Sogar ein bisschen Mitgefühl mit der rummüllenden jungen Frau machte sich in mir bemerkbar. Auch ich war im Sommer hochschwanger: Bei sengender Hitze und mit großem Bauch – und ganz besonders, wenn man vorher im Auto stundenlang versucht hat, ein Zweijähriges ruhigzustellen – können selbst 20 Meter zur nächsten Mülltonne zu viel sein. Natürlich ist es trotzdem eine große Unaufmerksamkeit gegenüber anderen Menschen, wenn man diese 20 Meter nicht zurücklegt. Sie verdient ein wenig Geschimpfe. Aber die Emotionen gehen mittlerweile weit übers Schimpfen hinaus. (...) Überdeutlich zeigte sich in diesem Fall der tiefe Riss zwischen herrschender Klasse und dem Rest der Bevölkerung. Denn das Land ist nicht nur wirtschaftlich und politisch zerrissen. (...)

Anstand, Moral, Recht und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens scheinen nur für die gemeine Bevölkerung zu gelten. Die neue herrschende Klasse jedoch steht nicht außerhalb des Gesetzes, sondern darüber.

Mit Kinderstube, aber ohne Anstand

Die einstigen Neureichen wurden belächelt, weil sie die Etikette nicht kannten, Besteck und Servietten falsch benutzten. „Sie haben einfach keine Kinderstube“, sagte man über sie. Die neue Generation der heutigen Neureichen hat sehr wohl eine Kinderstube. Eben deswegen dürfen sie nun alles, weil ihre Kinderstube eben zur richtigen Familie gehört.

Ganze Dynastien entstehen, mit immer perfekter gebundenen Krawattenknoten und Zeugnissen immer besserer Schulen in der Tasche, die jedoch neben der Etikette auch auf die Ethik pfeifen. Sie ignorieren nicht nur den Anstand, sie ignorieren die Gesetze und den Anstand. Sie fahren verkehrt in die Einbahnstraße und wenn ein unachtsamer Polizist ihren Ausweis sehen will, machen sie ihn eben fertig, den Deppen. Sie gewinnen alle Ausschreibungen und streichen alle staatlichen Subventionen und EU-Gelder ein, sie können sich eh von jeder Schuld reinwaschen.

Das Recht, die Moral und die Regeln sind dafür da, um das Fußvolk auf Linie zu halten. Die neue herrschende Klasse muss sich nicht an die Gesetze halten, schließlich schafft sie diese selbst. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind schon längst eng verflochten. Ist ein Gesetz nicht flexibel genug, wird eine auf die Person zugeschnittene „Lex XY“ geschaffen.

„Sie treten Normen und Regeln mit Füßen“

Dies ist die verachtenswerteste und heuchlerischste Art der Ordnungspartei. Nach unten hin wird Ordnung verlangt, du wirst beobachtet, sie greifen nach dir, du wirst gezerrt, belehrt, umerzogen und gefügig gemacht. Die neuen Herrschaften treten jedoch die Normen und Regeln nach Lust und Laune mit Füßen, während sich der zur „Ordnung“ erzogene Normalbürger nicht mal für eine Minute traut, von den Regeln abzuweichen. Denn er fürchtet um seine Arbeit und sein Auskommen, er hat Angst vor den Oberen oder hofft, wenn er sich nur an ihre Befehle klammert, ein wenig Anerkennung zu erhalten, seine eigenen fünf Minuten der Macht. (...)

„Unten“ zerstört das starre Respektieren der Regeln, das seelenlose Befolgen der Befehle den Menschen, „oben“ das zynische Beiseitewischen der Normen.

Die Reaktionen im Zusammenhang mit dem Windel-Skandal sind beispiel- und symbolhaft. Einerseits zeigen sie die zerstörerische Kraft des hilflosen Zorns, der Gerechtigkeit nicht schaffen kann und sich deswegen in unwürdigen Angriffen ergeht. Einige schimpfen auf das unschuldiges Kleinkind oder gar das Ungeborene, andere ziehen über die Pluskilos der Schwangeren her. Die Seuche greift um sich: Wenn die neuen Herrschaften auf die Regeln des menschlichen Zusammenlebens pfeifen, dann verdienen sie es. (...)

Der Gestank breitet sich aus, verseucht die Luft und schnürt die Kehle zu. Tag für Tag aufs Neue. Und so wird auch das Ende sein: Sie fahren in ihren Luxusautos davon und lassen uns ihre Dreckwäsche zurück. Und Berge von dem, was normalerweise in der Windel ist.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 25. August in der Onlineausgabe der linken Tageszeitung Népszava.

Mehr zum „Windel-Skandal“ finden Sie auf der „Letzten Seite“.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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