Rund vierhundert Augenpaare sind auf die Eindringlinge gerichtet, die gerade die Wiese betreten haben, alle Aufmerksamkeit gilt plötzlich nur noch ihnen. Dann kommt Bewegung in die Gruppe, Proteste werden laut, man wird regelrecht angebrüllt. Oliver Hahnenkamm lässt sich davon nicht beeindrucken – im Gegenteil, er schreit zurück: „Ja, ja, ihr! Schluss jetzt!“ Seine Worte zeigen Wirkung. Die rotbraunen Kühe geben brav Ruhe.

Hahnenkamm kennt seine Rinder gut, dementsprechend souverän wirkt sein Umgang mit ihnen. Das verwundert kaum. Seit 2004 verwalten und bewirtschaften der ursprünglich aus dem fränkischen Weißenburg-Gunzenhausen stammende Agraringenieur und seine Frau Regina den knapp 8.000 Hektar großen, mittelständischen Landwirtschaftsbetrieb Hubertus Bt. am südlichen Balaton, welcher seit zwei Jahren vor allem auf die Rinderzucht und Fleischproduktion spezialisiert ist. Neben zusätzlichem Anbau von Mais, Weizen, Raps und Sonnenblumen betreibt der Betrieb als weiteres Standbein zudem das Hubertus Hof Landhotel in Balatonfenyves und lockt damit seit über 20 Jahren Urlauber zu ungarischem Flair, Wellness und hochwertiger Gastronomie ans Südufer des Plattensees.

Viel Land, viel Verantwortung

Die Hubertus Bt. ist an mehreren Standorten aktiv. Die dort erwirtschafteten Produkte – vor allem Fleisch und Felderträge – werden unter anderem unter der Marke „Terra Pannonia“ vertrieben oder in der hauseigenen Küche des Hubertus Hof Landhotels in Balatonfenyves verwendet.

Oliver Hahnenkamm koordiniert als Geschäftsführer alle Vorgänge im Gesamtbetrieb, der sich noch in den frühen 1990ern im Staatseigentum befand. Der Betrieb gliedert sich in verschiedene Einzelbereiche: Hotelmanagement, Pflanzenanbau, Rinderzucht, Fleischverarbeitung, Koordination der Entwässerung und Baumaßnahmen. Mit der Verwaltung von knapp 8.000 Hektar, davon etwa 2.400 Hektar Ackerkulturen, 2.000 Hektar Weidefläche und ca. 2.000 Hektar Wald, der Erhaltung des 224 Kilometer langen Entwässerungsnetzes und der mittlerweile 4.000 Tiere umfassenden Rinderzucht haben die Hahnenkamms und ihre Mitarbeiter täglich alle Hände voll zu tun.

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Zum Betrieb gehören ebenso noch ein moderner Landmaschinenpark, Lagerräume für das Erntegut, Mast- und Zuchtställe, ein Bürokomplex und eine Werkstatt; andere Erweiterungen – beispielsweise ein Fahrsilo – befinden sich gerade noch im Aufbau. Bis vor kurzen gehörte auch noch ein Jagdgebiet mit fünf angestellten Jägern zum Anwesen, aus dem die Hubertus Bt. Wildfleisch für ihre Hotelgastronomie bezog.

Als Pächter des Landes ist die Hubertus Bt. zudem vom Staat verpflichtet, die Aufrechterhaltung des Balaton-Nagyberek-Wassernetzes, einschließlich der Instandhaltungs- und Reinigungsarbeiten von insgesamt mehr als 400 Wasserwerkeinrichtungen und der Entwässerungsgräben, darunter Durchlässe Schleusen und Brücken, zu übernehmen. Sie trägt damit die Verantwortung für die Wasserregulierung in der gesamten Umgebung, welche rund zwei Meter tiefer als der Balaton gelegen ist. Diese Tatsache beeinflusst den gesamten Produktionsbetrieb, sowohl im Feldanbau als auch bei der Rindfleischerzeugung. Der Boden ist nicht optimal, die Vegetation sowie Anbau- und Erntearbeiten sind von einem geregelten Wasserstand abhängig. Auch in der Viehzucht muss stets auf den Feuchtigkeitsgehalt der Weiden geachtet werden. Deren Bodenbeschaffung war letztendlich der zentrale Faktor dafür, wie der Betrieb seine Rinderzucht aufgebaut und entwickelt hat.

Auf Aberdeen Angus gesetzt

Auch wenn zum Unternehmen und der Gegend Nagyberek die Rinderzucht traditionell schon immer dazugehört hat, bildet die Fleischproduktion erst seit zwei Jahren wirklich den Schwerpunkt der Hubertus Bt. Als sie damit anfing, stieß sie mit ihren Produkten augenblicklich in eine Marktlücke. „Qualitativ hochwertiges Rindfleisch in Ungarn kam bisher nur über Import und dessen Verbrauch ist hier allgemein relativ gering“, erläutert Oliver Hahnenkamm. „Der Bedarf an qualitativ hochwertigen Rindfleisch war riesig“, erinnert sich auch seine Frau. „Wir mussten anfangs ein gutes Stück Aufbauarbeit leisten, damit die Leute von uns erfahren und dann kamen Interessenten von alleine auf uns zu. Hier spielt mit Sicherheit auch die positive Einstellung der Ungarn zu heimischen Erzeugnissen eine große Rolle.“

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Auf die Idee kamen sie durch ihre eigenen Bedürfnisse und Marktforschung. Dann schlachteten sie erstmals Tiere und schickten das Fleisch zum Testen an Händler und Gastronomen. Das zahlte sich aus: Mittlerweile haben bekannte Supermarktketten – darunter SPAR, Tesco, Auchan und, in Sonderaktionen, auch Lidl – Rindfleisch von Terra Pannonia im Sortiment. In Budapest sind unter anderem das Hotel InterContinental, das Kempinski, das Pomo D‘Oro sowie die Zing Burger-Kette feste Abnehmer.

Momentan werden im Betrieb rund 4.000 Rinder gehalten, davon rund 1.500 Mutterkühe und 1.000 Kälber, der Rest verteilt sich auf Zuchtbullen sowie Masttiere. 1997 begann die Hubertus Bt. in die damals noch aus Hereford-Rindern bestehende, 650-köpfige Herde rotes und schwarzes Aberdeen Angus, eine der beliebtesten Fleischrinderrassen, durch eine sogenannte Verdrängungskreuzung einzuzüchten, sodass sie nun Herden zu 50, 75, 87,5 und 100 Prozent Angus-Anteilen, sprich, in vier unterschiedliche Zuchtstufen, hat.

„Wir haben sehr arme, sandige Böden hier. Es gibt einen Index zur Qualitätsmessung von Ackerflächen – wir haben umgerechnet nur vier von 100 Bodenpunkten“, erklärt Hahnenkamm. „Angus eignet sich daher besonders, weil es mit dem energiearmen Aufwuchs sehr gut zurechtkommt. Außerdem hat es keine Hörner, ist nicht aggressiv, kümmert sich gut um die Kälber, ist einfach nicht so anspruchsvoll wie andere Rassen.“

Nachhaltigkeit und Tierwohl werden im Betrieb großgeschrieben. Die Rinder werden das ganze Jahr über unter naturnahen Verhältnissen gehalten, je nach Klima weiden sie zwischen fünf und sieben Monaten auf dem Grasland. Die Abkalbung erfolgt saisonal von März bis in den Juni hinein, danach dürfen die Jungtiere in natürlicher Aufzucht bei der Mutter bleiben und kommen erst im Herbst in den Stall, wo man sie nach Geschlecht und Verwendung selektiert. Zuchtbullen und -färsen werden in der Zucht eingesetzt, Mastbullen verkauft und exportiert, unter anderem nach Israel und in den Libanon. Mastfärsen bilden wegen ihrer höheren Fleischqualität gegenüber Mastbullen die Basis für Terra Pannonia. Kälber werden grundsätzlich nicht abgegeben.

Geschlossene Kreisläufe, Nachhaltigkeit und Regionalität

Wichtig ist dem Betrieb vor allem, dass die Produktion in einem „geschlossenen Kreislauf“ erfolgt. Dabei stehen die Tiere im Mittelpunkt. „Auf den Feldern wächst das Gras, wovon die Tiere leben. Mit deren Mist düngen wir wiederum die Felder für das nächste Jahr. So erhalten wir die Flächen, auf denen die Tiere weiden. Das Fleisch der Tiere kommt dann unter anderem im Hubertus Hof Landhotel auf den Tisch“, erklärt Regina Hahnenkamm.

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Landwirt Oliver Hahnenkamm kontrolliert täglichdas Wohlbefinden seiner Rinder. Auf dem Hof packt inzwischen auch sein Sohn Max mit an.

Die Verarbeitung begann man mit nur zwei Rindern pro Woche, jetzt, nach nur zwei Jahren, sind es durchschnittlich 17; „in der Grillsaison, zu Ostern und zu Weihnachten meistens etwas mehr – im Winter weniger.“ Zur nachhaltigen Produktion der Hubertus Bt. gehört auch, dass besonders beim Fleisch auf regionale Züchtung und Vertrieb geachtet wird. Die Hahnenkamms möchten in der gesamten Produktion von Fleisch praktisch von der Geburt eines Tieres bis zu dessen Verwertung möglichst viel in der Hand haben. Bis auf die letztenliche Schlachtung spielt sich die komplette Fleischproduktion daher im Unternehmen ab. Die Fütterung mit selbst hergestelltem Futter auf Basis der betriebseigenen Anbauprodukte sowie die Mast erfolgt in den weitläufigen Stallanlagen in Sáripuszta. Spaltenböden oder Anbindehaltung gibt es dort nicht, der Betrieb setzt auf Tretmistställe.

Auch in der Fleischlieferung möchte man regional bleiben und sich auf möglich kurze Distanzen beschränken. Riesige Lieferwege sind nicht gewünscht; man möchte primär ungarischen Konsumenten qualitativ hochwertiges Angus-Fleisch bieten und den Ungarn dessen Vorzüge nahebringen. Das Fleisch bleibt daher komplett auf dem ungarischen Markt.

Die Schlachtung erfolgt einmal wöchentlich in Zalaszentiván. Regina Hahnenkamm erklärt, dass gerade die 21-Tage dauernde Trockenreife in großen Kühlkammern in der Verarbeitung in Pásztó die Fleischqualität erheblich steigert, es aromatischer und bekömmlicher werden lässt. Auch alle weiteren Arbeitsschritte sind direkt vom Betrieb gesteuert. Selbst die Verpackungen sind selbst entworfen. Die Lieferung erfolgt mithilfe eigener Fahrzeuge. Allgemein hat das Fleisch den Ruf, erstklassige Qualität zu bieten und findet sich in Budapest und am Balaton im Sortiment und auf den Speisekarten diverser Anbieter wieder. Insbesondere die Spar-Supermarktkette ist Abnehmer von zahlreichen Hubertus-Produkten, darunter verschiedene Steakarten sowie Tartar und Hamburger.

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Die Geweihe im Gastraum des Landhotels stammen aus einem noch bis vor Kurzem gepachteten Jagdgebiet.

Terra Pannonia

Wer nach Produkten der Hubertus Bt. sucht, muss nach der Marke „Terra Pannonia“ (dt.: „pannonische Erde“) Ausschau halten, mit der sich der Betrieb einen eigenen Markennamen geschaffen hat. Benannt nach der ehemaligen römischen Provinz Pannonien, beinhaltet das Label natürlich die Fleischerzeugnisse sowie alle anderen Produkte, die, neben der Landwirtschaft und dem Hotel, den Betrieb finanzieren. Dazu gehören auch „nette Ergänzungen“ zum eigentlichen Geschäft, wie Regina Hahnenkamm es nennt, zum Beispiel kaltgepresstes Rapsöl, wofür man sich speziell eine Maschine angeschafft hat, oder selbstgemachte Marmelade.

Andere Felderzeugnisse hingegen – Getreide, Raps, Mais und Sonnenblumen – verkauft der Betrieb im großen Stil und erwirtschaftet sich damit ebenfalls ein wichtiges Einkommen. Hier wird auch exportiert. Neben den vier Feldfrüchten verfügt man zudem über Hirsefelder und Weidegrasanbau zur eigenen Futterherstellung. Auch hier kommt der Produktionskreislauf im Betrieb wieder zur Geltung – laut Hahnenkamm werden die Felder hauptsächlich mit eigenem Dünger versorgt, der aus dem im Rinderstall anfallenden Mist besteht.

Auf „römischem Boden“ steht auch das familienfreundliche Hubertus Hof Landhotel in Balatonfenyves, ein kleines Hotel mit 68 Betten einschließlich Wellnessangeboten, einem Pool, Veranstaltungs- und Seminarräumen, einem Restaurant sowie Sport- und Spielplätzen. Der Balaton ist in unmittelbarer Nähe.

Mit den meisten der insgesamt 110 Mitarbeiter würde man seit langem zusammenarbeiten, man kenne sich und die familiären Hintergründe oft gut, sagt Regina Hahnenkamm. Um die Zusammenarbeit zu stärken, werden auch Mitarbeiterfeste und Fußballturniere ausgerichtet. Dementsprechend gering sei die Fluktuation – und das wirke sich wiederum positiv auf das Betriebsklima aus.

Agrarsubventionen

Die Hubertus Bt. und ihre Eigentümer haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit und für den ungarischen Staat zu wirtschaften. Bisher wurden von der Hubertus Bt. seit 1992 mehr als 10 Milliarden Forint in Ungarn investiert. Jedes Jahr kommen weitere rund 300-400 Millionen Forint dazu. Einfach war es trotzdem nicht immer. „Man kommt zunächst in ein fremdes Land, wo einen die vor Ort Ansässigen kritisch beäugen. Das ist in jedem Land ganz normal und das muss man auch verstehen“, Oliver Hahnenkamm zuckt die Schultern. „Man muss aber auch wissen, dass sich vor 25 Jahren niemand mit Landwirtschaft beschäftigen wollte. Bevor die EU in Aussicht kam, hat damit niemand wirklich Geld verdienen können.“

Die Agrar-Subventionen in Ungarn folgen unter der Orbán-Regierung teilweise eigenen Regelungen. Während es normalerweise von der EU einen einheitlichen Fördersatz gibt, wurden Betrieben, die über 1.200 ha groß sind, Subventionen zugunsten von Kleinbauern, Familienbetrieben und Viehzüchtern gekürzt, auch um regionale Geschäfte sowie den Anbau von heimischen Obst- und Gemüsesorten zu stärken. Auch die Hubertus Bt. verlor so Gelder. Zwar gab es für die Mutterkühe anderweitige Förderung, diese kompensierte die Kürzung der Gelder jedoch nur ansatzweise.

Schattenseiten gibt es jedoch immer und überall. In Deutschland hadern Landwirte etwa mit niedrigen Preisen, Zwangsenteignungen oder, ganz aktuell, mit der neuen Düngeverordnung. Gerade letztere ist laut Hahnenkamm in Ungarn viel einfacher gestaltet.

Fazit

Die Hubertus Bt. ist in ihrem Umfang und mit all ihren verschiedenen Facetten ein beeindruckendes Unternehmen. Gerade weil dort trotz ihrer Größe auf saubere Produktionsvorgänge geachtet wird und man sich neben der wirtschaftlichen Zielsetzung auch auf Regionalität und Eigenverantwortung konzentriert, stellt der Betrieb ein positives Beispiel dafür dar, wie Landwirtschaft und Produkterzeugung nachhaltig erfolgen können und dabei trotzdem ein solider Mehrwert entsteht.

Diese Ausrichtung und Einstellung hat den Betrieb zu dem werden lassen, was er heute ist – ein Vorzeigebeispiel deutscher Investitionen in die ungarische Landwirtschaft.

Neben rund 100 weiteren Mitgliedern war Oliver Hahnenkamm bis vor kurzem als Vorstand in der 1996 gegründeten „Vereinigung der Agrarunternehmen in Ungarn“ (MagrE) tätig. Damals wie heute gehören zu dessen Hauptaufgaben deutsch-ungarische Übersetzungsarbeiten und die Herstellung von Kontakten zwischen den deutschsprachigen Landwirten untereinander sowie die Agrarverwaltung.

Per E-Mail-Newsletter werden MagrE-Mitglieder mit aktuellen und nützlichen Informationen wie zum Beispiel über neue Verordnungen und Rechtsvorschriften für ihre landwirtschaftlichen Unternehmen versorgt.

Weitere Informationen: www.magre.hu

Kontakt: info@magre.hu

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