„Das ist sicherlich nicht die Art von Arbeitsplatz, den Ihr erwartet habt“, lacht Paola als wir ihre Wohnung betreten. Tatsächlich ist hier keine Spur vom kreativen Chaos, das viele Designer umgibt. Nichts liegt herum, überall dominieren klare Linien. Paola ist Minimalistin, eine Lebensweise, die im ersten Moment im krassen Gegensatz zu ihren Entwürfen steht. Denn diese sind farbenprächtig, intensiv und abwechslungsreich. Und wie sie selbst ein Unikat in Budapest.

Authentische Muster

Eigentlich arbeitet Paola bei einem multinationalen Unternehmen als Projektmanagerin, aber Mode war schon immer ihre Leidenschaft und für sie ein Weg, um ihre kreativen Energien freizusetzen – und ihr kulturelles Erbe auszuleben. „Wenn Leute mich auf der Straße sehen, wundern sie sich, wo ich herkomme. Es reicht dann nicht, wenn ich sage ‚aus Italien‘. Ja, mein Vater stammt aus dem Kongo, aber ich bin in Europa aufgewachsen. Meine kulturelle Identität ist durch Europa geprägt, aber ich will auch meine afrikanischen Wurzeln nicht vergessen“, erzählt sie. Kinder, die wie Paola aus gemischten Ehen stammen, kämpfen oft mit Vorurteilen, sie werden weder als schwarz noch als weiß akzeptiert. Doch das ist Paola ganz recht, sie ist bunt und vielseitig. Und eben dies will sie auch mit ihrem Label BadGán ausleben.

„BadGán ist Pidgin-Englisch und bedeutet in etwa so viel wie ‚knallhart’“, erklärt sie. Doch Paola geht es nicht um Aggressivität, sondern einfach um Selbstbewusstsein. „Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen, meine Mutter ist Italienerin, mein Vater Kongolese. Ich habe mich der afrikanischen Kultur immer verbunden gefühlt, aber ich bin Europäerin. Wenn ich gefragt werde, woher ich komme und ich antworte ‚Mailand‘, dann fragen die Leute immer noch: ‚Ja, aber woher eigentlich?‘“. Viele Kinder aus gemischten Ehen versuchen, sich deswegen eher in die Unscheinbarkeit zu flüchten, statt sich permanent mit dieser Form der Ignoranz auseinanderzusetzen. Hier will Paola mit ihrem Label ansetzen: „Meine Mode ist etwas für Frauen, die nicht mehr unsichtbar sein wollen. Egal, welcher Hautfarbe.“

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Denn Paola sieht in ihrer Mode vor allem einen Weg für Frauen, sich selbst zu verwirklichen – überall auf der Welt, doch insbesondere für Frauen wie Paola, die zwischen den Kulturen leben und sich bewusst nicht für die eine oder andere entscheiden wollen, sondern lieber stolz und offen beide ihr eigen nennen.

Eher urban statt ethnisch

Doch Hautfarbe und Herkunft spielen bei BadGán eigentlich keine Rolle, denn die urban geprägte Mode kommt zwar in traditioneller wachsbedruckter Baumwolle daher, aber Paola glaubt zu wissen, was Frauen von heute wollen: Taschen! Lachend erklärt sie, warum alle Kleider und Röcke große, tiefe Taschen haben: „Ich mag es nicht, wenn ich mit meinen Händen nichts anfangen kann oder nicht einmal mein Telefon ohne Handtasche verstauen kann.“ Tatsächlich bieten die Kleidungsstücke von BadGán mit ihren weiten Taschen praktischen Stauraum, den man oft sogar bei Jeans vermisst.

Doch das ist nicht der einzige Vorteil der „knallharten“ Kleider: Aus traditionellen afrikanischen Stoffen gefertigt, sind sie nicht nur angenehm zu tragen, sondern auch extrem widerstandsfähig. „Meine ersten Stoffe stammten aus Lagos und wurden mit traditionellem Wachsdruck gefärbt. Doch ich will mich nicht auf eine Region festlegen“, erzählt Paola. Ihr sei wichtig, dass ihre Stoffe authentisch sind und nicht in liebloser Massenproduktion hergestellt werden. Sie will ortsansässige Unternehmen unterstützen und damit Frauen weltweit helfen, sich selbst zu verwirklichen: „Ich stehe noch ganz am Anfang. Alles ist noch wahnsinnig klein und neu, aber mein Traum ist es, dass mein Label irgendwann Mädchen und Frauen bei der Verwirklichung ihrer Träume und bei der Flucht aus der Armut unterstützen kann.“

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Nicht teurer, dafür individueller

Paola kann sich vorstellen, in Zukunft Stoffe aus ganz anderen Regionen der Welt für ihre Kreationen zu nutzen. Doch vorerst arbeitet sie mit afrikanischen Stoffen und steht beim Designen selbst am Reißbrett: „Mein Traum ist es aber, dass ich irgendwann das Label nur noch manage und andere Leute nach meinen Ideen die Entwürfe anfertigen.“ Obwohl Paola viele Aufgaben bedenkenlos aus der Hand geben würde, soll sich eine Sache bei BadGán niemals ändern: Gearbeitet wird nur mit Materialien, die nachhaltig produziert wurden.

Deswegen ist es ihr auch wichtig, dass ihre Kleider nicht in indischen Ausbeuterbetrieben, sondern vor Ort von einer ungarischen Schneiderin gefertigt werden. „Die Kosten pro Kleidungsstück sind am Ende nicht höher als beispielsweise für ein Teil von H&M oder Zara. Der Unterschied ist aber, dass einem ein BadGán-Kleid nicht mehrfach auf der Straße entgegenkommt und dass man weiß, dass es nicht unter unmenschlichen Bedingungen, sondern ‚fair‘ produziert worden ist.“

Neben den Produktionsbedingungen ist Paola aber auch wichtig, so wenig Abfälle wie möglich zu produzieren. Deswegen wird man im Webshop zwar prinzipiell wählen können, aus welchem Stoff das gewünschte Kleidungsstück sein soll, aber wenn ein Stoff vergriffen ist, ist er weg. „Ich möchte einfach nicht Stoffballen auf Vorrat kaufen, die dann eventuell ungenutzt bleiben.“ Lieber produziert Paola in kleiner Stückzahl und auf Anfrage. Außerdem ist sie stetig auf der Suche nach neuen Stoffen.

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BadGán im Selbsttest

Und wie sieht es mit dem Tragekomfort aus? Sehr gut, wie ein Selbsttest beweist. Im ersten Moment scheinen die Stoffe fester als gewöhnliche Baumwolle. Dies liegt am Wachsdruck. Doch diese Technik ist es auch, die die Stoffe widerstandsfähig und angenehm zu tragen machen: „Die Stoffe, die ich verarbeite, sind dieselben, aus denen afrikanische Frauen ihre Alltagskleidung nähen. Intensive Sonne, aber auch Beanspruchung durch körperliche Arbeit machen den bunten Textilien nichts aus.“ Die Stoffe knittern nur schwer und selbst dann sind sie sehr ansehnlich und fühlen sich gut auf der Haut an. Wer auf künstliche Farbstoffe und Zusätze in Plastiktextilien empfindlich reagiert, wird BadGán lieben, denn die natürlich gefärbten Stoffe irritieren selbst empfindliche Haut nicht. Und obwohl die Stoffe im ersten Moment etwas steif wirken, staut sich unter ihnen nicht die Hitze.

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„Echte Frauen wollen gesehen werden“

Und wie soll es mit BadGán nun weiter – oder viel mehr losgehen? Als Nächstes möchte Paola einen Webshop eröffnen – und dann möchte sie ihre Kreationen an „echten Frauen“ präsentieren. „Ich finde, professionelle Models können ein Kleidungsstück oftmals zwar ansehnlich, aber nicht wirklich von Herzen präsentieren. Ich möchte Mode für echte Frauen machen und so möchte ich auch, dass meine Mode von echten Frauen präsentiert wird. Das wäre wirklich großartig, wenn meine Kundinnen auch meine Modelle sein, und meine Kleider mit Seele erfüllen könnten.“

Danach dreht sich alles nur noch darum, Frauen, die aus der Unsichtbarkeit herauswollen, das richtige Gewand zu bieten. Paolas Entwürfe sind bequem und doch feminin. Sie sind vor allem etwas für Damen, die ihren Alltag gern etwas bunter gestalten. Paolas Kreationen können außerdem variiert werden: Die Bluse Model „The Knot“ (dt.: „Der Knoten“) kann beispielsweise auf mehrere Arten gebunden werden und auch andere BadGán-Kleider können durch die dazugehörigen Gürtel unterschiedliche Gestalt annehmen. So kann aus einem sportlichen Tagesoutfit mit Jeans und einem mantelähnlichen Oberteil am Abend mithilfe eines breiten Gürtels aus schimmerndem Stoff ein edleres Outfit gezaubert werden.

In Paolas Kreationen zeigen sich die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit: Die Liebe zum Minimalismus – denn die Schnitte sind klar und geradlinig – ebenso wie ihre gemischte Herkunft. Denn obwohl die verwendeten Stoffe und Muster traditionell afrikanisch sind, passen BadGán-Kleider perfekt in den Schrank und ins Leben einer jeden aktiven Großstadtbewohnerin. Und Budapest ist hier ohne Zweifel der perfekte Laufsteg.

Weitere Informationen zum Modelabel BadGán finden Sie auf Facebook unter www.facebook.com/badganbudapest und auf Instagram unter www.instagram.com/badgan.

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