Zwei Fälle sind möglich:

Sollte der Ministerpräsident eine Jacht oder ein Flugzeug genutzt haben, die sich im Besitz eines Oligarchen befinden oder von diesem gemietet wurden, ohne dass er oder sein Amt dafür bezahlt haben, dann ist das ein Lehrbuchbeispiel für Bestechung. Da Europas starker Mann laut seiner Vermögensdeklaration maximal ein Tretboot mieten könnte und auch sein Pressesprecher bestätigt hat, dass keine Steuergelder für diese Ausflüge ausgegeben wurden, kann man daraus nur schließen, dass Orbán somit Geschenke von hohem Wert angenommen hat.

Bei der Frage, ob es sich um Bestechung handelt, ist es vollkommen egal, ob der betreffende Politiker Bargeld, Goldbarren oder eben Flugreisen zu Spielen seiner Lieblingsfußballmannschaften angenommen hat. Denn warum benötigen wir schließlich Geld? Um uns zu kaufen, was wir möchten. Sich ein paar Millionen von einem durch Staatsgelder reich gewordenen Unternehmer zu leihen, um mit dem Helikopter auf Rentierjagd zu gehen oder sich gleich von eben diesem Unternehmer auf eine Rentierjagd einladen zu lassen, kommt aufs Gleiche raus. Mehr noch, die zweite Variante hat den Vorteil, dass man nicht die ganze Nacht im Zug in Richtung Schweiz sitzen muss, den Koffer fest an sich gepresst.

Selbst angehende Staatsanwälte können die nicht allzu komplizierten Zusammenhänge sofort erkennen. Da Staatsdienern in allen Ländern per Gesetz untersagt ist, Schmiergelder oder Geschenke von hohem Wert anzunehmen, greifen Politiker meist auf eine der folgenden zwei Erfolgsstrategien zurück: a) Sie lassen sich nicht bestechen oder b) Sie ernennen einen wie Péter Polt zum Obersten Staatsanwalt.

Nicht mit christlichen Werten vereinbar

Und obwohl es nach den Nachrichten der vergangenen Woche alle außer den Ermittlungsbehörden vermuten, kann doch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, dass Viktor Orbán bestochen wurde. Denn davon könne nur gesprochen werden, wenn der Politiker sich etwas aneignet, was ihm nicht gehört. Die Nutzung des eigenen Besitzes gilt offensichtlich nicht als Korruption. Doch sollten das Flugzeug, die Jacht, der Fußballclub, die Schlösser, die Ländereien und die Hotels am Ufer des Balatons nicht wirklich dem Gasmonteur (Anm.: gemeint ist Lőrinc Mészáros) gehören – der von Natur aus sicher mit vielen guten Eigenschaften ausgestattet ist, doch ein schneller Intellekt und ein genialer Geschäftssinn gehören bestimmt nicht dazu –, dann ist Viktor Orbán kein bestechlicher Politiker, sondern schlicht ein Dieb.

Eine dritte Möglichkeit scheint es auf Anhieb nicht zu geben. Gehört das Flugzeug nicht ihm (Anm.: Viktor Orbán), dann hat er sich schmieren lassen, ist es seins, ist er ein Dieb. Vorerst bleibt die Wahrheit im Dunklen. Man mag sie jedoch erahnen und bereits jetzt ist klar: Das über Jahre hinweg aufgebaute sittenstrenge Image, die christlichen Werte und die als Medizin verordneten Zehn Gebote sind sicherlich nicht mit ihr vereinbar.

Der Kreis hat sich geschlossen

Ganz nebenbei könnte sie auch mit dem Strafgesetzbuch im Konflikt stehen, was aber Oberstaatsanwalt Péter Polt in etwa so interessiert wie Ráhel Orbán der Saisonschlussverkauf bei C&A. Es interessierte die Ermittlungsbehörden ja auch nicht, dass die Milliarden, die der Premier an Lőrinc Mészáros umgeleitet hat, mittlerweile bei Unternehmen seiner eigenen Familie angekommen sind. Der Kreis hat sich geschlossen – von Viktor an Viktor. Der Gesetzesbruch hätte nicht offensichtlicher sein können, wenn er in den Tresor der Nationalbank hineinmarschiert wäre und die Goldreserven heimgetragen hätte. Huch! Sollte ich damit die Enthüllung der kommenden Woche vorab verraten haben, bitte ich dies zu entschuldigen.

Es ist kein Zufall, dass, wenn Systeme wie das NER (Anm.: System der Nationalen Zusammenarbeit) gestürzt werden und nachdem genügend Selfies vom Scheißhaus des Führers gemacht wurden, die Massen in Richtung des Obersten Staatsanwaltes weiterziehen. Das Volk weiß sehr genau, wer der zweitwichtigste Mann im System ist.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 29. September auf dem Onlineportal der liberalen Wochenzeitung hvg.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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