Welche wesentlichen Änderungen gab es in den drei Jahren auf Ihrem Markt und speziell bei der Commerzbank?

Generell hat die Digitalisierung enorm an Fahrt aufgenommen und macht natürlich keinen Bogen um unsere Bank. Das gleiche gilt auch für einen anderen Trend, nämlich hin zu einer immer stärkeren Regulierung. Speziell in Ungarn sind wir zudem in den letzten Jahren mit einem enormen Zinsverfall konfrontiert. Um die sich immer schneller und stärker verändernden Rahmenbedingungen erfolgreich aufzugreifen, haben wir unter meiner Führung verschiedene Neustrukturierungen vorgenommen. So wurden unter anderem ein zentraler Hungarian Desk sowie ein International Desk gegründet, denen wiederum die entsprechenden Aktivitäten in der Zentrale in Budapest und auf der Ebene unserer regionalen Zentralen auf dem Lande unterstehen. Hierdurch haben wir unsere Aufstellung komplett an den Kundenbedürfnissen ausgerichtet und an die internationale Strategie unserer Bank angepasst. In jeder unserer Einheiten gibt es jetzt einen für die Desks verantwortlichen Mitarbeiter. Es gibt einheitliche Herangehensweisen, Initiativen und einheitliche Vertriebsmaßnahmen.

Motiviert wurde diese Veränderung von unserem Wunsch nach einer noch stärkeren Kundenorientierung. In der Regel hat ein ungarischer Kunde einen ganz anderen Bedarf als ein internationaler Kunde. Vielfach gibt es auch andere Entscheidungskompetenzen in Finanzierungsfragen. Internationale Kunden werden immer stärker über die Muttergesellschaft gesteuert. Daraus ergibt sich bei diesen Kunden zugleich eine eingeschränkte Nachfrage nach Finanzdienstleistungen. Ungarische Kunden fragen hingegen das komplette Spektrum nach - hier können wir mit unserer ausgeprägten Beratungsexpertise vom Kredit über Cash Management und Trade Finance bis hin zu Zins- und Währungsabsicherungen punkten. Für größere Kunden sind auch Themen wie Club-Deals, Schuldscheine, syndizierte Kredite und Anleihen, bei denen wir als große internationale Bank besondere Expertise haben, interessant.



Welchen Änderungen fielen noch in Ihre Zeit?

Wir haben auch unsere Compliance-Aufstellung deutlich aufgestockt. Damit folgen wir dem internationalen Trend hin zu einer immer stärkeren Sicherstellung der Compliance mit gegebenen Gesetzen und Regulierungen. Angestoßen werden die sich hier ergebenen Entwicklungen regelmäßig in den großen internationalen Finanzzentren, vor allem in London, New York, Singapur und Hong Kong beziehungsweise von den dortigen Finanzmarktaufsichten. Unter anderem geht es dabei um sogenannte KYC-Prozesse. Diese englische Abkürzung steht für „Know your customer“, also „Kenne Deinen Kunden“. Dabei geht es etwa um die dokumentierte Offenlegung der Herkunft von Mitteln oder von investiertem Geld. Oder wer der sogenannte Ultimate Beneficial Owner, also der letztendliche Eigentümer von Gesellschaften ist. Trotz diverser Aktivitäten der Ungarischen Nationalbank (MNB) und der dort angesiedelten Finanzmarktaufsicht, stehen wir diesbezüglich in Ungarn im internationalen Vergleich nach meiner Beobachtung eher am Anfang. Üblicherweise beginnen die Entwicklungen in den oben genannten Jurisdiktionen, setzen sich dann in Westeuropa fort und erreichen über Paris und Frankfurt schließlich die mittelosteuropäischen Märkte. Das gleiche gilt übrigens auch für Produktinnovationen. Durch unsere internationale Aufstellung sind wir bei der Commerzbank in der Lage, mit zu den ersten zu gehören, die die globalen Standards in sämtlichen unserer Märkte umsetzen.

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„Wir bei der Commerzbank verfügen über ein solides Mutterhaus und eine tief verankerte internationale Strategie.“


Welche Trends sehen Sie noch auf Ihrem Markt?

Durch die Digitalisierung wird sich für uns unheimlich viel ändern. Es wird heute sehr viel schneller entwickelt. Während früher Fachkonzepte geschrieben und dann den IT-Kollegen zur Umsetzung übergeben wurden, werden inzwischen die Kunden als auch die IT-Kollegen bereits in die Entwicklungsphase mit eingebunden. Das macht uns schneller und sicherer, den Bedarf der Kunden genau zu treffen. Durch die neuen Möglichkeiten und Chancen ist viel Bewegung in unser Geschäft gekommen. Das macht meinen Beruf weiterhin sehr spannend.


Wie ist in Ungarn momentan der Status Quo bezüglich der Sondersteuer für Finanzdienstleister?

Das ist ein sensibles Thema. Nach der Wahl wurde das Thema wieder aufgenommen. Vor drei Jahren lag die Sondersteuer noch bei 0,53 Prozent der Bilanzsumme. Inzwischen wurde diese Belastung in etwa halbiert und liegt bei 0,21 Prozent. Dies ist bei den engen Margen im Bankgeschäft immer noch eine immense Belastung für den Sektor.



Wie kann der Staat helfen, die Konjunktur anzukurbeln? Müssen die Banken ihre Kreditvergabe lockern?

Etwa über die Schaffung von Investitionsanreizen. Wir brauchen hier eine Wirtschaft, die über Wachstumsprozesse die Nachfrage nach Krediten belebt. Ein sehr guter Schritt ist in diesem Zusammenhang die Gründung des Innovationsministeriums. Ungarn hat große Chancen, wenn es sich auf Forschung und Entwicklung, Digitalisierung und Innovation konzentriert. Was die Kreditbereitschaft angeht: wir haben derzeit bei kreditwürdigen Unternehmen kein Problem mit dem Kreditangebot, sondern mit der Kreditnachfrage. Zumindest ist dies im von uns abgedeckten Segment (Unternehmen oberhalb von 12 Mio. Euro Umsatz) der Fall. Von einer Kreditklemme kann schon lange keine Rede mehr sein.

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Zusammen mit Ihrer Bank gingen Anfang der 90er Jahren etliche weitere deutsche Banken in Ungarn an den Start. Die meisten von diesen haben hier inzwischen die Segel gestrichen. Warum? Und warum ist ausgerechnet Ihre Bank geblieben?

Bei einigen vor Ort aktiven deutschen Banken hat wahrscheinlich eine nachhaltige Strategie gefehlt. Wir bei der Commerzbank verfügen über ein solides Mutterhaus und eine tief verankerte internationale Strategie. Diese ist leicht umrissen: Wir begleiten unsere Kunden aus Deutschland in deren Märkte und bieten den dortigen Unternehmen unsere internationale Plattform an. Insofern spielt Ungarn innerhalb dieser Strategie mit rund 6.000 aktiven deutschen Unternehmen eine wichtige Rolle. Trotz aller möglichen internationalen Krisen sind wir mit unserer Präsenz in knapp 50 Ländern und einem weltumspannenden Netz von Korrespondenzbanken international sehr gut aufgestellt. Es gab lediglich einige Strategieanpassungen hinsichtlich der fokussierten Kundschaft. Unser Hauptprofil blieb aber stets unverändert, nämlich Firmenkunden vor Ort in allen Bereichen zu betreuen und international zu begleiten. Dies war immer die Basis unserer geschäftlichen Aktivitäten. Unsere internationale Aufstellung ist in Ungarn übrigens ein ganz wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Beim Kreditgeschäft sind über die angebotenen Produkte oder die Margen aktuell kaum noch wesentliche Wettbewerbsvorteile zu generieren. Die werden wieder sichtbar, wenn wir als Kreditgeber auch in Krisenzeiten an der Seite unserer Kunden sind. Zurück zu heute: Einen Kunden in die Welt zu begleiten und ihm bei der Länderrisikoabsicherung und beim internationalen Cash Management unter die Arme zu greifen, das können nicht viele. Und das ist es auch, was die Basis unseres 25jährigen Erfolgs in Ungarn ganz wesentlich ausmacht.


Mit welchen weiteren Wettbewerbsvorteilen kann Ihre Bank hier in Ungarn aufwarten?

Etwa mit der Qualität unserer Mitarbeiter, der Schnelligkeit von Kreditentscheidungen und der Qualität unserer Dienstleistungen. In Ungarn sind die Kreditprozesse, nicht zuletzt als Ergebnis der hiesigen Krisen, etwa im Vergleich zu Deutschland noch immer recht langsam. Das heißt aber auch, dass man sich hier mit schnelleren Kreditprozessen ohne weiteres von der Masse der Anbieter abheben kann. Dadurch werden wir auch für rein lokal agierende Unternehmen, für die unsere internationale Expertise nur hinsichtlich der Erfahrung und gegebenenfalls zukünftiger Pläne einen Mehrwert darstellt, interessant. Bei international agierenden ungarischen Unternehmen genießen wir ohnehin einen guten Ruf und erfreuen uns guter Beziehungen. Wir haben mal versucht, unseren Marktanteil bei mittelgroßen Unternehmen anhand interner Statistiken zu ermitteln und kamen dabei unter allen ungarischen Banken auf eine Position 5 bis 6.


Wie geht es Ihrer Bank wirtschaftlich?

Mit einem durchschnittlichen Ertragswachstum von acht Prozent in Ungarn sind wir recht zufrieden. Etwa drei Prozent von diesem Wachstum ergeben sich aus dem Marktwachstum. Der schwierige Teil sind die jenseits davon liegenden 5 bis 6 Prozent, die das Ergebnis eines erfolgreichen Verdrängungswettbewerbs sind. Unser Jubiläumsjahr hat sehr gut begonnen. Zum Jahresende werden wir wohl die acht Prozent übertreffen.


Wird die Commerzbank Ungarn auch weiterhin die Treue halten?

Definitiv! Ungarn ist ein wichtiges Glied unserer globalen Strategie. Wir sind für unsere ungarischen, deutschen und internationalen Kunden hier und diesen verpflichtet. Wir bleiben und wachsen.

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„Jahrelang hatten wir in unserem Markt so gut wie keine Währungsvolatilität und der Forint bewegte sich in einem engen Band. Da haben sich die Kunden hinsichtlich Währungsrisiken immer weniger Gedanken gemacht. Diese Zeit ist nun erstmal vorbei.“


Planen Sie vor Ort eine Ausweitung Ihres Filialnetzes?

Nein. Aus unseren drei regionalen Zentralen außerhalb von Budapest, also in Győr, Kecskemét und Miskolc können wir das Land gut abdecken und erreichen alle Kunden in übersichtlicher Zeit.


Ihre Bank will sich auch durch die Qualität der Mitarbeiter von der Konkurrenz abheben. Wie gelingt Ihnen das in Praxis?

Auf die Qualität der Mitarbeiter als positives Differenzierungsmerkmal zu setzen, sagt sich immer so leicht. Wir haben diese Qualität aber wirklich und das wird uns regelmäßig von Kunden gespiegelt, die Erfahrungen mit anderen Wettbewerbern haben. Wir rekrutieren bei uns ausschließlich Topleute und stecken viel Energie und Geld in deren Weiterentwicklung. Diese sorgen dafür, dass wir in puncto Internationalität, Schnelligkeit, Service-Orientierung und Erreichbarkeit sehr hohe Maßstäbe setzen. Im Vergleich zu anderen großen Banken haben wir ein ganz anderes Setup.

Wir haben uns zudem als Unternehmen einen Purpose, einen Zweck gegeben, der zunächst intern und natürlich auch extern wirkt: wir wollen unseren Kunden das Leben einfacher machen. Wir machen es einfacher, schneller und besser. Wir sind „Die Bank an Ihrer Seite“, wie der von uns gelebte Slogan schon seit Jahren heißt. Das ist das, was wir den Kunden bieten wollen und können. Daran richten wir alle Prozesse und Weiterentwicklungen aus.


Wie erfolgreich steht die Commerzbank Zrt. im Vergleich zu anderen Commerzbank-Töchtern in der Region da?

Momentan fallen alle unsere Töchter in der Wachstumsregion Mittelosteuropa positiv auf. Überall wird gegenüber den etablierten Märkten aufgeholt.


Überraschenderweise gehört auch die Schweiz für die Commerzbank zu den eher jungen Märkten.

Ja, in der Schweiz sind wir erst relativ spät, genauer gesagt 2011 ins Mittelstandsgeschäft eingestiegen. Nicht zuletzt, weil es dort eine große Nachfrage nach unserem oben skizzierten Leistungsprofil gibt, das von lokalen Wettbewerbern nur unzureichend geboten wird. In diese Lücke sind wir erfolgreich gegangen und die Entwicklung gibt uns Recht. Wir können in der Schweiz ein überaus dynamisches Wachstum verzeichnen.


Können Sie in Ungarn von Ihrer dortigen Präsenz profitieren? Etwa von der Begleitung von Produktionsverlagerungen infolge des starken Schweizer Franken.

Ich hatte vor drei Jahren mit mehr Neukunden gerechnet. Wäre der Schweizer Franken im Vergleich zum Forint noch stärker geworden, dann wäre hier sicher auch mehr passiert. Wir stehen aber in regelmäßigem und gutem Austausch mit unseren schweizerischen Kollegen und begleiten unsere schweizerischen Kunden gerne nach Ungarn. Dies machen wir natürlich mit allen anderen internationalen Kunden – genau das ist das Fundament unseres Geschäftsmodells.


Zu welchen Konsequenzen führt die momentane Forintschwäche bei Ihrer Bank?

Auf der Kundenseite hat dieser Zustand unterschiedliche Auswirkungen. Für die exportorientierten Unternehmen ist dieser Zustand natürlich sehr vorteilhaft. Für die importorientierten Unternehmen und die, deren Cashstrom eher in Währungen ins Ausland fließt, ist er ganz klar nachteilig. Im Banking bedeuten Volatilität, Unsicherheit und Krisen aber grundsätzlich mehr Geschäft, weil wir genau die hieraus erwachsenen Risiken absichern können. Insofern gehen wir proaktiv auf unsere Kunden zu. Wir beraten sie und weisen sie auf mögliche Risiken hin. Nachdem der Kunde eine Entscheidung hinsichtlich seiner Positionierung getroffen hat, bieten wir adäquate Instrumente zur Absicherung an. Jahrelang hatten wir in unserem Markt so gut wie keine Währungsvolatilität und der Forint bewegte sich in einem engen Band. Da haben sich die Kunden hinsichtlich Währungsrisiken immer weniger Gedanken gemacht. Diese Zeit ist nun erstmal vorbei.


Was ist Ihre Erklärung für die Forintschwäche?

Sie hat maßgeblich damit etwas zu tun, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar abgewertet wurde. Sich entwickelnde Märkte wie Ungarn werden davon stärker berührt als der Euro selber. In Ungarn kommt zudem noch hinzu, dass die Nationalbank hier immer noch eine relativ lockere Geldpolitik betreibt. In Tschechien beispielsweise gab es schon mehrere Zinserhöhungen und es herrscht ein strengeres Zinsregime. Ungarn ist also allein schon auf Grund der Zinshöhe derzeit für internationale Anleger weniger interessant als andere Länder der Region. Ein schwacher Forint führt aber natürlich zu einer importierten Inflation – hierauf wird die Nationalbank achten.


Wie lange werden Sie die Commerzbank Zrt. noch leiten?

Vor kurzem habe ich meinen Vertrag ohne zu zögern verlängert. Es ist eine tolle Herausforderung, diese erfolgreiche Commerzbank-Tochter auf dem sich dynamisch entwickelnden ungarischen Markt leiten zu dürfen und von hier aus auch an Entwicklungsprojekten unserer Gruppe teilnehmen zu können. Zudem fühle ich mich – genau wie meine Familie – hier auch privat sehr wohl.

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