Und am abendlichen Fernsehen sieht man sie dann, Judith Sargentini, die niederländische Grünen-Abgeordnete, die seit 2010 an dem besagten Bericht arbeitete, der nun zur quasi Verurteilung der Fidesz-Regierung führte. Als die Abstimmungsergebnisse im EU-Parlament bekannt gegeben wurden, konnte sie ihr Glück kaum fassen und verneigte sich vor laufenden Kameras bescheiden lächelnd, während von allen Seiten Applaus ertönte. Eine strahlende Heldin der Demokratie, fast kamen dem Zuschauer die Tränen.

Alles nur eine Show?

Nur bei wenigen schlich sich ein gewisser Zweifel ein. Ist das hier eine Show oder eine kritische Berichterstattung? Was steht eigentlich in Sargentinis Bericht? Gab es eine öffentliche Debatte darüber? Wen hat sie interviewt und hatte sie überhaupt Zugang zu den richtigen Dokumenten, da sie selbst ja kein Ungarisch spricht?

Auf diese und viele andere Fragen gibt es jedoch keine Antworten, wo immer man diese auch suchen mag. Die Medien melden stromlinienförmig immer wieder nur das Ergebnis der Abstimmung im EU-Parlament. Dabei sollten sie doch „kritisch“ sein, alles möglichst hinterfragen und von unterschiedlichen Seiten aus beleuchten. Darauf wartet man vergebens. Stattdessen gibt es viel Moralismus, Alarmismus und Schwarz-Weiß Malerei.

„Geistige Bequemlichkeit und konfliktscheues Nickertum“, nennt Wolfgang Herles diese Art von Berichterstattung in seinem medienkritischen Buch „Die Gefallsüchtigen“, das bereits 2015 erschienen ist, das aber von Jahr zu Jahr an Aktualität gewinnt. Denn, so lautet der Tenor seiner Analyse, wir leben bereits bequem eingebettet in einer Medienwelt, in welcher der Beifall die gefälligsten Ansichten belohnt und dem Zuschauer nicht nur eine Information übermittelt, sondern ihm auch sofort zeigt, was er über diese zu denken hat. Damit ist jedweder Meinungspluralismus abgeschafft, die Medienmisere ist systemimmanent.

Angst vor der intellektuellen Überforderung der Zuschauer

Wolfgang Herles, der über 40 Jahre lang beim Bayerischen Rundfunk und beim ZDF politische Magazine und auch Literatursendungen moderierte, weiß aus Erfahrung, wovon er spricht. Für das, was er das „postmoderne Mediendilemma“ nennt, macht er vor allem die Jagd nach den Quoten verantwortlich. Eine Jagd, die mit der Einführung der privaten Sender aufkam. Zumindest hat es damit begonnen, dass “Quotenjunkies und Konformisten fortan Fernsehprogramme aufstellten, (…) die möglichst allen gefallen sollten.“ Hier kam sie zum ersten Mal auf, die Angst vor der intellektuellen Überforderung der Zuschauer, der Hörer und der Leser. Das Weltgeschehen, die Kunstwerke, die Musik und Literatur werden seither daran gemessen, wie viele Zuschauer sie vor die Geräte locken.

Und so zieht man natürlich auch „Aufreger" komplizierten und wichtigen Themen vor. Oder aber man banalisiert wichtige Themen und macht „Aufreger“ daraus. „Sozialpolitische Befunde werden auf Boulevardniveau heruntergedrückt. Fallbeispiele ersetzen die Analyse. Es muss menscheln, ohne Ende.“ Und dieses ständige Menscheln heißt im journalistischen Jargon „Herunterbrechen“, es ist eine Vereinfachung komplizierter Zusammenhänge, damit auch der Dümmste erfühlen kann, worum es geht. Jede Debatte und jede Diskussion wird von daher stark personalisiert. Sargentini gegen Orban oder Trump gegen Macron, sind die typischen Beispiele der neuen intellektuellen Reduktion durch die Medien.

Besonders problematisch dabei ist der Verlust an intellektuellem Niveau, es muss ja auch alles „atemlos“ schnell präsentiert werden. „1975 betrug die Zeit zwischen zwei Schnitten 10,2 Sekunden. (…) 1995 nur noch 6,6 Sekunden. Heute sind es 4,7 Sekunden. In den USA dauert eine Einstellung durchschnittlich nur noch 1,5 Sekunden.“, berichtet Herles. Und auch der Hörfunk wurde seit 2004 gnadenlos zusammengestrichen. 30-minütige oder gar 60-minütige Wortbeiträge verschwanden oder wurden radikal gekürzt. Und das, was übrig bleibt, die kurzen und prägnanten Bilder und emotionsgeladene Kurzberichte, folgen der Ästhetik von Kino und Werbung, sei es in der Printpresse, im Hörfunk und vor allem im Fernsehen.

Rhetorik schlägt Kompetenz

Dadurch nimmt der Zuschauer zwar optische und akustische Informationen auf, wichtige Einzelheiten und Zusammenhänge gehen ihm jedoch verloren, was zu einer Monotonisierung von Information führt. Das tatsächliche Wissen bleibt auf der Strecke und der heutige Journalist zählt schon lange nicht mehr zu den führenden Intellektuellen des Landes, denn natürlich spielen Intellektuelle in der Erregungs-und Unterhaltungsdemokratie überhaupt keine Rolle mehr. Talks-Shows, Dschungelcamp, Fußball, Quiz-Sendungen, alles ist wichtiger als eine demokratische Streitkultur auf hohem Niveau.

Dabei gilt für jede Demokratie: „Wer nicht streiten kann, kann nicht gestalten“, so Herles, für den die Talk-Shows nichts anderes sind, als schlecht inszenierte Pseudodebatten. Denn selbst dort ist vor allem: „ (…) die Fähigkeit der Zuspitzung gefragt. Es ist nicht nötig, dass jemand eine Sache hinreichend erklärt. Wie jemand auftritt, ist wichtiger als das, was er zu sagen hat. Rhetorik schlägt Kompetenz.“

Vorverurteilen, Banalisieren, Alarmieren

Auf diese Weise haben die Medien ihre Funktion als „vierte Macht“ aufgegeben. Sie bringen das, was allgemein gefällt, was dem Mainstream-Denken entspricht, ohne großes Wenn und Aber. Es wird einfach nur noch berichtet, was die Parteien und die Politiker sagen, Hintergründe und Beweggründe bleiben dagegen oft im Dunkeln. Versimpeln, Personifizieren, Emotionalisieren. Vorverurteilen, Banalisieren, Alarmieren. Das sind die Konzepte der neuen medialen Kommunikation.

Wer das Buch von Herles liest, muss seine Warnung vor einer Abschaffung der Demokratie durch die Boulevardisierung des Denkens ernst nehmen. Denn der Autor beschreibt sehr eindringlich, wie Sprachschablonen bestimmte Denkschablonen schaffen, die wiederum die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren. Das führt einerseits zur Banalisierung bestimmter Ereignisse und andererseits zu alarmistischen Übertreibungen. Als Beispiel zitiert er eine Moderatorin des Heute-Journal im ZDF, die während einer Nachrichtensendung meinte, dass man keineswegs behaupten könne, die islamische Welt sei entflammt „da ja nur einige Hundert Muslime gewalttätig wurden oder Kirchen anzündeten“, während sie fast zeitgleich alarmistisch über eine Pegida-Demonstration berichtete.

„Political Correctness - das absolut Undemokratischste, das man in der postmodernen Gesellschaft erfunden hat“

Die Politik, die sich selbst über diese Medien mitteilt, bedient sich, so Herles, auch ganz bewusst der gleichen Mittel. Das führt zu Denkverboten: zur berüchtigten Political Correctness, die Herles als das absolut Undemokratischste betrachtet, das man in der postmodernen Gesellschaft erfunden hat. „Political Correctness: Das sind wirkungsmächtig gewordene Sprachverbote, auf denen Leute ausrutschen, wie auf Bananenschalen.“

Denn, so meint er, Vertreter unerwünschter Meinungen mundtot zu machen, ist das Schlimmste, was in einer angeblich freiheitlichen Demokratie geschehen kann. Doch es geschieht und es geschieht immer öfter, über die Politik in den Medien und über die Medien in der Politik. Ja, es greift sogar noch tiefer bis in die Sphären der Bildung hinein. Genau hier liegen die Gründe dafür, dass eine Bewegung wie die Pegida verteufelt wird, während man den Islamismus und den um sich greifenden Terrorismus verharmlost.

Und in dieser Logik kann der Leser weiterdenken und schlussfolgern, dass es eben die gleiche politische Korrektheit ist, die einen Viktor Orban medienwirksam verurteilt, weil er eine andere Flüchtlingspolitik betreibt, als es bestimmte EU Parlamentarier es wünschen, während man den ungarischen Sozialisten kommentarlos die jahrelange Korruption und die Veruntreuung von EU-Geldern in Milliardenhöhe nachsieht.

Alles in allem zeigt die Analyse von Herles sehr klar auf, wie wenig die heutige Berichterstattung die Bürger über das aufklärt, was um sie herum passiert. Sie erfasst nicht mehr die Komplexität der Ereignisse. Ganz im Gegenteil, sie unterdrückt oftmals einen tatsächlichen Meinungspluralismus. Es wäre von daher an der Zeit eine Kehrtwende von 180 Grad einzuleiten, eine grundlegende Medienreform, jenseits des Zwangs durch Einschaltquoten.

Wolfgang Herles deutet am Ende seines Buches an, wie eine solche Reform auszusehen hätte: Es müsste bundesweit ein staatlicher Sender geschaffen werden, ohne Reklame, dessen Programme nicht von den Parlamenten, sondern von unabhängigen Gremien kontrolliert werden, die aus Intellektuellen bestehen, die sich als Journalisten und Wissenschaftler dafür qualifiziert haben. Die Zahl der Programme würde reduziert, der Finanzbedarf neu berechnet und das Budget würde durch weniger Sportübertragungen auch weniger belastet werden.

„Oberster Maßstab wäre die Sicherstellung höchster Qualität auf den Feldern der Information, der Kultur und der Bildung.“ Herles schließt mit der Überzeugung, dass nur eine grundlegende Medienreform die Bedeutungslosigkeit der westlichen Medien und den Untergang der westlichen Demokratien noch retten kann, denn: „So wie es ist, macht sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst überflüssig. So, wie es sein sollte, wäre es unverzichtbar.“

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Die Autorin publiziert Artikel und produziert Radiosendungen zu politischen Themen und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebt seit 1990 abwechselnd in Bukarest, Paris und Budapest.

Die Gefallsüchtigen: Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik von Wolfgang Herles, erschienen im Knaus Verlag, München 2015. Preis: 19,99 Euro (gebunden).

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