Seit sechs Jahren befindet sich die Oppositionspolitik im Klammergriff des Zusammenschlusses. (...) Gegen den Fidesz hat die Jobbik (Anm.: bei den Nachwahlen im VIII. Bezirk vergangene Woche) niemanden ins Rennen geschickt, und außer der Arbeiterpartei haben sich die restlichen oppositionellen Parteien geschlossen hinter den unabhängigen Kandidaten Péter Győri gestellt. Doch selbst unter den denkbar besten Umständen für einen oppositionellen Zusammenschluss hat der Fidesz noch haushoch gewonnen. Bitte begreift doch endlich, dass der Schlüssel zum oppositionellen Erfolg nicht in der Zusammenschließerei liegt.

Seit ebenso langer Zeit ist es auch um den sogenannten „Zivilismus“ geschehen. Es soll bloß nicht antreten, wer tatsächlich bereit ist, die Bürger zu vertreten und die politische Gemeinschaft zu bilden, oh nein, sondern lieber jemand vollkommen anderes, bitteschön. Wer Ziviler ist, Herzchen, der ist nun mal sehr zivil. In welchem Bereich ist das schon ein Vorteil? Soll denn der Bäcker einen Blinddarm operieren, der Buchhalter eine Oper singen oder Tante Amálka (88) ein neues Betriebssystem programmieren?

Péter Győri ist ein aufrichtiger, anständiger Mensch (…), der etwas vorzuweisen hat – aber von den ihm aufgedrückten Aufgaben versteht er nichts. Stattdessen hat sich Péter Győri in diesem ohnehin verkappten Wahlkampf als schlechter Politiker entpuppt. Doch dies ist keine Schande, sondern eine anzuerkennende Tatsache. Der Schlüssel zum oppositionellen Erfolg ist nicht das „zivile Dasein“.

Und auch die mathematischen Umwege sind es nicht. Bis dieser Artikel erscheint, wird auf Facebook sicher schon eine Grafik die Runde gemacht haben, die zu beweisen versucht, dass die, die nicht zur Wahl gegangen sind, Botond Sára vom Fidesz nicht als Bürgermeister haben wollten, ergo sind sie Oppositionelle. Aber sie wollten eben den oppositionellen Kandidaten genauso wenig, schließlich haben sie auch nicht für ihn gestimmt. Es ist ein Selbstbetrug, die Daheimgebliebenen zur Opposition zu zählen. (...)

Vor ein paar Tagen hatte ich ein bezeichnendes Facebook-Erlebnis (…): Ein Kommentator aus Dunakeszi hatte sich darüber aufgeregt, dass, hätte es bei ihnen einen Zusammenschluss gegeben, Bence Tuzson nie, sprich NIEMALS, den Wahlkreis gewonnen hätte. Jedoch hätte sich die LMP auf den Kandidaten des Zusammenschlusses eingeschossen, so unser Mensch aus Dunakeszi. Für seinen Beitrag erhielt er direkt auch ein „Like“ von einem anderen Kommentator aus Dunakeszi.

Dies ist deswegen tragikomisch, weil Dunakeszi einer der Orte war, wo die LMP eben rechtzeitig und mit großem medialen Trara zurückgetreten war. (...) Trotzdem, nach dem oben wiedergegebenen Wahnsinn „erinnern sich“ doch zwei Ortsansässige, dass es keinen Zusammenschluss gab und man wegen der LMP nicht gewonnen habe. Sicher wird es im Fernsehen jetzt irgendwo einen „Experten“ geben, der erklärt, dass es aus einem bestimmten Winkel betrachtet auch in Józsefváros eigentlich keinen Zusammenschluss gegeben habe. Dabei ist der Schlüssel zum politischen Erfolg der Opposition auch nicht die Geschichtsklitterung, sondern die ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist.

Darüber, wie der Fidesz besiegt werden kann, haben wir viel diskutiert. Wir brauchen ein Drehbuch, in dem wir Konsorten wie Andor Schmuck (der linke Kandidat bei der kürzlichen Nachwahl im V. Bezirk), der gerade einmal 21 (ja, einundzwanzig) Stimmen erhalten hat, entsprechend ihrer Relevanz behandeln.

Ich glaube daran, dass Politiker zu sein ein Beruf ist, den man auch auf gute und anständige Weise ausüben kann (außer man schaut – aus Angst oder Eigeninteresse – weg, wenn unter und neben einem gestohlen wird). Ich glaube daran, dass man, wenn man neue Wähler erreicht, eine neue Kraft auf der linken und liberalen Seite aufbauen kann.

Ich sehe aber auch die zahlreichen unsauberen Vorteile des Fidesz und ich verstehe all diejenigen, die sagen, Orbáns Partei kann auf „traditionellem“ Wege nicht mehr besiegt werden. Wir diskutieren viel. Aber egal, ob nun Boykott, Revolution oder das von mir vorgeschlagene Modell den Erfolg bringen wird: Das, was sie jetzt veranstalten, funktioniert nicht.

Der Ruf nach Zusammenschluss, das Setzen auf einen zivilen Kandidaten, das selbsttrügerische Schönrechnen, das Schmähen des Volkes und die Geschichtsklitterung schiebt den Tag, an dem Viktor Orbán endlich nicht mehr Regierungsoberhaupt sein wird, nur immer weiter hinaus.


Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 11. Juli in der

Onlineausgabe des linksliberalen Wochenmagazins hvg.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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