminen von Myanmar („Blood Amber“).

Die Filme werden, falls nicht in Originalsprache, mit englischen Untertiteln gezeigt und sind somit ein Geheimtipp für alle Expats. Tickets für einzelne Vorführungen können ab dem 31. Oktober in den Kinos Toldi, Művész und Kino für je 1.200 Forint erworben werden. Wer sich zum Kauf eines Festivalpasses (bereits jetzt erhältlich) entscheidet, kann für 6.000 Forint bis zu zehn Filme sehen. Nicht eingeschlossen ist der Eröffnungsabend.

Weitere Informationen, das Filmprogramm und alle Veranstaltungsorte des Festivals finden Sie unter www.verzio.org

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