Da dies eine christliche Regierung ist, ist ihr oberstes, universelles Gebot natürlich die Nächstenliebe. Selbstredend gilt diese auch den hilfsbedürftigen Obdachlosen. In ihrem Falle will man sich ebenfalls lieber auf den Ursprung der Probleme an Ort und Stelle konzentrieren. Zu dieser Logik passt jedoch eine „Lösung”, bei der man obdachlose Menschen per Dekret aus öffentlichen Räumen entfernt, überhaupt nicht. Denn die Wurzeln ihrer Probleme liegen nicht im zweifelsohne nach Fäkalien stinkenden Jászai Mari tér, sondern eine Haltestelle weiter flussabwärts, im Parlament.

In der Nachwendezeit haben viele von ihnen ihr Heim aufgrund der unbezahlbar gewordenen Fremdwährungskredite verloren (deren gesetzliche Grundlage die erste Orbán-Regierung verabschiedete). Trotz der mehrfachen Versuche, Schuldner zu retten, sind derzeit immer noch mehr als 120.000 Fremdwährungskreditnehmer zahlungsunfähig, 1.000 von ihnen werden im Schnitt jährlich obdachlos.

Im Parlament wurde – bereits nach 2010 – zudem ein Gesetz verabschiedet, das die Arbeitslosenhilfe auf drei Monate beschränkt. Wenn wir uns vor Augen führen, dass zwei Drittel der Ungarn von Monat zu Monat leben, ohne Ersparnisse aufbauen zu können, dann erkennen wir sofort einen weiteren schwerwiegenden Grund für Obdachlosigkeit. Doch damit sind wir erst am Anfang einer langen Reihe von Gründen.

Auch wir glauben, dass das Problem der Obdachlosigkeit an der Wurzel gepackt werden muss. Jetzt bräuchten wir nur noch eine wohlklingende Erklärung dafür, warum die Oberen der Regierungsparteien gestern keine Zeit fanden, um sich im parlamentarischen Fachausschuss mit der Wohnraumkrise zu beschäftigen. Selbst wenn sie in dem Moment gerade Decken und Tee an Betroffenen verteilt hätten, hätten sie damit doch nur ein Symptom behandelt. Wenn es jedoch so ist, wie wir eher vermuten, dass sie ihr eigenes Süppchen gekocht haben, dann ist jeder christliche Bezug im Namen vergebens, sie werden bei der letzten Abrechnung in Schwierigkeiten kommen.


Der Autor war Redaktionsmitglied der vor zwei Jahren eingestellten Tageszeitung Népszabadság und ist seit 2017 Vorsitzender des ungarischen Journalistenverbands (MUÓSZ).

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 16. Oktober auf dem Onlineportal der linken Tageszeitung Népszava.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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