„Die haben die Népszabadság gekillt.“

Ich werde den Moment vermutlich nie vergessen, in dem mir das bewusst wurde. Ich weiß noch, wie ich es meiner Freundin erzählt habe, wie wütend ich war und wie ich mich sofort daran machte, einen dieser Artikel zu schreiben, die man in solchen Momenten eben schreibt. Ich erinnere mich auch noch genau, wie ich dann meine Bekannten bei der Népszabi anrief und ihnen versicherte, dass ich ihnen helfe, wo ich nur kann, und wie ich zum Laden runtergelaufen bin, um zumindest noch ein Exemplar der letzten Ausgabe zu ergattern.

Sie steht seitdem in meinem Regal. Im April hat sich noch die letzte Ausgabe der Magyar Nemzet zu ihr gesellt.

Wenn ich an diesen Moment vor zwei Jahren zurückdenke, kocht immer noch die Wut in mir hoch. Und dann kommt, was ich seitdem immer fühle: dass hier genau das geschehen ist, was sich seit acht Jahren ständig wiederholt.

Schon im Juni kamen Gerüchte auf, dass es Probleme bei der Népszabadság geben wird. Ende August, Anfang September schrieben wir zum Beispiel bei Átlátszó bereits davon, dass das Blatt in Fidesz-Hände geraten könnte. Natürlich wussten wir nicht genau, was kommen würde. Dass das Blatt von einem Tag auf den anderen eingestellt würde, hätten wir uns auch nicht vorstellen können. So etwas hatte es schließlich bis dahin noch nie gegeben.

Die Népszabadság war das erste, symbolträchtige Opfer in einer Reihe von Hinrichtungen. Ein Teil eben jener Politik, deren Grundzüge seit März deutlich geworden sind. Sie stehen unter dem Motto „Wir werden Vergeltung üben“.

Deswegen ist die Frage nach dem „Was hätten wir denn tun können?“ ein wenig fadenscheinig. Sicher, wir hätten uns organisieren können, dann hätte es den Fidesz-Leuten wenigstens ebenso weh getan, als sie die Népszabadság dichtmachten. Wir hätten auch von außen dafür sorgen können, dass etwas Neues entsteht, oder wenigstens unsere Wut herauslassen können.

„Wir erleiden den Fidesz“

Aber von der ungarischen oppositionellen Presse und von der ungarischen Opposition ist nichts zu erwarten. Die grundlegendste Beschreibung des Daseins der ungarischen Opposition ist: Wir erleiden den Fidesz – er zerstört uns, vernichtet uns, wischt mit uns den Boden auf. Daraus besteht unser politisches Leben.

Dabei wissen wir auch jetzt genau, was uns bevorsteht: Den verbliebenen Rest der unabhängigen Rechtssprechung wird sich der Fidesz im November mit der Annahme des Gesetzes zur Umgestaltung der Verwaltungsgerichte einverleiben, wir sehen, wie unsicher die Situation des Internetportals Index ist und bald kommt die Privatisierung des Gesundheits- und Hochschulwesens. Wir wissen genau, dass diese Dinge passieren werden, wenn auch nicht mit 100-prozentiger, so doch mit 90-prozentiger Sicherheit. Und sie werden für uns Ungarn schrecklich sein.

Doch wir werden alles brav ertragen.

Wir wissen, dass es scheiße wird, aber trotzdem können wir uns nicht regen, weil uns das nötige Wissen, die Fähigkeiten aber vor allem der Mut fehlt. Wir lassen zu, dass die Dampfwalze uns immer und immer wieder überrollt, wie schon bei der Népszabadság.


Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 8. Oktober auf dem liberalen Online-Nachrichtenportal merce.hu.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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