Es bis nach Hollywood schaffen, das ist bis heute der Traum fast aller europäischen Filmemacher. Gelingen tut es nur den wenigsten. Dabei gab es eine Zeit, in der es in der Welthauptstadt der Filmindustrie vor Mittelund Osteuropäern nur so wimmelte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts legten sie unter anderem die Grundsteine für den bis heute durchschlagenden Erfolg der Traumfabrik. Genau dieses kulturhistorische Phänomen ist es, das der Filmhistoriker Péter Muszatics in seinem Anfang Juni im Kossuth-Verlag erschienenen Buch „Wien, Budapest, Hollywood – Der Einfluss Österreich- Ungarns auf den amerikanischen Film“ (Originaltitel: „Bécs, Budapest, Hollywood – Ausztria–Magyarország hatása az amerikai filmre“) genauer unter die Lupe nimmt. Erschienen ist das Werk bisher nur auf Ungarisch. Muszatics ist seit 13 Jahren Mitorganisator des Miskolcer Filmfestivals Jameson CineFest und Kurator der Programmreihe „CineClassics“. Seit 12 Jahren ist er zudem publizistisch tätig. Er veröffentlicht unter anderem regelmäßig bei ungarischen Kultur- und Filmmagazinen wie Vigilia, Metropolis oder Revizor. Mit der Budapester Zeitung traf sich Muszatics im Kaffeehaus Centrál und sprach über Ungarn und Österreicher in Hollywood, die Bedeutung einer gemeinsamen Kultursprache und darüber, was er mit Krimiautoren gemeinsam hat.


Herr Muszatics, warum hat Sie dieses Thema so fasziniert?

Die Geschichte des Films hat mich eigentlich schon immer interessiert. Seit neun Jahren organisiere ich im Rahmen des internationalen Filmfestivals Jameson CineFest die Programmreihe CineClassics mit, in der wir uns mit filmhistorischen Themen auseinandersetzen, aber auch Retrospektiven und Konferenzen zu Schlüsselfiguren des Films veranstalten. Dabei fokussieren wir uns meist auf Mitteleuropäer, die in Hollywood Karriere gemacht haben. Mich interessierte, warum gerade diese Menschen es zu so großem Erfolg gebracht hatten. Warum waren so viele von denen, die sich in der Hollywood- Filmgeschichte verewigt haben, aus dieser Region und nicht etwa aus Frankreich oder Spanien? Was haben sie mitgebracht?


Die Mitteleuropäer und beispielsweise auch die Ungarn hatten also damals wirklich einen großen Einfluss auf die amerikanische Filmindustrie?

Ja, genau. Auffällig viele unter den erfolgreichen Figuren der frühen Hollywoodgeschichte stammen aus dieser Region. Ich will nicht sagen, dass es damals nur die Österreicher und die Ungarn waren, das wäre Blödsinn. Natürlich gab es auch Namen wie Frank Capra aus Italien und viele andere, die ebenfalls einen großen Einfluss hatten. „„


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„Was die Mitteleuropäer mitbrachten, war vor allem eine übernationale Sprache und viele menschliche Erfahrungen“, erklärt Péter Muszatics das Erfolgsrezept der Mitteleuropäer in Hollywood.


Aber warum hatten Ihrer Ansicht nach die Mitteleuropäer trotzdem die Nase vorne?

Darauf habe ich versucht, in meinem Buch eine Antwort zu finden oder zumindest über mögliche Antworten zu spekulieren. Mir ist wichtig, zu betonen, dass ich nicht den Anspruch auf die absolute Wahrheit erhebe. Vielleicht sind die Antworten, die ich gebe, auch eher als Anregungen zum Weiterdenken zu verstehen. Im Buch fokussiere ich mich vor allem auf die Rolle der Donaumonarchie: Um 1900 herum, nach dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn, florierte diese Region. Allerdings war es auch eine Zeit der Fragmentierung. Die Tschechen, Slowenen, Slowaken, Rumänen, u.s.w., und natürlich auch die Ungarn wünschten sich alle die Unabhängigkeit, sie wollten ihre eigene Sprache und eigene Kultur pflegen. Trotzdem existierte innerhalb des riesigen Vielvölkerstaates eine gemeinsame übernationale Kultursprache – vor allem in Wien und in Budapest. Das war vor allem eine Art Boulevard- oder Operettensprache, der gemeinsame Klischees, typische Charaktere und dramaturgische Linien zugrunde lagen. „„


Aber was hat das jetzt mit Hollywood zu tun?

Diese Menschen, die aus Österreich- Ungarn nach Hollywood immigrierten, haben in ihrer Heimat gelernt, Geschichten so zu erzählen, dass sie damit ein besonders breites, heterogenes Publikum ansprechen. „„


Sie meinen, anders als vielleicht in Frankreich, wo Kulturschaffende nur die Franzosen, also eine relativ homogene Bevölkerungsschicht, adressieren mussten, standen Kulturschaffende, wenn sie in der Monarchie erfolgreich sein wollten, vor der Herausforderungen, ganz viele verschiedene Volksgruppen ansprechen zu müssen?

Vielleicht nicht bewusst, aber es war irgendwo auch ein ökonomischer Zwang. Wenn ein Stück in Kolozsvár gespielt wurde, wo Ungarn, Deutsche und Rumänen lebten, dann konnte das Stück nicht nur eine nationale Geschichte erzählen, es brauchte eine übernationale Handlung – etwas, was all diesen Bevölkerungsgruppen gefallen konnte. Ein größeres Publikum bedeutete mehr Profit. Es gab also ein Interesse daran, dass diese Werke für möglichst viele Menschen nachvollziehbar sein sollten. Dabei durften sie nicht zu tief, aber auch nicht zu oberflächlich sein. Das erforderte eine sehr subtile Erzählweise, die in der multinationalen Donaumonarchie vor allem innerhalb der damaligen Popkultur, also in Operetten und Boulevardstücken existierte. „„


Ihre These ist also, weil die USA auch ein Vielvölkerstaat sind und waren, konnte diese Art nationalitätenunabhängiges „Storytelling“, wie es die Immigranten mitbrachten, dort besonders fruchten?

Ja, absolut. Es gab jedoch einen großen Unterschied: Während die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Donaumonarchie zu dieser Zeit nach nationaler Unabhängigkeit und kultureller Abgrenzung strebten, war in den USA das genaue Gegenteil der Fall: Man wollte kooperieren, zusammengehören und zu 150 Prozent nur Amerikaner sein. Da waren die Immigranten mit ihrer Art, Geschichten zu erzählen, die alle ansprechen, sozusagen „the right men in the right place“. Das galt insbesondere für das Medium Film, das es ja schaffte, weite Teile der multikulturellen Gesellschaft der USA zu erreichen.


In den 1920er-Jahren gehörte der Wien geborene Erich von Stroheim mit Filmen wie „Gier“ und „Die lustige Witwe“ zu den führenden Regisseuren in Hollywood.


Das klingt sehr einleuchtend, wie Sie das beschreiben, aber gab es auch Schwierigkeiten, wenn es darum ging, diese sehr europäisch geprägte Kultursprache in die USA zu übertragen?

Im Buch schreibe ich unter anderem darüber, dass das dramatische Ende, wie es etwa Regisseure wie Erich von Strohheim genutzt haben, in Hollywood nicht funktionierte. Das amerikanische Publikum wollte ein Happy End. Man wollte das Leben einfach positiv betrachten, obwohl man natürlich wusste, dass von 100 Menschen höchstens zehn den amerikanischen Traum verwirklichen können. Das war einfach eine Mentalitätsfrage. Trotzdem gab es immer auch solche Regisseure, die dem Mainstream nicht gefolgt sind, aber für den amerikanischen Film genauso wichtig waren. Von Strohheims „Gier“ bis hin zu „Citizen Cane“ von Orson Wells oder später „Dr. StrangeLove“ von Stanley Kubrick zeigen alle ein anderes Bild von Amerika, sie zeigen den Abgrund und erzählen etwas über die Conditio humana. „„



Im Buch heißt es, dass dieser Blick in den Abgrund aber auch ein Grund für den Erfolg der Mitteleuropäer in Hollywood war.

Genau. Diese Emigranten kamen zwar in Wellen, aber sie alle haben in Europa viel über die Abgründe der Menschheit gelernt. Viele haben gesehen, wie die Monarchie zusammengebrochen ist, wie Revolutionen und Diktaturen kamen und gingen. Manche haben zwei Weltkriege und zum Teil auch den Holocaust erlebt. Sie haben also viele menschliche Erfahrungen mitgebracht. Das, zusammen in einer gelungenen Mischung mit der Boulevardsprache, die diese Filmschaffenden beherrschten, gehörte zum Erfolgsrezept der Wiener und Budapester.


„„Im Buch haben Sie sich drei besondere Karrieregeschichten ausgesucht, anhand derer sie den Einfluss Mittel- und Osteuropas in Hollywood belegen. Interessanterweise haben alle drei ein und denselben Stoff bearbeitet. Was war der Hintergrund dafür?

Genau. Ich habe mir als Beispiel „Die lustige Witwe“ genommen. Zum einen als 1905 uraufgeführte Operette von Franz Lehár, aber auch als Stummfilmfassung von Erich von Strohheim, 1925, und als Tonfilmfassung von Ernst Lubitsch, 1934. Ich versuche jedoch nicht nur drei verschiedene Interpretationsgeschichten zu beschreiben, sondern erzähle anhand dessen auch drei sehr unterschiedliche Karrieregeschichten. Erich von Strohheim beispielsweise, der in Wien geboren wurde, kam nach Amerika, weil er süchtig nach Abenteuer war. Trotzdem war er ein sehr seriöser und kompromissloser Regisseur, der auch die Abgründe zeigte. Ernst Lubitsch, der 1922 aus Berlin übersiedelte, war dagegen ein Mainstream- Regisseur. Er hat in seinen Filmen mit viel Ironie und Witz gearbeitet. Er konnte das Leben einfach nicht zu ernst nehmen. Damit hat er viele Filmemacher von Preston Sturges über Billy Wilder bis hin zu Quentin Tarantino beeinflusst. „„


Die große Offenheit Hollywoods, die es damals gegenüber Filmschaffenden aus Mitteleuropa gab, scheint heute so gut wie verschwunden zu sein. Oder haben Sie doch noch Einfluss?

Ab und zu vielleicht – zum Beispiel Roman Polanski, Miloš Forman oder Janusz Kaminski –, aber sie sind heute nicht mehr so prägend wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Trotzdem – viele Dinge, die Lubitsch und die anderen damals geschaffen haben, also diese dramaturgischen Elemente und Charakterdarstellungen, die Planung der Kameraarbeit, das alles geht zum Teil auf die Mitteleuropäer zurück. Sie wirken also bis heute nach. „„


Der deutschstämmige Ernst Lubitsch machte sich vor allem als Regisseur von kultivierten und eleganten„Salonkomödien“ im Hollywood der 20er und 30er einen Namen.


Dem Buch liegt Ihre Doktorarbeit an der Budapester Theater- und Filmhochschule aus dem Jahre 2017 zugrunde. Haben Sie den Stoff für die kommerzielle Veröffentlichung noch einmal stark überarbeiten müssen? Und sehen Sie Ihre Leserschaft ausschließlich in einem Fachpublikum?

Nein, mein Ziel war, das Buch so zu schreiben, dass es für alle Menschen interessant sein kann. Außerdem mag ich diese Fachbücher nicht, die sich selbst so ernst nehmen. Ich denke, es ist möglich, über fast jedes Thema auch in einer verständlichen Art zu schreiben. Das ist mir natürlich nicht immer leicht gefallen. Für die Buchveröffentlichung habe ich vor allem auf die vielen Fußnoten verzichtet, damit es lesbarer wird, ansonsten ist der Text mit dem meiner Doktorarbeit identisch. Mir war allerdings beim Schreiben der Arbeit bereits klar, dass ich es als Buch herausbringen möchte. Schließlich ist das ziemlich viel Arbeit und da wollte ich nicht, dass es in einer Bibliothek neben 15 anderen Dissertationen verstaubt. „„


Wie sind Sie bei der Recherche für das Thema vorgegangen?

Vieles hatte ich zuvor bereits im Rahmen anderer Programme aufgearbeitet, aber natürlich habe ich nochmal viel nachgelesen. Ich denke, wenn man über die Monarchie in dieser Zeit sprechen möchte, dann muss man Romane, zum Beispiel von Robert Musil und Hermann Broch, ebenso lesen wie die Werke von Claudio Magris, Václav Havel, François Fejtő oder György Konrád. Es ist wichtig, das Thema möglichst komplex zu betrachten. „„


Gab es auch etwas, was Sie bei Ihrer Recherche überrascht hat?

Vielleicht, wie viele ungarische Theaterstücke Ernst Lubitsch doch verfilmt hat. Es waren insgesamt acht, das hat mich sehr verblüfft. Auch deshalb, weil das zweit- und drittrangige Autoren waren. Diese Theaterstücke sind zum Teil auch in Ungarn vollkommen unbekannt, die Filme, die Lubitsch daraus machte, wurden aber zu Klassikern. „„


Was war beim Schreiben die größte Herausforderung?

Das Strukturieren war das Schwierigste: wie beginne ich, wie ende ich und natürlich – was packe ich dazwischen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe die letzten 20 bis 30 Seiten, also die Konklusion, zuerst geschrieben, das Vorwort hingegen ganz zuletzt. Ich habe das Buch quasi von hinten nach vorne geschrieben. Angeblich machen es Krimiautoren ja genauso (lacht). „„


„Wien, Budapest, Hollywood“ ist nicht Ihre erste Publikation. Sie haben davor bereits zwei andere Bücher veröffentlicht, überraschenderweise spielte das Thema Film in beiden keine Rolle. Worum ging es stattdessen?

Mein erstes Buch „Eine Reise in die Tiefe Europas“ (Originaltitel: „Utazás Európa mélyére“) ist 2016 im Osiris-Verlag erschienen. Es beinhaltet acht Portraits von Städten in Mittel- und Osteuropa – von Tallinn bis Thessaloniki. Quasi ein Nord-Süd-Schnitt. Ich wollte in diesem Buch mit einigen Klischees über diese Region Europas aufräumen und zeigen, dass die Wirklichkeit viel breiter gefächert ist. Neben Reisebeschreibungen enthält dieses Buch auch politische und historische Meditationen über den jetzigen Zustand Mitteleuropas. Mein zweites Buch „Russische Geschichten“ (Originaltitel „Orosz történetek“) ist zufälligerweise ebenfalls in diesem Jahr herausgekommen. Eigentlich sollte es schon früher erscheinen, aber der Release hat sich verschoben. Russland hat mich generell immer interessiert. In diesem Buch wollte ich das Land den Lesern durch Geschichten aus dem Alltag und Städtebeschreibungen, die auch in die Außenbezirke führen, näher bringen. Es ist aber kein Touristenführer, es ist eher eine bewusst fragmentierte Sammlung von politischen und historischen Bemerkungen, witzigen Anekdoten und Portraits von unterschiedlichen Menschen. Beide Bücher sind wie auch „Wien, Budapest, Hollywood“ Essaybücher. Es sind also keine Fachbücher, die in irgendeiner Weise vollumfänglich oder fehlerfrei sein wollen. Was ich schreibe, ist zum Teil sehr persönlich. Das heißt auch, dass ich mich irren kann und dass der Leser eingeladen ist, mit mir zu diskutieren.

Péter Muszatics: „Wien, Budapest, Hollywood – Der Einfluss Österreich-Ungarns auf den amerikanischen Film“

Erschienen im Juni 2018 im Kossuth-Verlag

176 Seiten

ISBN 978-963-09-9249-7

2.990 Forint

Das Buch kann man in allen gängigen Buchhandlungen erwerben oder online unter anderem auf www.kossuth.hu.

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