„Leider hatte ich kaum ein Verhältnis zu meinem Großvater, da ich ihn nur zweimal im Leben treffen konnte“, erklärt Éva Seifert, die ältere Enkeltochter des ungarischen Malers Elemér Vass. Die zweite Enkeltochter, Maria Freifrau von Hutten, gehört dem fränkischen Adelsgeschlecht der Familie von Hutten an. Auch sie hat kaum persönliche Erinnerungen an den berühmten Großvater. Die beiden Schwestern leben heute im Norden Deutschlands. Elemér Vass wurde 1887 in Buda geboren und hatte ein einziges Kind – seinen Sohn Tamás, dessen Töchter endlich mehr über das Leben ihres Großvaters erfahren möchten.

Verfolgte Klassenfeinde

Die Schwestern verschlug es schon im Jahr 1956 mit ihren Eltern nach Deutschland. Grund dafür war der Volksaufstand in Ungarn. Éva Seifert erzählt: „Wir wurden zuvor regelrecht verfolgt und wissen bis heute nicht wirklich wieso. Wir vermuten nach wie vor, dass wir als Angehörige des Adels schlichtweg Klassenfeinde waren.“ An dem Haus, in welchem Éva Seifert mit ihren Eltern damals auf dem Budapester Rosenhügel gelebt hatte, klingelte eines Nachts gegen eins die Tür. „Sie haben gesagt, wir würden in 24 Stunden deportiert werden. Jeder dürfe zehn Kilogramm Gepäck mitnehmen – die Möbel inbegriffen. Und genau so ist es auch gekommen“, sagt die Enkelin.

Man sieht ihr die Fassungslosigkeit heute noch an, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt. Auf einem Lastwagen seien sie nach Fegyvernek transportiert worden, einer Stadt im Komitat Jász-Nagykun-Szolnok in der nördlichen Tiefebene Zentralungarns. Dort seien sie bei einer Bauernfamilie zu acht in einem Zimmer untergebracht worden. Maria Freifrau von Hutten hingegen wurde nicht deportiert. „Ich war erst ein Jahr alt und an Tuberkulose erkrankt, deshalb war ich gar nicht bei meinen Eltern. Die Schwester meiner Mutter hatte mich aufgenommen, ihr Mann war ein Arzt“, erzählt sie und fährt fort: „Erstaunlicherweise wurde auch unser Großvater, der ja ebenso adlig war, nicht deportiert. Wir vermuten, dass er als Maler ein großes Ansehen genossen hat und sie ihn deshalb in Ruhe gelassen hatten. Außerdem lebte er am Balaton, dort sind sie vielleicht nicht so sehr auf ihn aufmerksam geworden, wie auf uns in der Hauptstadt.“

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Maria Freifrau von Hutten und Éva Seifert sind die einzigen Nachfahren von Elemér Vass: Sie haben ihren Großvater nie richtig kennenlernen können. (Foto: Andrea Ungvari)

Während der Deportationszeit habe die Familie Fegyvernek unter keinen Umständen verlassen dürfen, selbst dann nicht, als Elemér Vass erkrankte. „Wir konnten kein letztes Mal mit ihm sprechen“, erklärt Seifert nachdenklich.

Im Jahr 1956 floh schlussendlich die gesamte Familie, diesmal einschließlich beider Schwestern, bei Nacht und Nebel mit Hilfe von Schleppern über die Grüne Grenze nach Österreich, dann weiter nach Deutschland. Auf einem ungarischen Internat bei Nürnberg, das für Flüchtlingskinder eingerichtet wurde, hat Éva Seifert ihr Abitur gemacht und in München Pharmazie studiert – sie ist Apothekerin. Maria Freifrau von Hutten ist Psychologin. Sie arbeitete jedoch nach der Flucht zunächst als Bankangestellte und holte in Abendkursen ihr Abitur nach, ehe sie neben ihrer Tätigkeit ihr Studium begann.

Auf den Spuren von Elemér Vass

Aufgrund ihrer durch politische Umstände gespaltenen Familie finden es die Schwestern umso wichtiger, endlich eine Verbindung zu ihrem Großvater herzustellen, indem sie ihn und seine Werke kennen und verstehen lernen. Frank Seifert, der Gatte von Éva Seifert, habe zunächst der in Berlin lebenden ungarischen Kunsthistorikerin Gyöngyi Seres den Auftrag gegeben, über Elemér Vass zu recherchieren. Da sie ohnehin in Ungarn zu Besuch gewesen sei, habe sie während ihres Aufenthaltes alte Zeitungsartikel ausgegraben, diese begutachtet und beurteilt und sich an verschiedene Museen gewandt, die einmal Werke von Vass ausgestellt hatten. „Er hatte seine Bilder vor dem Krieg, aber vor allen Dingen auch danach, unter dem sozialistischen System, ausgestellt. Selbst nach seinem Tod wurden hier in Ungarn noch Werke ausgestellt“, erklärt Éva Seifert.

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„Er war ein unglaublich schöner Mann. Er ist in derStadt immer mit einem Hut herumgelaufen“, sagt Maria Freifrau von Hutten über ihren Großvater.

Aus den Funden hat die Autorin Zsuzsanna Benkő in Zusammenarbeit mit der Galerie Kieselbach vor Kurzem eine 207-seitige Dokumentation über Vass fertiggestellt. „Wir haben Bilder unseres Großvaters bekommen, denn einen Teil von ihnen hat mein Vater geerbt und aus Ungarn geholt. Mir haben die Werke sehr gut gefallen, dadurch wollte ich auch, dass mehr Menschen an seiner Kunst teilhaben können und auf sie aufmerksam werden“, sagt Frau von Hutten. Die Dokumentation kann ab sofort in der Galerie Kieselbach eingesehen werden.

Ein facettenreicher Mann

Man kann durchaus behaupten, dass Elemér Vass ein aufregendes Leben geführt hat. Statt des sicheren Berufs des Juristen, den er zunächst einschlug, hatte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Malerei für sich entdeckt. Dank des Kults um erfolgreiche Malerfürsten wie den Grafen Jenő Zichy hatten die mittelständischen Juristen- und Beamtenfamilien adliger Herkunft akzeptiert, wenn ihre Kinder lieber die Leidenschaft zur Malerei ausleben wollten.

„Mein Vater hat nur erzählt, dass sein Papa so und so war, das war aber eben auch sehr wenig. Wir haben also nur Fotos von ihm zu Gesicht bekommen, aber er war ein unglaublich schöner Mann. Er ist in der Stadt immer mit einem Hut herumgelaufen“, sagt Maria Freifrau von Hutten. Auch Éva Seifert kann den Charakter ihres Großvaters einordnen: „Er war ein sehr kluger und warmherziger Mann und eben einer, der sehr an der Malerei interessiert war, das hat sein Leben letztendlich auch bestimmt. Früher sicherlich nicht so, da hat er nämlich auch gerne gut gelebt und ist viel gereist – aber er mochte auch das einfache Volk, er selbst hat in einem kleinen Haus gelebt. Es gab eben diese zwei Seiten an ihm.“

Europa als Inspirationsquelle

Obwohl Elemér Vass in Pest Karriere machte, zog er 1926 mit seiner zweiten Ehefrau, Piroska Havass, nach Paris, in die Hauptstadt der modernen Kunst. Dort wurde er zum angesagten Porträtmaler von Adligen und Schauspielerinnen, schreibt Zsuzsanna Benkő in der Biografie über den Künstler. „Aber innerlich bleibt er nach wie vor ein naturverbundener ungarischer Landschaftsmaler“, so heißt es weiter. Außer in Frankreich hat Vass unter anderem auch in Italien gelebt und Europa insgesamt viel und gerne bereist, um Künstlerkollegen zu treffen und Landschaftsmotive für seine postimpressionistische Malerei zu entdecken.

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„Aussicht aus dem Fenster“, Mitte der 1930er.

Seinen Sohn Tamás hat Elemér Vass mit seiner ersten Ehefrau Ilona Vécsei in die Welt gesetzt. „Er war ein schönheitsliebender Mann. Unsere Großmutter war bildschön. Aber das war wahrscheinlich eine sehr konventionelle Ehe, die Charaktere haben nicht unbedingt zusammengepasst“, erklärt Maria von Hutten. Ihre Schwester meint: „Ich glaube, auch intellektuell waren sie zu unterschiedlich. Unsere Großmutter wusste nur über das Bescheid, über das man damals als Frau eben Bescheid wissen musste: Mehrere Sprachen sprechen, Kinder erziehen und fertig. Das war für unseren Großvater zu wenig.“ Seine dritte Frau, die Amerikanerin Jean Thompson, soll blitzgescheit gewesen sein, mit ihr sei er angeblich glänzend zurechtgekommen, so Maria Freifrau von Hutten.

Zwei Weltkriege und eine persönliche Meinung

„Im Laufe der Jahre begannen seine Malereien die für die Jahrtausendwende typischen gefragten Bildausschnitte und ihre kraftlosen Farben zu verlieren“, so Zsuzsanna Benkő. „Seine Ende der 1910er-Jahre angefertigten Bilder zeigen schon eine dynamischere, doch lockerere Pinselführung, sein Farbspektrum verbreitert sich, wie bei einer düsteren, kühlen, vom Krieg zerrütteten Landschaft (…).“ Éva Seifert gefallen die ersten Bilder ihres Großvaters jedoch weitaus besser, „weil sie mehr Farben enthalten, als die Späteren. Aber in Künstlerkreisen sind diese späteren Werke die Wertvolleren“, erklärt sie.

Es folgte der Erste Weltkrieg, in dem Elemér Vass bis Oktober 1918 der Armee angehörte. Zuerst hatte er im Frontdienst als Soldat mitgekämpft, ehe er später als Kriegsmaler den erschütternden Konflikt dokumentierte. „Die meisten Informationen über die Kriegsjahre von Elemér Vass liefern die Titel seiner Bilder. Auf ihrer Grundlage zeichnet sich mehr oder weniger die während des militärischen Dienstes zurückgelegte Route ab“, bemerkt seine Biografin. „Er war auch daran beteiligt, polnischen Soldaten zu helfen. Bei uns liegt noch eine Dankeskarte, die sie ihm geschickt haben“, erinnert sich Éva Seifert.

Im Zweiten Weltkrieg habe sich Elemér Vass der Propaganda des Regimes entschieden entgegengestellt: „Wenn die ein Bild mit politischen Symbolen forderten, malte er eben ein Blumenbouquet mit weißen Rosen als Demonstration“, so Éva Seifert. Ihre Schwester ergänzt: „Man kann schon sagen, dass er im Zweiten Weltkrieg eine absolute Gegenmeinung zum Konflikt hatte. Mein Vater hat das auch bestätigt. Elemér war natürlich keiner, der aus lauter Enthusiasmus oder – herb gesagt – aus Naivität ins offene Messer gelaufen wäre. Aber er war gegen den Krieg, weil er diesen Kampf für sinnlos gehalten hat. Er war sich sicher, dass dieser Krieg für Deutschland nicht zu gewinnen sei.“

Die blühenden Werke in Zeiten der schwindenden Lebenskraft

Zurück in Ungarn habe Elemér Vass von 1945 bis zu seinem Tod im Jahr 1957 auf der Halbinsel Tihany relativ zurückgezogen gelebt. Er ist aber auch dort immer mit anderen Künstlergruppen in Kontakt geblieben. Diese hätten ihn äußerst zu schätzen gewusst: „Seine Zeitgenossen sind sich darüber einig, dass seine reifste Periode die Letzte war, obwohl sein Themenkreis ziemlich begrenzt war, da er wegen seiner Krankheit das Zimmer nicht mehr verlassen konnte“, so Zsuzsanna Benkő über Vass. Somit habe der Künstler in seinen letzten Lebensjahren fast ausschließlich Stillleben gemalt, die erneut leuchtende, lebendige Farben beinhalteten.

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„Wir wissen es natürlich nicht ganz genau, aber später in Ungarn hat Elemér unter den Künstlern schon eine bedeutende Stimme gehabt. Viele haben auf ihn gehört und seine Meinung geschätzt“, so seine Enkeltochter Éva Seifert. Nach dem Tod von Elemér Vass haben seine Witwe Jean Thompson sowie Freunde und Bewunderer eine Gedenkausstellung organisiert und im September 1962 wurde in Tihany sogar eine Gedenktafel zu seinen Ehren enthüllt. Auch seine Enkeltöchter engagieren sich weiterhin dafür, dass das Lebenswerk ihres Großvaters nicht in Vergessenheit gerät – sondern vielmehr immer neue Menschen erreicht. Éva Seifert war seit ihrer Flucht erst vor zwei Jahren wieder in Ungarn. Den Aufenthalt sieht sie auch als Versöhnung mit ihrer alten Heimat. Seitdem kommt sie häufig nach Ungarn.

Am 12. September wurden in der Budapester Kieselbach-Galerie unter dem Namen „Schönheit und Stimmung – Vass Elemér (1887-1957). Malereien“ die Biografie und eine Ausstellung einiger Werke von ihm vorgestellt. Initiatorin der Veranstaltung war Éva Seifert. Außerdem haben auch Zsuzsanna Benkő sowie die Galerieleiterin Anita Kieselbach und der Kunsthistoriker Gábor Rieder daran teilgenommen.

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Sie möchten mehr über das Leben und die Werke von Elemér Vass erfahren?

Die Biografie über den Maler, verfasst von Zsuzsanna Benkő, kann ab sofort in der Galerie Kieselbach eingesehen werden. Die 207-seitige Dokumentation im Hardcover gibt es derzeit nur auf Ungarisch mit einer deutschen Kurzzusammenfassung im hinteren Teil des Buches. Sie beinhaltet außerdem großflächige, bunte Drucke vieler Werke von Vass sowie je ein Vorwort von Éva Seifert, von Galerieleiter Tamás Kieselbach sowie des Kunsthistorikers Gábor Riedel. Eine komplette deutsche Fassung, die in Museen und anderen Institutionen in Deutschland verteilt werden soll, sei in Vorbereitung, ebenso eine Verbreitung in Österreich.

Bücher mit Werken von Elemér Vass können auf der Webseite der Kieselbach Galerie bestellt werden. Außerdem versteigert die Galerie auch originale Malereien von ihm. Informationen dazu finden Sie unter www.kieselbach.hu/artist/vass_-elemer_1125

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