Seit 2011 arbeiten das Budapester Goethe-Institut, das Österreichische Kulturforum und die Schweizer Botschaft Jahr für Jahr zusammen, um Filmliebhabern in Ungarn einen Einblick in das aktuelle deutschsprachige Filmschaffen zu ermöglichen. Das Sehenswert-Festival oder auch Szemrevaló Fesztivál, wie es sich auf Ungarisch nennt, ist dabei ohne Frage eines der erfolgreichsten gemeinsamen Projekte – mit ausverkauften Kinosälen und mehreren Hundert Besuchern jedes Jahr.

„Sieben Jahre gelten in Ehen geradezu als schicksalhaft“, äußerte sich Michael Müller-Verweyen, Leiter des Goethe Instituts in Budapest, auch im Namen seiner österreichischen und Schweizer Kollegen Regina Rusz und Peter Burkhard im Vorfeld des Festivals. Doch in der Gemeinschaft der drei deutschsprachigen Budapester Kulturinstitute kriselt es noch lange nicht. Im Gegenteil. Die drei vereint der Glaube an „die transnationale Zusammenarbeit in Europa“.

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Am Eröffnungsabend des Festivals wird das viel gelobte deutsche Filmdrama „Das schweigende Klassenzimmer“ gezeigt. (Foto: Studiocanal GmbH Julia Terjung)

Europäische Überzeugungen durch gemeinsame Produktionen stärken

„Und passend zu unseren europäischen Überzeugungen“, so Müller-Verweyen weiterhin, „zeigen wir in diesem Jahr, um nur einen Film herauszuheben, Christian Petzolds ‚Transit‘. Die deutsch-französische Kollaboration holt die Vergangenheit in die Gegenwart. Die Handlung spielt in den 40er-Jahren. Der junge Deutsche Georg flüchtet vor Verfolgung nach Südfrankreich und nimmt unterwegs die Identität eines zu Tode gekommenen Schriftstellers an. Als er in Marseille dessen Ehefrau Marie begegnet, die nichts vom Tod ihres Mannes ahnt, entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre. Bald stehen beide vor der Entscheidung, ob sie Europa gemeinsam verlassen sollen. „Transit“ beruht auf Anna Seghers’ im Exil verfassten gleichnamigen Roman. Obwohl Petzold hier historischen Stoff verarbeitet, zeigen die Bilder ein modernes Marseille der Gegenwart, in dem nun plötzlich damals Geflüchtete auf heutige Flüchtlinge treffen. Der Regisseur begründet dies in einem ZDF-Interview selbst so: „Ich hab’ keine Lust auf historische Filme mehr, keine richtige. Ich mag nicht die Zeit nachstellen.“ Mit diesem Kunstgriff gelingt es Petzold, seinem Film etwas Doppelbödiges und Zeitloses zu verleihen. Doch am kommenden Freitag können sich Zuschauer selbst einen Eindruck davon machen.

Doch zunächst gibt am Donnerstagabend das viel gelobte Filmdrama „Das schweigende Klassenzimmer“ den Festivalauftakt. Basierend auf der Autobiografie von Dietrich Garstka erzählt Regisseur Lars Kraume die Geschichte einer DDR-Schulklasse, die – schockiert von der brutalen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes – ihren Protest mit einer Schweigeminute für die Opfer zum Ausdruck bringt. Die Solidaritätsbekundung zieht jedoch Folgen nach sich, mit denen weder die Schüler noch ihre Eltern oder die Schulleitung gerechnet haben. Seine Ungarnpremiere feierte „Das schweigende Klassenzimmer“ bereits vor knapp einer Woche beim Jameson CineFest in Miskolc.

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Zu den Highlights des diesjährigen Sehenswert-Festivals zählt auch das Spielfilmdebüt des österreichischen Regisseurs Stefan A. Lukacs „Cops“. (Foto: Golden Girls)

35 Aufführungen in 11 Tagen

Doch neben neuen Produktionen aus Deutschland sind natürlich auch die besten Filmneuheiten aus Österreich und der Schweiz vertreten. Insgesamt erwarten die Besucher an den 11 Festivaltagen 35 Aufführungen.

Zu den Highlights des diesjährigen Sehenswert-Festivals zählt auch das Spielfilmdebüt des österreichischen Regisseurs Stefan A. Lukacs „Cops“. Der Film behandelt den mitunter traumatischen Alltag bei der Polizeispezialeinheit WEGA. Dabei folgt die Handlung dem Auszubildenden Christoph, der bei einem Einsatz in vermeintlicher Notwehr einen Mann erschießt. Von seinen Kollegen wird er dafür als Held gefeiert, doch Christoph ist von den Ereignissen traumatisiert. Trotzdem versucht er, nach außen hin „den Schein des starken Mannes” zu wahren. Für ein Erstlingswerk hat sich Lukacs thematisch gesehen einen schweren Brocken ausgesucht und schlägt damit hohe Wellen: Beim 39. Max-Ophüls-Filmfestival wurde das vom ORF kofinanzierte österreichische Drama gleich mit drei Preisen ausgezeichnet.

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Geheimtipp aus der Schweiz: Das Fantasy-Drama „Blue My Mind“. (Foto: tellfilm GmbH)
Als Geheimtipp aus der Schweiz gilt in diesem Jahr vor allem das Fantasy-Drama „Blue My Mind“ – ebenfalls ein Erstlingswerk. Regisseurin Lisa Brühlmann entführt die Zuschauer in die Welt der 15-jährigen Mia, die sich nicht nur mit stichelnden Klassenkameraden in einer neuen Schule auseinandersetzen muss, sondern auch mit einem sich verändernden Körper. Als Mia dann plötzlich einen Heißhunger auf Fisch entwickelt, ihre Zehen zusammenwachsen und sich ihre Haut verfärbt, wird klar, ihre Probleme gehen über die normaler Teenager hinaus. „Blue My Mind“ ist zwar unvorhersehbar aber doch einfühlsam. Es übersetzt die Entfremdungserfahrung vieler Pubertierender in eine atemberaubende Bildsprache. Der Film wurde in diesem Jahr in drei Kategorien (Bester Film, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin) mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.

Im Gespräch mit den Filmschaffenden

Ein besonderes Augenmerk legt das Sehenswert-Festival in diesem Jahr erneut auf Ehrengäste aus der Branche, die im Anschluss an zahlreiche Filmvorführungen für Diskussionsrunden bereitstehen. So wird sowohl der Österreicher Stefan A. Lukacs anwesend sein, der Regisseur von Cops, als auch die Regisseure Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“), Markus Goller („Simpel“) und Dieter Fahrer („Die vierte Gewalt“). Am Samstagabend ist zudem der Bildvirtuose und Kameramann des Films „Blue My Mind“, Gabriel Lobos, zu Gast. Mit Tom Gramenz („Das schweigende Klassenzimmer“) und Anton Spieker („303“) stellen sich wiederum zwei deutsche Schauspieler im Verlauf des Festivals den Fragen des Publikums.

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Der Gerichtssaal-Thriller„Murer – Anatomie eines Prozesses“ zeichnet anhand von Originaldokumenten den Fall des Kriegsverbrechers Franz Murer nach. (Foto: Prisma Film / Katharina F. Roßboth)
Besonders interessant dürfte sich auch die Diskussion im Anschluss an die Vorführung des österreichischen Filmdramas „Murer – Anatomie eines Prozesses“ gestalten. Der Gerichtssaal-Thriller zeichnet anhand von Originaldokumenten den Fall von Franz Murer nach, einem Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg, auch bekannt als der „Schlächter von Vilnius“. Mit Dr. Ferdinand Trauttmansdorff, Leiter des Lehrstuhls Diplomatie I. der Andrássy-Universität holt sich das Festival hier akademische Unterstützung für ein anschließendes Publikumsgespräch.

Der Kartenvorverkauf für die Vorstellungen des Sehenswert-Festivals in Budapest hat am Donnerstag begonnen. Insbesondere für den Eröffnungsabend ist es ratsam, sich bereits vorab mit Tickets einzudecken. Eintrittskarten werden im Művész-Kino zum Preis von 1.200 Forint verkauft, beim gleichzeitigen Kauf von vier Tickets sinken die Kosten auf 1.100 Forint pro Ticket.

Das vollständige Festivalprogramm sowie weitere Informationen finden Sie unter: www.szemrevalofesztival.hu.


Sehenswert- / Szemrevaló-Filmfestival

vom 27. September bis zum 7. Oktober

Veranstaltungsort Budapest:

Művész mozi

VI. Bezirk, Teréz körút 30

Wie bereits in den Vorjahren wird das Festival auch in diesem Jahr wieder in vier ungarischen Großstädten stattfinden: Das sind neben der Budapest auch Szeged, Debrecen und Pécs. Hier wird Anfang Oktober jedoch nur eine eingeschränkte Auswahl der Filme laufen.

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