Zum achten Mal verwandelte sich vergangene Woche das Kulturzentrum Millenáris in Budapest zum Mekka für Kunstinteressierte. Galerien von fünf Kontinenten und aus 40 Ländern – von New York über Tel Aviv bis Jekaterinburg – präsentierten ihre Gemälde, Skulpturen und Installationen. Sowohl in der Art-Market-Halle als auch in der separaten Art-Photo-Halle für Fotografie. Letztere sei gar die einzige internationale Fotografiemesse in Mittel- und Osteuropa, so die Veranstalter.

„Budapest ist das sich schnell entwickelnde, junge europäische Zentrum der Fotografie. Es hat einerseits seine Wurzeln in den fotografischen Traditionen von Meistern des 20. Jahrhunderts wie László Moholy-Nagy, André Kertész und Robert Capa. Andererseits bietet es ein breites Spektrum an Institutionen und Initiativen, die die neue Generation von zeitgenössischen Fotografen unterstützen“, so die Veranstalter weiter.

Die internationale Kunstmesse Art Market Budapest erstreckt sich auf 6.000 Quadratmetern und zwei Stockwerken.


Schon auf den vorangegangenen Art Markets wurde stets eine bestimmte Region genauer unter die Lupe genommen. Letztes Jahr war das beispielsweise Israel. Nun lenkten die Veranstalter ihre Aufmerksamkeit auf die Visegrád-Gruppe, also Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei. „Unseren nächsten Stargast verrate ich aber noch nicht“, sagte Nicole Loeser im Hinblick auf das nächste Event schmunzelnd. Die Berlinerin ist seit sechs Jahren Mitglied des Art-Market-Kuratoriums.

Von Düsternis zu thematischer Vielfalt

Zwei Jahre vor dem ersten Art Market, 2009, gründete Loeser die Berliner Galerie WHITECONCEPTS. Vor sieben Jahren sei sie mit der Galerie zum ersten Mal zum Art Market gereist, seitdem kommt sie jährlich in die ungarische Hauptstadt. Die Berliner Galerie ist also beinahe von Anfang an dabei.

Die Kunstszene in Budapest sei nach wie vor mit der in Berlin vergleichbar – sie seien sich im Geiste sogar außerordentlich nahe. „Berlin ist natürlich schon sehr viel länger im internationalen Fokus der Kunstmessen. Ich habe aber durchaus die Hoffnung und das Gefühl, dass immer mehr Menschen auch gerade wegen der Kunst nach Budapest kommen. Ich finde es daher toll, hier am Puls der Zeit zu sein und den ungarischen Künstlern und Künstlerinnen eine Perspektive geben zu können“, so Nicole Loeser.

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Adriana Alfredo da Silva (links) und Wally Bistrich von der Galerie m beck: Aufgrund ihres letztjährigen Erfolgs, war die Galerie auch in diesem Jahr wieder mit zwei Ständen auf dem Art Market und der Art Photo vertreten.


Auf die Frage nach der Entwicklung der ungarischen Kunstszene in den vergangenen Jahren stellt Loeser fest, dass die Kunst auf dem Art Market vor sieben Jahren noch sehr düster war: „Ich glaube, das entspricht vielleicht ein bisschen der osteuropäischen Mentalität, die Dinge etwas negativer zu sehen, als sie es tatsächlich sind“, vermutet sie und ergänzt: „Wenn man heute hier durchgeht, sieht man, dass die Themen vielfältiger geworden sind. Die Künstler setzen sich sehr stark mit sozialen Themen auseinander. Das ist – gerade, wenn man sich verschiedene Trends in Deutschland anschaut – hier besonders auffallend. In Deutschland gibt es zwar durchaus auch sozial orientierte Kunst, aber im großen Maßstab ist das deutsche ein eher abgeklärtes Publikum.“

Den Blick öffnen

Die Künstler der WHITECONCEPTS Gallery stammen übrigens nicht nur aus Deutschland, sondern etwa auch aus Israel, Ungarn und dem Vereinigten Königreich. Sie spiegeln laut Loeser unterschiedliche restriktive Strukturen wider – sei es zwischen Mann und Frau oder auch zwischen unterschiedlichen Kulturen. „Ich versuche, immer wieder neue Fragen aufzuwerfen, die Themen so zu öffnen, dass man eine andere Perspektive einnehmen kann und sich mit dieser ungewohnten Perspektive auseinandersetzt. Mir geht es im Kern darum, den Blick zu öffnen. Anders verstehen wir die Welt sowieso nicht.

Es wird immer wieder versucht, die Welt zu simplifizieren, aber letztendlich ist sie sehr komplex“, so die Kuratorin. Stattdessen, findet sie, solle man auch mal die Schönheit im Leben akzeptieren, „und dankbar sein, dass wir dieses Leben haben. Das ist, womit ich alle künstlerischen Positionen verbinde.“

Zu einem weiteren wichtigen Detail, dem Besucheraufkommen, verrät sie: „Wir haben bisher jedes Jahr mehr Publikum gewinnen können. Das liegt natürlich auch an dem reichen Rahmenprogramm, mit dem wir Studenten und andere Leute aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammenführen können.“

Nicole F. Loeser, Gründerin der WHITECONCEPTS Gallery und Kuratorin des Art Market, vor der Serie „You, the Living“ der ungarischen Künstlerin Júlia Végh, die surrealistische Portraits von Politikern gemalt hat.


Eine andere deutsche Galerie, m beck aus Homburg/Saar, hat ähnliche Erfahrungen mit der Nachfrage der Kunstinteressierten gemacht. Adriana Alfredo da Silva, Leiterin der stilistisch vielfältigen Galerie, sagt: „Obwohl ich keine genauen Angaben machen darf, kann ich durchaus sagen, dass unser erstes Jahr auf dem Art Market – das war letztes Jahr – ausgesprochen gut lief. Aus diesem Grund sind wir dieses Jahr erneut mit zwei Ständen vertreten, einmal hier im Art Market und einmal bei der Art Photo.“

Das Lokale im Internationalen

Adriana Alfredo da Silva findet, die Kunst in Budapest sei sehr international – und dennoch auch irgendwie lokal geprägt: „Manchmal sind Szenen auf der Straße abgebildet, die wir in Deutschland so nicht kennen. Das können Situationen sein oder aber auch Kleidungsstile, die uns eher fremd sind.“

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Attila Ledényi, Gründer des Art Market, beim VIP-Empfang der Deutschen Botschaft: Der Erlös, den der German Art Fund aus dem Verkauf von Werken deutscher Künstler bekommt, spendet er ausgewählten Institutionen in Ungarn.


Auch Wally Bistrich, Stammkünstlerin der Galerie m beck, stellte ihre Werke auf dem Art Market zum Verkauf. Diese beinhalten etwas, das man sowohl aus Ungarn als auch aus Deutschland kennt: „Dieses Jahr habe ich eine Serie erstellt, die sich mit alten Häusern beschäftigt. Und man sieht auf den Wänden dieser alten Häuser – besonders beim Renovieren – die vielen alten Schichten, wo immer neue Generationen hinzukamen. Jede Generation fügt etwas Neues hinzu. Weil ich erst neulich so ein Haus renoviert habe, hat mich das letztendlich zu diesem Projekt inspiriert“, erzählt Bistrich. Das Kunstprojekt setzte sie mit Acryl um. „Acryl und Textur, das sind meine Themen. Und besonders die Frage, wie ich dieses Material, das Acryl, an die Grenze treiben kann“, erklärt die Malerin.

Wie in den Jahren zuvor wurde auch der diesjährige Art Market von einer Spendensammlung des German Art Fund begleitet. In Kooperation mit deutschen Firmen in Ungarn wird der Erlös, der sich aus dem Verkauf von Werken deutscher Künstler ergibt, an eine deutsche Einrichtung gespendet. Letztes Jahr erhielt die Andrássy Universität in Budapest die finanzielle Hilfe. Der diesjährige Erlös soll laut Attila Ledényi, dem Gründer und Direktor des Art Market, an die Deutsche Schule Budapest gehen.

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Ingo Glass: Der Münchner Bildhauer war durch die Galerie m beck auf dem Art Market vertreten. Hier mit seinem Werk „Drei Grundformen und Grundfarbenim Raum“, 100 x 80 x 100 cm, Aluminium, aus dem Jahr 2013.


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