Am Wochenende war mal wieder der Rennzirkus der Formel 1 zu Gast in Ungarn. Über 200.000 Zuschauer zog das Spektakel an, dessen Effekte für die einheimische Wirtschaft auf 100 Mio. Euro veranschlagt werden. Die in die Jahre gekommene Rennstrecke des Hungarorings in Mogyoród vor den Toren von Budapest gilt als „Hungarikum“, nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen Siegerpokale. Es sind handbemalte Porzellanvasen aus der Traditionsmanufaktur Herend, die den mutigsten unter den mutigen Rennfahrern auf dem Siegerpodest des Großen Preises von Ungarn überreicht werden.

Dieses Mal musste der Deutsche Sebastian Vettel auf Platz 2 mit einer kleineren Version vorlieb nehmen, die größte Vase durfte nach der Siegerehrung der Brite Lewis Hamilton in den Händen halten. Vettel war es, der vor Jahren nach seinem Sieg in Ungarn auf dem Herender Porzellan bestand. Dieses war zwischenzeitlich durch einen metallenen Pokal abgelöst worden. Die Entscheidung der Organisatoren wurde jedoch auf Drängen des Deutschen wieder rückgängig gemacht. Vettel bekam seine persönliche Herender Vase nachgereicht. Diese Anekdote zeigt, dass es in den scheinbar uniformisierten Globalisierungsprozessen durchaus auch weiterhin Alleinstellungsmerkmale gibt.

Ein Konzept und viele Vorteile

Die Orbán-Regierung steht jedenfalls weiterhin zur Formel 1 und hinter dem Hungaroring. Außenwirtschaftsminister Péter Szijjártó sagte am Wochenende bei seinem Besuch in Mogyoród, den nötigen politischen Rückenwind habe der Hungaroring. Die Vorstellungen, die der neue Chef der Formel 1, Chase Carey, mitbringe, seien vorteilhaft für Budapest und Ungarn. Die verschiedenen Rennstrecken im Weltmeisterschaftskalender sollten unbedingt ihren eigenen Charakter bewahren, obendrein würden die Rennspektakel an den einzelnen Standorten auf jeweils eine Woche verlängert. Die Betreibergesellschaft des Rundkurses dürfe auf staatliche Unterstützung hoffen, wenn sie vernünftige, nachhaltige Pläne vorlegen könne.

Selbstverständlich ist die Sache mit den staatlichen Geldern nicht, denn selbst der vierfache Weltmeister Vettel musste nach dem verkorksten Abschiedsrennen auf dem Hockenheimring klagen: „Deutschland ist nicht bereit, Geld auszugeben für den Grand Prix, um die Formel 1 zu bewerben, den Rennsport und Deutschland.“ Ungarn hingegen befindet sich in einem Sporttaumel, weil die Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán zahlreiche Vorteile einer ganzheitlichen Konzeption identifiziert hat.

Das beginnt im Grundschulalter mit der täglich vorgeschriebenen Pflichtstunde Sport. Von Kindesbeinen an auf Bewegung getrimmt steigen die Chancen auf ein gesundes Leben, denn wer rastet, der rostet. Die umstrittenen Vergünstigungen auf die Körperschaftsteuer sollen im Prinzip dem Nachwuchsbereich zugute kommen. Hier fließen Milliardenbeträge, die vielen Jugendlichen den Weg aus dem Breiten- in den Leistungssport erleichtern. Mit Spitzensportlern wirbt das Land für sich, dessen Stars im Schwimmen, im Rudersport, Wasserball oder Handball und neuerdings sogar im Tennis als Botschafter Ungarns agieren.

Modernste Sportstätten locken mehr Touristen ins Land. Diese zeigten sich bei der Schwimm-WM angetan von der neuen Donau-Arena und von den vielen über die Hauptstadt verstreuten Wettkampfstätten, von denen manche nur provisorisch errichtet wurden, um werbewirksam beispielsweise das Parlament an der Donau oder die Vajdahunyad-Burg im Stadtwäldchen in Szene zu setzen.

Weltereignisse sind Chefsache

In der Formel 1 soll sich die sogenannte Antrittsprämie für die Austragungsorte zwischen 10 und 40 Mio. Euro bewegen. Die Stadt Hockenheim ist vergrämt, weil sie ohne Unterstützung vom Staat bleibt. In Deutschland wird Geld halt am ehesten für König Fußball locker gemacht. Im Orbán-Ungarn verhält es sich mit der obersten Priorität zwar nicht anders, doch geht die außerordentlich breit aufgestellte staatliche Sporthilfe selbst über die olympischen Disziplinen hinaus.

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Hungarikum: Der Gewinner des Großen Preises von Ungarn, Lewis Hamilton,nimmt aus den Händen von Außenwirtschaftsminister Péter Szijjártó eine Herender Porzellanvase entgegen. (Foto: MTI / Zoltán Balogh)

Obgleich Budapest seine Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024 aufgrund des Widerstandes aus der Bevölkerung zurückziehen musste, betätigt sich der Premier als oberster Sportdiplomat, der für die Zukunft vorbaut, wenn er etwa IOC-Präsident Thomas Bach auch weiterhin in seinem Büro im Parlamentsgebäude empfängt. Am Rande der Judo-WM verhandelte Orbán in Budapest mit Russlands Präsident Wladimir Putin, dessen Begeisterung für den Kampf auf den Tatamis die beiden Politiker nicht davon abhalten konnte, sich über heikle politische Themen wie das gegenseitige Handelsembargo oder die anstehende Erweiterung des Atomkraftwerks Paks auszutauschen. Sicher wäre Orbán auch nicht abgeneigt, am Rande der Fußball-EM in der VIP-Loge des dann neu erbauten Puskás-Stadions mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Weichen in der Europapolitik zu stellen.

Orbán hat Weltereignisse in verschiedenen Sportarten sozusagen zur Chefsache erklärt und empfängt Delegationen der betreffenden Weltverbände regelmäßig persönlich, gleich ob es sich um die Weltmeisterschaft im Schwimmen oder in der Leichtathletik handelt. Ungarn ist als Großmacht im Sport zurück auf der internationalen Bühne und möchte dieses positive Image verwenden, um auch auf anderen Gebieten offensiver zu agieren. Allerdings wird der Mentalität „Was kostet die Welt?“ mittlerweile die Gelbe Karte gezeigt.

Richtig ungarisch

Nachem Außenwirtschaftsminister Péter Szijjártó mit dem Chef der Formel 1, Chase Carey, die Konditionen verhandelt hatte, um den Hungaroring auf Jahre im Terminkalender des Motorsport-Großereignisses zu halten, richtete er unmissverständliche Worte des Wunsches auf Nachhaltigkeit an den Vorstandschef der Hungaring Sport Zrt., Zsolt Gyulay. Sobald der Große Preis von Ungarn 2019 über die Bühne gegangen ist, können die Bauarbeiten an dem 1986 erbauten und mittlerweile hoffnungslos veralteten Ring in Gang gesetzt werden. Der Staat wird eigens ein strategisches Entwicklungsprogramm für das 130 ha große Aareal auf die Beine stellen, gestützt auf die Pläne der Profis von der Betreibergesellschaft.

Gyulay umriss die Herausforderung mit folgenden Worten: „Der Große Preis von Ungarn verfügt über eine große Tradition und ist richtig ungarisch. Die Rennstrecke wirkt ziemlich retro, aber genau das lieben die Fahrer und die Fans. Die Nähe zu Budapest macht den besonderen Reiz aus.“ Innerhalb von zehn Monaten müsse nun abgerissen und neu gebaut werden, bei den Ausführungsarbeiten könne man sich keinen Zeitverzug erlauben. Da wird viel Geld in die Hand genommen, das binnen kürzester Zeit auf einem gewaltigen Areal verbaut sein muss.

Der Aufwand dürfte sich aber lohnen: Mit Ausnahme Österreichs zeigen sich alle Nachbarländer neidisch, dass die Ungarn ein in Mittelosteuropa einmaliges Spektakel ausrichten dürfen. Künftig soll eine ganze Woche im Zeichen der Formel 1 stehen. Das bedeutet Tag für Tag 50.000 Reisende am internationalen Flughafen von Budapest, dessen Betreiber, die Budapest Airport Zrt., bei den ausländischen Gästen den Trend ausmacht, wonach diese gleich noch einige Tage Ungarnurlaub dranhängen.

Die Tourismusbranche steuerte im vergangenen Jahr knapp 10 Mrd. Euro oder acht Prozent zum ungarischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, sie gab 325.000 Menschen Arbeit und konzentrierte Investitionen in Höhe von 1,25 Mrd. Euro. Die Orbán-Regierung möchte den Tourismus zu einer strategischen Branche der Volkswirtschaft entwickeln, dessen Anteil am BIP 2030 bereits 16 Prozent erreichen soll, mit 450.000 Beschäftigten und 50 Mio. Übernachtungen. Der Sporttourismus wird seinen Teil dazu beitragen, dass diese ehrgeizigen Ziele Wirklichkeit werden.

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