Ein Universitätsdozent hat nachgewiesen, warum die Ungarn mit ihrer Lohnstatistik in internationalen Ökonomen-Kreisen kaum Begeisterungsstürme auslösen. Die Erfolgsmeldungen aus Budapest werden schließlich auch anderswo vernommen. Neben Finanzminister Mihály Varga hat Ministerpräsident Viktor Orbán aktuell von einer 65-monatigen Zeitspanne ungebrochen ansteigender Reallöhne gesprochen. Der stete Anstieg über fünfeinhalb Jahre hinweg bewegte sich nicht selten sogar im zweistelligen Bereich – nach den jüngsten Angaben des Zentralamtes für Statistik (KSH) erreichte der Reallohnanstieg im ersten Halbjahr dieses Jahres erneut stolze 9,4 Prozent. Auf eine ähnliche Konstellation stützte sich die Analyse von Notenbankpräsident György Matolcsy auf der 56. Wandertagung der Ökonomen, die wir in unserer vorigen Ausgabe ausführlich abhandelten. Matolcsy stellte dort Prognosen auf, wie schnell die Visegrád-Staaten (V4) den Entwicklungsrückstand zu anderen Regionen innerhalb der Europäischen Union aufholen dürften. Noch am gleichen Ort, auf der Wandertagung, widersprach ihm ein Ökonom aus Eger: der Dozent an der Esterházy-Universität Eger, István Dedák.

Irreal wirkende Lohninflation

Der Notenbankpräsident betrachte die V4-Gruppe oberflächlich als homogene Masse, dabei zieht Ungarn bei nicht wenigen makroökonomischen Indikatoren die V3 Polen, Tschechien und Slowakei deutlich hinunter. Dedák macht das Hauptproblem der Ungarn an der Produktivität fest, oder besser gesagt an deren Mangel. Dazu zitiert er den weltberühmten Ökonomen Willem Buiter (einst Mitglied im Währungsrat der Bank of England und lange Zeit Chefvolkswirt der Citi Group), der dem Wirtschaftsfachportal portfolio.hu sagte, er habe noch nie ein Land gesehen, das ungeachtet einer zweistelligen Lohninflation imstande ist, die Inflationsrate im Zielbereich zu halten.

Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie besagt, dass sich die Zunahme der Reallöhne den Produktivitätssteigerungen über kurz oder lang anpassen muss. Erhebliche und dauerhafte Abweichungen der Lohnzuwächse nach oben würden die Rentabilität der Unternehmen drastisch beschneiden. Steigen die Nominallöhne in westlichen Ländern, deren Produktivitätssprünge wegen ihres hohen Entwicklungsstandes beschränkt sind, zweistellig, schlägt sich das nicht in höheren Reallöhnen, sondern in einer angeheizten Inflation nieder. Ungarn aber legt eine wahre Explosion der Löhne vor – wenngleich nicht über fünfeinhalb Jahre in dem gleichen, unglaublich anmutenden Tempo, aber seit 2015 doch in einem Bereich, bei dem es so manchen Unternehmensführern schwindlig wird. Zur gleichen Zeit aber schneidet das Land in Sachen Produktivitätszuwächse nicht etwa nur im Vergleich der V4, sondern sogar noch an der eigenen Leistung aus dem vorigen Jahrzehnt gemessen erschreckend schwach ab.

Immenser Lohn-Vorsprung in der Arbeitsmarktstatistik

Der Dozent Dedák hat diese Daten akribisch recherchiert und dabei eine Diskrepanz zwischen der Entwicklung der Reallöhne im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende zur Entwicklung selbiger nach 2010 aufgedeckt. Dabei legte er den Maßstab der Arbeitsmarktdaten im Vergleich mit den im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erhobenen Daten an. Diese beiden Statistiken verhielten sich bis 2006 weitgehend deckungsgleich, ab jenem Jahr ergab sich jedoch ein signifikanter Vorsprung der Reallohnentwicklung auf der Grundlage der Arbeitsmarktdaten. Im Hintergrund steht als wesentlicher Unterschied bei der Erhebung der Daten für die verschiedenen Statistiken, dass von Seiten des KSH in der Arbeitsmarktstatistik nur die Löhne der Vollzeitbeschäftigten bei Firmen mit fünf und mehr Mitarbeitern sowie bei den Haushaltsorganen Berücksichtigung finden. Im Gegensatz dazu fließt in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auf der Einkommensseite des Bruttoinlandsprodukts das Produkt aus der Lohnmasse und allen Menschen in Arbeitsverhältnissen ein.

Gewöhnlich korrelieren diese verschiedenen Lohnstatistiken miteinander, was erst recht über einen längeren Zeitraum zutrifft. So verweist der Wirtschaftsforscher von der Universität Eger für die Zeitspanne 2000-2010 auf eine Differenz zwischen der Arbeitsmarktstatistik und der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung von lediglich 2,9 Prozentpunkten. Nach 2010 habe sich die Situation jedoch grundlegend geändert, die Prozesse hätten eine markante Wende genommen, schreibt Dedák. Die Reallöhne in beiden Statistiken für das Jahr 2010 auf einen „Nullpunkt“ setzend ermittelte er für die nachfolgenden sieben Jahre einen „Lohn-Vorsprung“ der Arbeitsmarktstatistik von mehr als zwanzig Prozent!

Die monatlich vom KSH präsentierte Arbeitsmarktstatistik vermittelt jenen Eindruck von der dynamischen Lohnentwicklung, der Orbán und Matolcsy utopische Pläne spinnen lässt. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen werden quartalsweise aufbereitet und fallen in dem rasanten Informationsstrom unserer Zeit deshalb viel leichter unter den Tisch. Natürlich nicht bei Wissenschaftlern, die ob des ungarischen Wunders der Arbeitsmarktstatistiken das vorhandene Zahlenmaterial tiefgründiger studierten. Dedák und sein Team fanden dabei heraus, dass die grundsätzlichen Zusammenhänge der Ökonomie auch im „unorthodoxen“ Ungarn nach 2010 durchaus Relevanz behalten haben. Sie ermittelten, dass die Reallöhne zwischen 2010 und 2017 praktisch im gleichen Tempo wie die Produktivität zulegten. Obendrein bestätigten ihre Forschungen, dass die im Übrigen auch von der Matolcsy-Notenbank immer wieder geäußerte Kritik vollkommen berechtigt ist, wonach eine Volkswirtschaft mit niedriger Effizienz auch nur geringfügige Reallohnzuwächse erwarten darf.

Belastende Krisenerscheinungen

Dabei liegt die von Dedák aufgedeckte Diskrepanz im statistischen Ansatz nach unserem Dafürhalten noch weiter zurück: Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung weist tatsächlich bereits nach 2006 deutliche Einbußen bei den Reallöhnen aus. Als die Gyurcsány-Regierung das Land mit ihrer verfehlten Politik schon Jahre vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in einen Abgrund stürzte, zeigten die Arbeitsmarktstatistiken des KSH allenthalben stagnierende Reallöhne. Die Schere tat sich also lange vor 2010 auf und erreichte zwischenzeitlich annähernd zehn Prozentpunkte. Erst nach dem offenkundigen Zusammenbruch der ungarischen Wirtschaft 2008 bildete das KSH die sinkenden Reallöhne auch in seiner monatlichen Statistik ab.

Mit dem wirtschaftspolitischen Kurswechsel nach 2010 kommt diese neuartige Differenz so richtig zum Tragen. Auch wenn empirische Nachweise noch fehlen, dürfte für die Krisenjahre 2006 und erst recht 2008 charakteristisch sein, dass die nach Jahren des Aufstiegs neuerlich grassierende Angst vor der Arbeitslosigkeit ungezählte Arbeitnehmer in eine Zwangslage brachte. Die Krisenerscheinungen belasteten aber naturgemäß den ohnehin instabilen Rand der Gesellschaft am stärksten, ergo die vom KSH in der Arbeitsmarktstatistik gar nicht erfassten Mikrofirmen und Familienbetriebe, das Heer der seit den Wirren der Nachwendezeit existenten Scheinfirmen von Freiberuflern und Gewerbetreibenden, und nicht zuletzt die hierzulande zu jenen Zeiten bis auf 30 Prozent am Bruttoinlandsprodukt angesetzte Schattenwirtschaft.

Die unorthodoxe Orbán-Regierung mehrte die Zahl der vor sich hin vegetierenden Existenzen noch, indem sie bis 2012 einen brutalen Sozialabbau betrieb – neben dem Renteneinstand und den Sondersteuern sanierte sie auf diese Weise die Staatsfinanzen. Parallel führte die nationalkonservative Regierung massive öffentliche Arbeitsprogramme ein, wodurch sie zwar die Aktivitätsrate erhöhte, die Strukturen im Mindestlohnsegment des Arbeitsmarktes aber gehörig durcheinanderwirbelte.

Ein Multi zahlt doppelt so viel

Seit Jahren bewegt sich in Ungarn das je Beschäftigten erzeugte Bruttoinlandsprodukt nicht vom Fleck. Mit anderen Worten ist das BIP seit 2014 nahezu ausschließlich auf extensivem Wege gestiegen, indem die Beschäftigtenzahl laufend zunahm. Der öffentlich gepriesene Zustand der Vollbeschäftigung manifestiert sich deshalb für die Wirtschaftslenker wie eine Betonwand, gegen die der Wachstumskurs zu prallen droht. Im Versuch, gegenzusteuern, wird die Zahl der ABM-Kräfte nun eiligst wieder abgebaut.

Leider dürfte dieser Schlingerkurs erheblich zur in Wahrheit traurigen Lohnstatistik der Orbán-Ära beigetragen haben: Laut volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung stürzten die Reallöhne nämlich gegenüber 2010 um ein Zehntel ab und erreichten 2015 ihren Tiefpunkt, als die bis dato nur halbwegs erholten Arbeitsmarktstatistiken erstmals auf ein zweistelliges Wachstumstempo hochschalteten. Und während letztere Statistik suggeriert, dass die Reallöhne 2017 um ein Viertel über dem Niveau von 2010 lagen, sind diese in der Realität (der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) nach sieben Jahren erst wieder am Ausgangspunkt angelangt.

Der von der Orbán-Regierung gefeierte Reallohnanstieg um mehr als zwanzig Prozent allein in den letzten drei Jahren wurde von einem Produktivitätsanstieg von höchstens vier Prozent (ebenfalls über drei Jahre) begleitet. Dass hier viel Lärm um nichts gemacht wird, gibt die Ungarische Nationalbank in Fachkreisen durchaus zu. MNB-Direktor András Balatoni nutzte das Forum der zitierten Wandertagung, um reinen Wein einzuschenken: „Ein Multi zahlt doppelt so viel Lohn, wie es die einheimischen Kleinfirmen und Mittelständler tun.“ Obendrein bildet der Lohnunterschied noch gar nicht vollständig die Produktivitätsdifferenzen ab, denn Mitarbeiter von Großunternehmen schaffen dreimal so viele Werte, wie Arbeitnehmer kleiner Firmen. Wie die einheimischen KMU den als Wachstumspuffer deklarierten immensen Rückstand in Sachen Produktivität aufholen wollen, weiß man auch bei der Notenbank nicht. Rezepte gebe es verschiedene, den Kochlöffel müssen die ungarischen Unternehmer aber schon selbst in die Hand nehmen.

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