„Lasst uns dem Vorbild von Béla Bartók folgen, der neben der ungarischen Volksmusik auch die der Nachbarländer mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und großer Hingabe erforschte. Jetzt, da wir alle zu einer großen europäischen Familie gehören, lasst uns damit beginnen, die Kulturen unserer neuen Familienmitglieder kennenzulernen. Wir werden auf wahre Schätze stoßen, während wir der Musik der baltischen Länder und Polens lauschen“, verspricht Iván Fischer, Musikdirektor des Festival Orchester Budapest, im Hinblick auf das bevorstehende 10-tägige Kulturfestival „Europäische Brücken“. Polen und das Baltikum (Estland, Lettland und Litauen) seien dieses Jahr ausgewählt worden, weil sich die Unabhängigkeitserklärung dieser Länder zum 100. Mal jähre, so Csaba Káel, Geschäftsführer des Müpa (vollständig und deutsch ausgesprochen: Palast der Künste). Solche wichtigen Wendepunkte in der europäischen Geschichte gäben Anlass, die Freiheit zu feiern.

Meisterwerke, Mystik, Minimalismus

Für das große Eröffnungskonzert am 16. September wird der weltberühmte polnische Pianist Piotr Anderszewski mit dem Orchester Sinfonia Varsovia und dem polnisch-russischen Dirigenten Andrei Boreiko die Bühne des Nationalen Konzertsaals „Béla Bartók“ betreten. Während des Konzerts wird neben polnischen und baltischen Meisterwerken des 20. Jahrhunderts auch ein Stück des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály aufgeführt.

An den darauffolgenden Tagen werden die mystischen Werke des Estländers Arvo Pärt –einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten – im Mittelpunkt stehen. Ein weiteres Highlight: die symphonische Poesie minimalistischer Kompositionen des Letten Pēteris Vasks. Begleitend werden Malereien des litauischen Komponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis projiziert. Am 25. September wird die Bühne dann dem Budapester Festivalorchester gehören. Die Musik des Estländers Tõnu Kõrvits wird dem Publikum das magische, pulsierende Phänomen der Nordlichter vermitteln. Einigen hypnotischen, leidenschaftlichen Stücken folgend, wird ein weiterer Estländer – Eduard Tubin – eine solide, gefühlsbetont dunkle Symphonie vortragen.

Am letzten Abend wird das barocke Abschlusskonzert des Budapester Festivalorchesters musikalische Schätze aus Polen aufführen. Es wird ein breites Spektrum von frühen Barockmelodien bis hin zu aufmunternden Gesangskompositionen geben. Neben diesen Stücken, die dem ungarischen Publikum weitestgehend unbekannt sein dürften, werden Werke des größten deutschen Komponisten dieser Zeit erklingen, nämlich von Johann Sebastian Bach.

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Iván Fischer: Der Musikdirektor des Budapester Festivalorchesters fordert uns auf, die Kulturen unserer europäischen Familienmitglieder besser kennenzulernen. (Foto: Ákos Stiller)


Über klassische bis hin zu außergewöhnlicher Musik

Auch die Vorzeigeband der baltischen Fusion-Popmusik, Sus Dungo, wird Budapest besuchen. Die sechs jungen Sängerinnen wirken, als seien sie einem modernen Märchen entsprungen. Dabei können die „Indie-Pop-Feen“ nicht nur alle singen, sondern auch eine ganze Menge Instrumente spielen, darunter Akkordeon, Flöte, verschiedene Schlaginstrumente, Gitarre, Ukulele, Klavier und das xylophonähnliche Metallophon.

Im Rahmen des Festivals tritt auch die litauische Musikgruppe Golden Parazyth auf. Die einst als Duo gegründete, heute aber zum Quintett expandierte Band begeistert mit einer Mischung aus Elektropop und Alternativem Rock. Ihre Vielfältigkeit zeigt sich auch anhand der Bands, mit denen Golden Parazyth schon getourt haben. Da wären beispielsweise das englische Synthie-Pop-Duo Hurts, das isländische Techno-Downtempo-Ambient-Phänomen Gusgus sowie die weltberühmte Lana del Rey, die erst kürzlich in Budapest auftrat.

Die polnische Folk-Gruppe Warsaw Village Band gehört ebenfalls zum Line-up des „Europäische Brücken“-Festivals. Die Band strebt in ihrer Musik danach, den gemeinsamen Nenner zwischen urbaner und ländlicher Kultur, der Vergangenheit und der Zukunft, dem Archaischen und dem Modernen sowie der östlichen und der westlichen Welt zu finden. Für sie handelt es sich keineswegs um eine leere Worthülse, wenn sie den jamaikanischen Reggae-Musiker Spearhead zitieren: „Erinnere dich an deine Vergangenheit, aber erlaube, in der Zukunft zu leben!“ Wie sich das anhört, wird das Festivalpublikum am 21. September herausfinden.

Geschichtsstunden im Kinosessel

Das proeuropäische Event bietet außerdem kostenlose Filmvorführungen an. Der historische Film „Die letzte Front – Defenders of Riga“, der unter anderem zu sehen sein wird, basiert auf Ereignissen in Riga während des lettischen Unabhängigkeitskrieges von 1919. Ein Dokumentarfilm von Violetta Rotter-Kozera trägt den geheimnisvollen Namen „Please Find – Henryk Mikołaj Górecki“. Er bezieht sich auf den polnischen Komponisten Górecki, der in den frühen 1990er-Jahren populär geworden ist.

Der 2017 erschienene Film „November“ basiert auf dem Roman „Rehepapp“ des estländischen Autors Andrus Kivirähk. Der Roman stieg in den letzten zwanzig Jahren zum Bestseller auf.

Für die Literatur-Liebhaber hält das Festival mit Lesungen mehrerer Werke des bekanntesten polnischen Autoren Witold Gombrowicz einen besonderen Abend bereit. Unter anderem wird dem Publikum geboten: „Tagebuch“ sowie die drei Dramen „Yvonne, Prinzessin von Burgund“, „Die Hochzeit“ und „Operette“.


Kulturfestival „Europäische Brücken“ im Müpa

Budapest, IX. Bezirk, Komor Marcell utca 1

16. bis 26. September 2018

Das detaillierte Programm und weitere Informationen sowie den Ticketvorverkauf auf Englisch finden Sie auf www.mupa.hu/en/events/bridging-europe-2018

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