Die ungewöhnliche kleine Gruppe auf dem Platz vor der Felsenkirche am Gellértberg fällt nicht jedem ins Auge: Zwei Frauen stehen vor einer Mauer, ein Mann ist gegen eine Metallabsperrung gelehnt, andere kauern im Schatten von Bäumen. Viele sind über 50, manche Mitte 30, einige in sportlichen Shorts, andere im Sommerkleid. Auch dass die meisten mit Hut gegen die Sonne gerüstet sind, hebt sie nicht von anderen Besuchern des Gellértbergs ab, noch macht es sie als Gruppe erkennbar. Anders als die üblichen Spaziergänger und Touristen jedoch sind diese Menschen mit Zeichenblock, Stift und Pinsel ausgerüstet. Vertieft in ihre Arbeit, schauen sie immer wieder kurz auf: zur Donau und auf das Pester Ufer, zur Freiheitsbrücke, zum Höhleneingang oder auch zum gegenüberliegenden Gellérthotel.

Es gibt so viele Bauten, Orte und Szenerien in Budapest, deren Anblicke man gerne für später festhalten würde. Meistens tun wir das mit dem Fotoapparat, eilen dabei von einem Ort zum nächsten und übersehen so viele Details um uns herum. Die etwa zehnköpfige Gruppe hält heute ihre visuellen Eindrücke auf eine andere Weise fest: mit Stift und Zeichenblock. Das Zeichnen animiert zum Innehalten, man nimmt Feinheiten wahr, an denen man tagtäglich vorbeiläuft.

„Die Welt zeigen, Zeichnung für Zeichnung“

Die Budapester sind dabei bloß ein kleiner Teil der weltweit aktiven gemeinnützigen Organisation Urban Sketchers. Ihren Ursprung hat die Organisation in den USA. Hier rief der in Seattle lebende Journalist Gabriel Campanario, der für die Seattle Times Skizzen seiner Stadt anfertigte, 2007 in einem Forum zum gemeinsamen Zeichnen auf. Er wollte damit all jene ansprechen, „die es lieben, die Städte, in denen sie leben und die sie bereisen, zu zeichnen.“

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Ein Jahr später erstellte er die offizielle Urban-Sketchers-Webseite,
www.urbansketchers.org. Hier konnten Sketchers ihre Zeichnungen teilen und sich austauschen. Auf der Seite ist auch das selbstverfasste Manifest der Sketchers zu finden, in dem sie ihre Mission verkünden, nämlich „die Welt zu zeigen, Zeichnung für Zeichnung“. Es soll vor Ort gezeichnet werden, „drinnen oder draußen, nach direkter Beobachtung“. Mittlerweile hat die Webseite täglich tausende Besucher. An die 100.000 Mitglieder sind in der internationalen Facebook-Gruppe, in Deutschland gibt es über 2.700, 571 sind es bisher in Ungarn.

Gemeinschaft begeisterter Zeichner

In den Gruppen sind sowohl Künstler, Designer und Architekten als auch Hobby-Künstler und Amateure. Den ersten Teil ihres Namens sehen die „städtischen Zeichner“ weniger streng: Es geht ums Abbilden von Szenen aus großen und kleinen Städten, aber auch aus ländlichen Gebieten. Parks, Gebäude, Menschen, Geschäfte – die Urban Sketchers dokumentieren alles, was sie beobachten. Und verwenden dabei verschiedene Arten von Materialien, Medien und Techniken.

Die Organisation verweist weiterhin auf die Relevanz der Gemeinschaft. Die Künstler veröffentlichen ihre Ergebnisse online, geben sich gegenseitig Ratschläge, teilen Wissen um Methoden und Materialien. Die weltweit verteilten regionalen Gruppen haben Kontakt über Facebook, Twitter, Flickr, Youtube und verschiedenste Blogs. Es gibt zahlreiche Bücher zu dem Thema, ein monatlich erscheinendes Magazin, Workshops und ein jährliches internationales Symposium. Im Sinne der Gemeinschaft werden in vielen Städten Treffen zum gemeinsamen Zeichnen vereinbart.

Treffen zum gemeinsamen Zeichnen

Auch Zsuzsanna Mag ist mit dabei. Sie überlegt sich alle zwei Wochen einen anderen Ort in Budapest und gibt diesen und einen Zeitpunkt in der öffentlichen Facebook-Gruppe „Urban Sketchers Budapest Group“ bekannt. Kommen kann jeder, der Lust aufs Zeichnen hat. Jeder arbeitet selbstständig für sich, es gibt keine Anleitungen oder Vorgaben. Zwei Stunden später präsentieren alle ihre Ergebnisse.

Isabella Horváth ist seit ungefähr zwei Jahren, so oft sie kann, dabei. Sie zeichnet gerne in ihrer Freizeit, findet aber selten die Zeit dafür. Die regelmäßigen Treffen geben ihr immer einen Anlass, sich an das Skizzenbuch zu wagen. „Ich nehme teil, weil es mich motiviert“, erzählt sie. „So komme ich nicht aus der Übung. Und ich probiere hier gerne neue Ideen aus.“ Auch beobachtet sie gerne, wie sich die Gruppe entwickelt. „Es ist schön, zu sehen, wie sich alle in ihren Techniken verbessern.“

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Es gibt viele Gründe, an den gemeinsamen Treffen teilzunehmen. Einer ist vielleicht auch, dass man sich in der Gruppe weniger seltsam vorkommt, wenn etwa Vorbeigehende versuchen, einem über die Schulter auf den Zeichenblock zu schauen. Und auch das Kennenlernen anderer Künstler kann Grund für einen Beitritt zur Gemeinschaft der Urban Sketchers sein. Natürlich ist es teilweise schwierig, sich ohne Ungarisch-Kenntnisse mit den Gruppenmitgliedern zu unterhalten, auch ist jeder während des Zeichnens eher schweigsam in die eigene Arbeit vertieft.

Doch die Budapester Sketchers sind freundlich und offen. Vor allem bei der Abschlussrunde, in der man sich gegenseitig die angefertigten Werke zeigt, entstehen Gespräche unter den Mitgliedern; zum Teil auch auf Englisch. Auch Tamara Sushko ist auf die englische Sprache angewiesen. Sie zog vor einigen Jahren aus der Ukraine hierher. In Kiew war sie bereits Mitglied der Urban-Sketchers-Gemeinde – und freut sich über die Gelegenheit, hier in Budapest auf Gleichgesinnte zu treffen.

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