Ein Krankenhaus in einem trostlosen Plattenbau. Der Geruch von Schweiß und angesengter Haut liegt in der Luft. Lívia, Lehrerin in einer ungarischen Kleinstadt, wartet hier auf Genesung nach einem Herzinfarkt und auf ihren anstehenden Gerichtsprozess. Die Anklage lautet auf Mord. Sie ist schuldig, das gibt Lívia offen zu. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans „Dürre Engel“. Aus ihrem eisernen Krankenbett heraus erzählt sie in Rückblicken, wie es dazu kam, dass sie ihren Ehemann erstach. Mit ihrem Buch entführt die Autorin Noémi Kiss den Leser ins sozialistische Ungarn der 1980er-Jahre und schildert – zum Teil unangenehm detailliert – die Gedankenwelt der Protagonistin.

Eine schonungslose Erzählerin

„Du hast mich verlassen, Öcsi, du Zigeuner!“ – mit diesen Worten richtet die Ich-Erzählerin zwischendurch wütend das Wort an ihren toten Ehemann. Der gesamte Roman ist in Form eines einzigen langen Monologs verfasst. Lívia springt in Rückblicken zwischen verschiedenen Erlebnissen aus ihrem bisherigen Leben hin und her, um dann wieder ihre aktuelle Umwelt im Krankenhaus zu beschreiben. In ihren Beobachtungen verzichtet Lívia auf jegliche Beschönigung, achtet weder auf Ausdrucksweise, noch darauf, ob man ihren zum Teil langen, mit Kommata gespickten Sätzen folgen kann.

Lívia erzählt von ihrem Kummer, keine Kinder gebären zu können. Von der Entfremdung von ihrem früheren Ehemann, der ein bekannter Athlet war. Sie erzählt, wie die beiden zusammenkamen, obwohl er zu dem Zeitpunkt noch mit Lívias Freundin zusammen war. Lívia schildert, was ihr gerade einfällt; in der Reihenfolge, die ihr gerade passt. Und während ihr offenbar vieles nicht erzählenswert scheint, erinnert sie sich Jahrzehnte später noch auffallend detailliert an westliche Konsumgüter; schreibt von der Fa-Seife aus Wien oder dem neuen Adidas-Trainingsanzug. Der real gelebte Sozialismus ist in ihrer Erzählung allgegenwärtig.

Ebenfalls detailliert und gnadenlos direkt werden Lívias Beschreibungen, wenn sie ihre Beobachtung menschlicher Körper thematisiert, von sexuellen Praktiken schreibt oder von Krankheiten. Wunde Stellen auf ihrer Haut kratzt sie mit den Fingernägeln auf. Auch die eigene Intimzone kratzt sie bis Blut fließt, aus Wut auf die ausbleibende Schwangerschaft. Lívia erzählt von erlebten verbalen und körperlichen Verletzungen und beschreibt ihre Entjungferung. Der Leser folgt diesen Schilderungen gespannt, aber auch schockiert, denn bei den vielen intimen Details fühlt man sich immer wieder wie ein Voyeur.

Die Autorin Noémi Kiss

Der Roman behandelt Themen, wie Kinderlosigkeit und häusliche Gewalt, die vor allem in Ungarn bis heute eher tabuisiert werden. Neben einer Darstellung des Sozialismus legte Noémi Kiss Wert auf eine feministische Analyse, wie sie der Budapester Zeitung in einem früheren Interview erzählte. Einige Überschneidungen gibt es im Leben der Ungarin und der Protagonistin ihres jüngsten Romans: Kiss selbst wurde 1974 in Gödöllő geboren, erlebte den Gulaschkommunismus, und das in der Kleinstadt, in der auch die Handlung ihres Romans spielt. Ihre eigene Großmutter unterrichtete als Lehrerin an der Schule, die in „Dürre Engel“ beschrieben wird und an der auch die Ich-Erzählerin unterrichtet.

Auch die Mutter von Kiss besuchte eben jene Schule. Die Autorin ist in ihrer Beschreibung der Gegend daher authentisch; Lívias Erlebnisse spielen sich in Gödöllő ab, in Tihany am Plattensee oder auf Plätzen vor Cafés oder Geschäften Budapests. Eis holt sich Lívia beispielsweise im Café Jégbüfé am Ferenciek tere, der zu ihrer Zeit noch Felszabadulás tér (dt.: Platz der Befreiung) hieß.

In Deutschland erlangte Kiss Bekanntheit durch ihren Roman „Was geschah, während wir schliefen“ sowie ihr literarisches Reisetagebuch „Schäbiges Schmuckkästchen“. Heute wird sie als eine der wichtigsten ungarischen Nachwuchsschriftsteller angesehen. Die Autorin lebt in Budapest und arbeitet als Literaturdozentin. Seit Anfang 2010 ist sie Mutter von Zwillingen.

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Noémi Kiss: „Dürre Engel“

Roman, erschienen 2018 im Europa-Verlag

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor

ISBN: 978-3-95890-156-8

22,90 Euro

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