Nach dem überwältigenden Wahlsieg vom April stellte Ministerpräsident Viktor Orbán seine neue Regierungsmannschaft den Erwartungen entsprechend auf Kontinuität bedacht zusammen. Von den auffälligeren Personalwechseln war neben dem Kanzleramt ein Spitzenministerium betroffen, das sogenannte Ministerium für Humanressourcen, das in der vorigen Legislaturperiode von einem Pfarrer geführt worden war. Zoltán Balog zeichnete sich denn auch in erster Linie auf kulturellem Gebiet und mit seinen Bemühungen um die Integration der Roma aus.

Sein Nachfolger wurde Miklós Kásler, Direktor des Landesinstituts für Onkologie, ein praktizierender Arzt. Orbán stellte den Professor bereits Ende April vor, dessen HR-Ministerium zahlreiche Bereiche wie Bildung, Familie, Jugend, Soziales, Kultur, Sport und halt auch Gesundheit umfasst. Bei der Regierungsbildung Mitte Mai bezeichnete er Kásler als den „Renaissance-Mann“, also eine Art Universalgelehrten, der imstande sei, die Strukturen seines mit weitgefächerten Befugnissen ausgestatteten Ressorts zu überschauen, zusammenzufassen und abgestimmt zu leiten. Diesem Mann traut der Ministerpräsident zu, auch die Aufgabe der Gesundheitsreform zu stemmen.

Vorbeugen und honorieren

Der Professor ging das große Unterfangen mit seinem Team im Sommer keineswegs verhalten an. Zunächst mahnte er die Wichtigkeit von Reihenuntersuchungen an, denn gerade Erkrankungen mit heftigem Verlauf ließe sich häufig vorbeugen, würden diese nur rechtzeitig erkannt. Der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung lasse sich durchaus auf dem Wege der Familienförderung verbessern, lautete eine weitere Prämisse, denn in den ärmsten Schichten steht es am schlechtesten um die Gesundheit.

Dann wurde die Entsendung von Haushaltsbeauftragten angeordnet, die ähnlich wie die, den Rektoren an den Universitäten zur Seite gestellten Kanzler die Bewirtschaftung der Krankenhäuser in die Hand nehmen sollen. Das Dankesgeld, mit dem Patienten Ärzten und Mitarbeitern des Gesundheitswesens bis heute weit verbreitet bestimmte Leistungen honorieren, soll binnen vier Jahren Geschichte sein – abgelöst durch wettbewerbsfähige Gehälter. Noch im Juli wurde die Planung der drei neuen Zentralkliniken für Budapest ausgeschrieben, in denen künftig Kompetenzen und Kapazitäten gebündelt werden.

Kampf dem Darmkrebs

Der Herbst steht im Zeichen erster anlaufender Aktionsprogramme. So werden knapp zweieinhalb Millionen Männer und Frauen zwischen 50 und 70 Jahren im Verlaufe von zwei Jahren in der Darmkrebsvorsorge auf Karzinome im Dickdarm und im Enddarm untersucht. Die freiwillige Untersuchung wird mit Hilfe der Hausärzte vorgenommen, einzig bei Verdachtsmomenten wird in der zweiten Stufe noch eine Darmspiegelung vorgenommen. Allein an Darmkrebs sterben jährlich rund 5.000 Ungarn; dabei lässt sich dieser rechtzeitig entdeckt so gut wie sicher heilen. Den Minister freut, dass dieses Vorsorgeprogramm endlich aufgelegt werden konnte – seit 1993 trug sich das Fach mit dieser Absicht. Sämtliche Krebsarten, bei denen eine Früherkennung möglich ist, sollen fortan im Mittelpunkt der Prophylaxe stehen.

„Das Gesundheitsministerium legt ein Schwergewicht auf vorbeugende Maßnahmen, denn die Gesundheit ist für den Einzelnen, für die Familie und die Nation von außerordentlichem Wert“, betonte Kásler. Das Programm wird mit 2,5 Mrd. Forint an EU-Geldern angeschoben, was zur Finanzierung von rund 300.000 Untersuchungen reicht; an der ersten Phase beteiligen sich gut 1.600 Hausärzte freiwillig. Später übernimmt der Staatshaushalt die Finanzierung, wobei die Hausärzte ab Mitte 2019 – bei entsprechender materieller Absicherung – zu der Untersuchung verpflichtet werden. Für die Koloskopie stehen derzeit 50 Labore im ganzen Lande bereit, die mit der modernsten Diagnosetechnik ausgestattet werden.

Die größte Angst der Ungarn

An den freiwilligen Reihenuntersuchungen beteiligt sich nach Erfahrungswerten weniger als die Hälfte der zur Teilnahme aufgerufenen Bürger. Dabei zeigt eine aktuelle internationale Erhebung von Ipsos, dass niemand mehr Ängste wegen des Gesundheitswesens hat, als die Ungarn: 71 Prozent der Befragten hierzulande benannten dies als ihre größte Sorge. Global haben die Menschen eigentlich mehr Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut, gefolgt von Verbrechen und Korruption, das Gesundheitswesen folgt gewöhnlich erst an dritter Stelle. Während sich weltweit nur jeder Vierte Gedanken um den Zustand des Gesundheitswesens in seinem Lande macht, hat der Anteil der besorgten Ungarn allein von Juni auf Juli um weitere vier Prozentpunkte zugelegt. Die Gesundheit sehen auch Polen und Briten als Hauptproblem, wohingegen dies nur 15 Prozent der Deutschen anficht.

Immerhin befindet sich eine weitere Aussage im Einklang mit den Ergebnissen der umfassenden Gesundheitserhebung des Zentralamtes für Statistik (KSH), die standardisiert in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union vorgenommen wird. Nach den aktuellsten vorliegenden Vergleichsdaten für 2016 lag der Anteil der Ungarn, die ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut beurteilen, unter 60 Prozent – Tschechen, Kroaten und Polen erzielten ähnliche Werte. In der EU waren derweil im Durchschnitt mehr als zwei Drittel der Bürger mit ihrem Gesundheitszustand zufrieden. In Deutschland bezeichneten 65 Prozent der Befragten ihren Zustand als mindestens gut, in Österreich 70 Prozent, die Schweizer landeten mit knapp 78 Prozent auf Platz 3 der Zufriedenheits-Rangliste hinter Zyprioten und Iren.

Übrigens stehen die Frauen ihrer eigenen Gesundheit kritischer gegenüber, als es die Männer tun – gleich 9 Prozentpunkte beträgt der Unterschied in Ungarn. Objektiver ist die Zahl von seit 2010 gleichbleibend 26-29 Prozent der Ungarn, die durch ein Gesundheitsproblem in ihrer täglichen Tätigkeit eingeschränkt sind. Derweil zeigt der Anteil von Personen mit chronischen Krankheiten eine steigende Tendenz: Binnen fünf Jahren legte dieser um sechs Punkte auf 39 Prozent zu. Im subjektiven Urteil bezeichneten zuletzt aber nur noch 13 Prozent die eigene Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht – also ein deutlich geringerer Anteil, als die oben genannten Handicaps vermuten ließen.

Arztbesuch erst, wenn Not am Mann ist

Bei nicht wenigen könnten diese Probleme mit dem Gewicht zu tun haben, das sich bei 40 Prozent der Magyaren im normalen Bereich befindet, während ein gutes Drittel übergewichtig ist und beinahe jeder Fünfte als fettleibig gilt. Täglich Obst essen nur 40 Prozent, Gemüse gar nur 30 Prozent, unter denen Frauen und Personen mit höherem Schulabschluss oder höheren Einkommen überwiegen.

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Nun kommen auch die Budapester Gesundheitseinrichtungen an die Reihe: Notaufnahme im Jahn-Krankenhaus in Süd-Pest nach der Modernisierung. Foto: kormany.hu / Gergely Botár)
Drei von vier Ungarn begegneten 2016 ihrem Zahnarzt nicht, mehr als die Hälfte der Erwachsenen sah kein einziger Facharzt und noch immer 30 Prozent suchten nicht einmal ihren Hausarzt auf. Diese Zahlen zeigen selbst für die Statistiker an, dass die wenigsten Menschen den Arztbesuch prophylaktisch auffassen – meist wird der Doktor erst herangezogen, wenn Not am Mann ist. Dabei sind Infrastruktur und Kapazitäten gegeben; ein Geldmangel verhindert nur selten das Einlösen von verschriebenen Rezepten oder aber den kostenpflichtigen Dentaleingriff.

Eines wird aus diesen Statistiken ganz klar ersichtlich: Allein mit einer veränderten Einstellung in den Köpfen ließe sich die Belastung des Gesundheitswesens markant verringern. Das regierungsnahe Nézőpont-Forschungsinstitut schrieb kürzlich in einer Analyse: „Die Konzepte dieser Regierung unterscheiden sich von den Lösungsansätzen vor 2010 in jedem Fall darin, dass sie sich nicht ausschließlich mit der Frage beschäftigen möchte, wie sich das Gesundheitswesen finanzieren lässt, sondern ein größeres Gewicht auf die Prävention und das Vorbeugen des Entstehens von Krankheiten legen wird, ohne deshalb die Entwicklung der Infrastruktur zu vernachlässigen.“

Dabei überlässt die Regierung nichts dem Zufall, wenn beispielsweise die Produktabgabe auf gesundheitsschädigende Nahrungsmittel (im Volksmund: Chips-Steuer) neuerlich um ca. 20 Prozent heraufgesetzt wird. Die Maßnahmen zur Zurückdrängung des Tabakkonsums wurden sogar von der Weltgesundheitsorganisation WHO gelobt. Seit 2010 ist die durchschnittliche Lebenserwartung um ungefähr ein Jahr gestiegen und erreicht bei Männern nun knapp 73, bei Frauen 80 Jahre.

„Gesundes Budapest“

Nachdem die Kliniken im ländlichen Raum gestützt auf Gelder aus dem vorigen EU-Finanzrahmen für 500 Mrd. Forint flächendeckend modernisiert wurden, erhält die in den nächsten Jahren bereitgestellten 700 Mrd. Forint die Region Mittelungarns, denn mittlerweile gilt die Infrastruktur der Hauptstadt als hoffnungslos zurückgeblieben. Im Rahmen des Programms „Gesundes Budapest“ werden drei strategische Zentralkliniken in Süd-Buda, Süd-Pest und Nord-Pest eingerichtet sowie weitere 25 Krankenhäuser und 32 Fachambulanzen modernisiert. Die für Süd-Buda bestimmte neue Zentralklinik entsteht auf der grünen Wiese im 11. Stadtbezirk und stellt die größte Investition im Gesundheitswesen der vergangenen einhundert Jahren dar.

In den meisten Gesundheitseinrichtungen der Hauptstadt müssen Ärzte und Schwestern in uralten, heruntergekommenen Gemäuern arbeiten. Süd-Buda wird dank absoluter Planungsfreiheit das 21. Jahrhundert verkörpern, was abgesehen von der Medizintechnik auch die Rahmenbedingungen für alle Mitarbeiter und die Patienten betrifft. So werden dort Ein-Bett-Zimmer Standard sein, ebenso wie die vollständig digitale Führung der Krankenkarteien. Ein Heliport wird zwei Landeplätze für Rettungshubschrauber sicherstellen, für Schwestern wird ein Wohnheim unmittelbar auf dem Klinikgelände eingerichtet, wo sich außerdem eine Kinderkrippe und ein Kindergarten befinden werden.

Bereits landesweit ausgestaltet wurde ein progressives System zur Eindämmung der Volkskrankheit Herz-Kreislauferkrankungen; binnen eines Jahrzehnts halbierten sich die Todesfälle im Zuge von Herzinfarkten. Bluthochdruck, Zucker und Krebs sagt das Ministerium verstärkt den Kampf an. Daneben werden nationale Programme ausgearbeitet, um der Herausbildung von mentalen Problemen und Kinderkrankheiten sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates frühzeitig zu begegnen.

Spannungen in Notaufnahmen

Im Haushaltsplan für 2019 stehen knapp 200 Mrd. Forint zusätzlich für das Gesundheitswesen bereit, wobei der Minister durch eine straffe Koordinierung der fünf nationalen Gesundheitsprogramme Überkapazitäten vermeiden und somit ein effizientes System gewährleisten will. Kásler ist sicher im Bilde, was die Spannungen im Bereich der Notfallambulanzen betrifft – noch im Juli versprach er Abhilfe binnen Wochen. Doch in der letzten Augustwoche kam es am Honvéd-Krankenhaus zum Eklat: Nachdem das Verteidigungsministerium als dessen Träger stoisch alle Meldungen über Ärzte dementierte, die freiwillige Überstunden verweigerten oder komplett den Dienst quittierten, reichte der Leiter der Notfallambulanz, Gábor Zacher, seine Kündigung ein.

Das „Honvéd“ gilt als eine zentrale Aufnahmestelle für Notfallpatienten, mit einer Kapazität von 60-80 Patienten am Tag. Das Ministerium möchte diese auf 250 Patienten erhöhen, denn der Bedarf sprengt längst den gegebenen Rahmen. Zacher führte wiederum an, dass der akute Personalmangel das Bereitschaftsniveau auf 60 Prozent gesenkt habe. In dieser Situation zog das Krankenhausmanagement im Hochsommer aus Kostengründen die Bezahlung der freiwilligen Überstunden zurück, woraufhin die Ärzte ihren Einsatz auf einen „Dienst nach Vorschrift“ (das sind immer noch 48 Pflichtstunden pro Woche!) beschränkten.

Wenn keiner mehr da ist

Natürlich legt dieser Konflikt nicht mehr als die Spitze des Eisbergs offen. Der Chef der Notfallambulanz quittierte jedenfalls deshalb den Dienst, weil er es nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, dass sein Zentrum nicht einmal ein Mindestmaß der sachlichen und technischen Voraussetzungen sicherstellte. Die Reaktion des Verteidigungsministers als Arbeitgeber spricht Bände: Statt Zacher noch seine Kündigungsfrist bis Ende Oktober abarbeiten zu lassen, wurde der Facharzt von heute auf morgen fristlos vor die Tür gesetzt. An diesem Dienstag dann die Wende: Nach Informationen der linksliberalen Tageszeitung „Népszava“ soll das Management des Honvéd-Krankenhauses nunmehr bereit sein, alle Bedingungen des für Zacher bestellten Nachfolgers zu erfüllen.

So sollen die Stundenlöhne der Notfallärzte von 4.-5.000 auf 10.-13.000 Forint (!) mehr als verdoppelt und auch den Schwestern die Überstunden nachträglich gezahlt werden. Das sind vorerst nur Gerüchte, zumal diese viele Fragen offen lassen. Tatsache ist jedoch, was der Chef der Ärztekammer, István Éger, der gleichen Zeitung sagte: „Was im ‚Honvéd‘ geschah, kann sich jederzeit in jedem anderen Krankenhaus wiederholen. Schon vor zwei Jahren waren die Notaufnahmen nur zu einem Viertel mit den benötigten Ärzten besetzt.“

Das „Honvéd“ soll eines der drei strategisch wichtigsten Krankenhäuser der Zukunft werden – vielleicht wäre es angebracht, dass die Regierung die Trägerschaft baldmöglichst wechselt, weil im Staatssekretariat für Gesundheit des HR-Ministeriums vermutlich Leute sitzen, die mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte der Ärzte und weiteren Mitarbeiter des Gesundheitswesens haben.

Noch ist die Abwanderungsbewegung des medizinischen Personals nicht beendet – das Fachressort feiert es aktuell als Erfolg, dass im Saldo nicht mehr Ärzte und Schwestern als in früheren Jahren ins Ausland gehen. Im Umgang mit den Fachkräften geht es um weit mehr, als die monatliche Lohnabrechnung. Selbst das Regierungsorgan „Magyar Idők“ schrieb dieser Tage: Was nützen die schönsten Gebäude und die modernste Medizintechnik, wenn keiner mehr da ist, der mit diesen Mitteln fachkundig umzugehen versteht.

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