Warum haben Sie sich ausgerechnet in Ungarn trauen lassen?

Standesamtlich hatten wir schon vorher im Frankfurter Römer geheiratet, wo meine Frau ihre politische Laufbahn im Stadtparlament begann, in der Stadt, in der wir leben. Frankfurt ist übrigens eine Partnerstadt von Budapest. Für die kirchliche Hochzeit wünschte ich mir eine Feier in der Reformierten Gemeinde in der Hold utca, der ich seit über 20 Jahren sehr verbunden bin.


Wie fand Ihre Frau diesen Vorschlag? Als FDP-Vertreterin dürfte Ungarn ja nicht gerade ihre erste Präferenz sein …

(lacht) Glauben Sie mir, es gibt auch ein Leben neben der Politik. Daran haben wir nicht einen Augenblick gedacht. Nicola Beer war ja nicht als Europastaatssekretärin, Ministerin oder als Generalsekretärin der Freien Demokraten in Ungarn, sondern viel wichtiger: als meine Verlobte (strahlt). Sie besucht das Land seit vielen Jahren; wenn ich sie richtig verstehe, gefallen ihr Land und Leute sehr gut. Sie wird, nehme ich an, auch recht schnell wiederkommen, weil sie vor kurzem ihre Spitzenkandidatur bei den Europawahlen für die Freien Demokraten angekündigt hat. Man muss über Länder- und Parteigrenzen miteinander reden, das Reden ist Grundvoraussetzung dafür, dass man sich gegenseitig versteht. Nicht nur in Europa ist das unglaublich wichtig.


Ihre Trauung fand in der Kirche der Deutschsprachigen Reformierten Gemeinde in der Hold utca statt. Warum gerade dort?

Das liegt am inzwischen verstorbenen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff. Er lud mich 1996 zu einer Besichtigung der Kirche ein. Sie war nach dem Volksaufstand 1956 zwar nicht wie andere gesprengt, aber vom Staatsfernsehen MTV beschlagnahmt worden. In den Gottesdienstraum wurden mehrere Zwischendecken eingezogen und Lastenaufzüge installiert. Das Gebäude wurde als Lager und Schneiderei des Fernsehens zwangsprofanisiert. Nach zähen Verhandlungen gab MTV das Gebäude 1999 zurück, außen Kirche, innen Industriegebäude. Graf Lambsdorff bat mich, bei der Wiederherstellung zu helfen: „In Ungarn dürfen Sie nicht nur an business denken, nach zwei Diktaturen braucht die Gesellschaft bürgerliches Engagement“. Die Gemeinde versammelte sich nach der de-facto-Enteignung über Jahrzehnte in einem kleinen Betsaal. Die Eindrücke dort haben mich nicht mehr losgelassen. Zu der Kirchgemeinde gehörten übrigens auch ein deutsches Krankenhaus, das an die Reformierte Landeskirche zurückgegeben wurde, und sogar ein deutsches Waisenhaus, das allerdings enteignet blieb. Graf Lambsdorff und ich sammelten dann sechs Jahre lang bei deutschen und schweizerischen Unternehmen Geld, um die aufwändigen Renovierungen des lange Jahre vernachlässigten Gotteshauses bezahlen zu können. Klar, dass in dieser Kirche geheiratet werden musste. Dort hängt übrigens noch heute aus Dank ein Foto des Grafen.


Welche Personen beziehungsweise Firmen hatten sich damals noch um die Wiederherstellung verdient gemacht?

Die Gemeinde wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von deutschsprachigen Familien gegründet, die in Budapest lebten. Sie kamen als Wissenschaftler oder Unternehmer hauptsächlich aus der Schweiz, aus Deutschland und den Niederlanden. Namen wie Dreher, Hagemacher und Ganz sind ja noch heute präsent. Die DUIHK sitzt übrigens im ehemaligen Stadtpalais von Abraham Ganz, das er gegenüber seiner Fabrik errichten ließ. In den Archiven der Reformierten Gemeinde finden sich beeindruckende Geschichten, wie in Romanen. Auch wegen dieser Tradition haben ausländische Investoren bei der Wiederherstellung mitgemacht. Ohne Firmen wie Holcim, RWE, Deutsche Bank, Audi, Allianz, Siemens und einige weitere wäre sie nicht möglich gewesen. Auch Privatleute waren engagiert: Die Schweizer Pfarrerin Nicole Häfeli gehörte dazu und auch der Bauingenieur István Lischinski. Bis heute beeindruckt mich die Unterstützung des Priesters Willi Klinkhammer, damals für die katholische deutschsprachige Gemeinde in Budapest tätig: Er spendete privat für die Bestuhlung. Man sitzt bei uns daher ökumenisch, wenn auch ein wenig hart.


Wie konnten Sie den ehemaligen Minister Balog dafür gewinnen, an Ihrer Trauungszeremonie aktiv als Pfarrer mitzuwirken?

Na ja, wir haben ihn gefragt, ob er uns diesen Gefallen tun würde. Er ist ein Freund, ein sehr guter Freund. Zudem ist er auch der Patenonkel meines jüngsten Sohnes. Wenn ich mich nicht täusche, hat ihm der Gedanke, uns zu trauen, durchaus Freude bereitet. Schon Ende 2010 habe ich ihm Nicola Beer in der Hoffnung auf ein positives Votum vorgestellt, er und seine Frau haben unsere Verbindung seitdem begleitet.


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Hochzeitstanz nach dem Takt des Prímás: Das Brautpaar im Széchenyi-Bad. (Foto: Lisa Weiss)


Wie gestaltete sich Ihr Hochzeitstag in Budapest?

Es war eine sehr persönliche Feier mit drei Pfarrern, zwei aus Budapest, und unserem Heimatpfarrer aus Frankfurt. Es gab ein Orgelspiel, Fugen von Johann Sebastian Bach, weil die Kirche seit kurzem wieder eine Orgel hat – ein Nachbau der Bach-Orgel aus Arnstadt in Thüringen. Das mussten wir auskosten, der Tenor Tamás Matin vom Neuen Franz-Liszt-Kammerchor sang aus einer Bach-Kantate. Danach gab es einen Empfang auf einem Donaudampfer, mit Apfelweinsekt von Johanna Höhl aus der hessischen Heimat und ungarischen Pogatschen. Abends dann ein Hochzeitsessen im Széchenyi-Bad im Stadtwäldchen. Mit einer Zigeunerkapelle, die Pfarrer Zoltán Balog beigesteuert hatte. Mit dabei waren auch zahlreiche internationale Gäste: Aus Ungarn und Deutschland natürlich, aber auch aus Spanien, Belgien, Israel, Italien und vor allem Frankreich. Das war schon fast eine aktive Tourismuswerbung für Ungarn (lacht).


Was waren die prägendsten Erlebnisse Ihrer sechs Jahre als DUIHK-Geschäftsführer?

Da fällt mir viel ein, so viel Zeit haben wir gar nicht. Die Menschen haben mich am meisten beeindruckt; teilweise habe ich sie bewundert, wie sie sich in den schwierigen Zeiten nach der Wende durchgeschlagen, neue Wege gesucht und gefunden haben. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, in Deutschland erst Recht nicht, wie schnell man ins Bodenlose fallen konnte. Arbeit weg, Einkommen weg. Preise stiegen sehr schnell, viele kamen nicht hinterher, nicht nur die Rentner. Der Ordnungsrahmen veränderte sich, raus aus dem sozialistischen Recht, rein in den Binnenmarkt. In einer sagenhaften Geschwindigkeit. In Ungarn gab es kein Westdeutschland mit Subventionen und Sozialleistungen; das Land, die Menschen mussten alles selbst schaffen, mit der Unsicherheit klarkommen, sie überwinden. Der Pragmatismus, der Erfindungsreichtum, die politische Klugheit, nicht in Extreme abgeglitten zu sein, das hat mich nachhaltig beeindruckt. Und geprägt. Von diesen Erfahrungen in Mittel- und Osteuropa können wir im Westen noch heute jede Menge lernen.


Wie ging Ihre Karriere nach dem Ende Ihrer Zeit als DUIHK-Geschäftsführer weiter?

Unmittelbar nach dem argentinischen Staatsbankrott wechselte ich Anfang 2002 als geschäftsführender Präsident nach Buenos Aires in die Handelskammer, für einen spanischen und deutschen Juristen eine spannende Aufgabe. 2005 zog ich nach Berlin, wo ich für die Deutsche Bahn mit mehreren Abteilungen die Beziehungen zur Politik und zum gesellschaftlichen Umfeld koordinierte und pflegte. Nach dem Ausscheiden der Bahnvorstände Hartmut Mehdorn und Otto Wiesheu nahm ich Anfang 2010 ein Angebot der hessischen Landesregierung zur Restrukturierung ihrer Wirtschaftsfördergesellschaft an. Das war, wie ich schnell merkte, sehr nah, für mich zu nah an den Ministerien und den Beamten. Aber dort habe ich Nicola Beer kennen gelernt, insofern ist auch diese Bilanz positiv.


Was machen Sie heute? Welche Verbindungen haben Sie noch zu Ungarn?

Seit 2012 begleite ich als Rechtsanwalt vor allem Unternehmen bei Aktivitäten im Ausland, ausländische und deutsche. Darunter natürlich auch ungarische. Deshalb bin ich häufiger beruflich in Ungarn, leider meist viel zu kurz. Es fehlt an Zeit. Am nächsten Wochenende werden meine Frau und ich es beispielsweise wegen der Wahlen in Bayern und Hessen leider nicht zum DUIHK-Jubiläum schaffen, wofür ich Dale Martin und Gabriel Brennauer sehr um Nachsicht gebeten habe. Einige Freundschaften haben sich über die Jahre gehalten. Das kann, das darf man nicht auf Knopfdruck abschalten, wenn man in ein anderes Land zieht.

Aus den Erfahrungen im Transformationsland Ungarn habe ich sehr viel lernen dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar, das pflegt man danach auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Wenn man in anderen Ländern tätig ist, muss man das Gastland kennen lernen, den Menschen zuhören, die Kultur mögen, Interesse an einem Austausch haben. Mit den Jahren störte mich zunehmend, dass der Austausch zwischen Deutschland und Ungarn weniger herzlich, intensiv und engagiert betrieben wurde, als ich ihn früher wahrgenommen hatte.

2014 entstand dann in Gesprächen mit deutschen und ungarischen Freunden die Idee, ein Deutsch-Ungarisches Jugendwerk zu gründen, um dem Austausch neue Impulse zu geben. Das hatte Angela Merkel zwar schon Anfang der 90er als Ministerin für Frauen und Jugend mit ihrem ungarischen Amtskollegen vereinbart, geschehen war auf deutscher Seite jedoch nichts. Dort war ich dann Gründungsvorstand. Das Jugendwerk hat sich prächtig entwickelt, was ich gern weiter begleite.

Wegen dieser beruflichen und privaten Bezüge verfolge ich natürlich die Tendenzen und Entwicklungen in Ungarn. Es ist ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, mehr als bloßes Interesse. Ich fühle mich weiter in Ungarn daheim, was ein großes Geschenk ist. Für die Ungarn hoffe ich das, für mich gilt das ganz sicher (lacht).

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