Plakate sind wahre Massenprodukte, schnell und günstig vervielfältigt erreichen sie in Windeseile ein breites Publikum. Ihr einziger Feind ist die Zeit, denn in einer immer schneller werdenden Gesellschaft widmen wir ihren Botschaften nur wenige Sekunden unserer Aufmerksamkeit. Die Gestaltung von Plakaten, die trotz dieser Widrigkeiten einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist daher eine Kunst, die sich zurecht als eigenständiges Genre etabliert hat. Und so manches Plakat hat seinen Daseinszweck überlebt und hat es sogar in die Sammlung von Museen geschafft – 45.000 solcher Plakate gehören etwa zum Bestand des Ungarischen Nationalmuseums. Eine Auswahl von ihnen ist derzeit im Rahmen der Ausstellung „Tolongó idők“ im zweiten Stock der Einrichtung zu bewundern.

Die Massen im Blick

Der Fokus liegt thematisch auf der Darstellung der Massen, deren Lebensstil und ihre Beeinflussung durch kommerzielle und politische Propaganda.

Obwohl die Geschichte des Plakats bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, hat erst die Erfindung der Lithografie Ende des 18. Jahrhunderts, die den kostengünstigen Farbdruck in größerer Auflage ermöglichte, den Siegeszug dieses Mediums eingeläutet. Ihre goldene Zeit erlebten Plakate jedoch Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung. Hier setzt auch die Plakatausstellung „Tolongó idők“ ein. Insgesamt erstreckt sie sich über drei Räume und umspannt dabei gut 100 Jahre Plakatgeschichte. Das älteste Exponat stammt aus dem Jahr 1896 und informiert über die Tausendjahrfeierlichkeiten in Ungarn.

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Besonders bunt und schillernd geht es im ersten Raum der Ausstellung los, hier sind vor allem wirtschaftliche und kommerzielle Plakate zu sehen, die zum Teil längst vergessene Produkte bewerben, beispielsweise Kautschuk-Schuhabsätze der Firma Palma oder Gemüsesamen von Ödön Mauthner. Aber auch Werbung für Firmen, die Anfang des Jahrhunderts gerade erst ihr Debüt feierten und bis heute Fortbestand haben, sind dabei – und lassen Nostalgie aufkommen. Ein kühles Dreher, ein Unicum oder Tibi-Schokolade hatten und haben damals wie heute ihren Reiz. Nach der bunten Welt des Kommerzes folgt im zweiten Raum das etwas puristischere Feld der Volkserziehung. Ob es nun um körperliche Ertüchtigung, Kindererziehung oder auch Alkoholkonsum und Syphilis geht, hier wird gewarnt, gemahnt und angeraten. Die zum Teil recht düster gestalteten Plakate sind allerdings ein guter Spiegel für die gesellschaftlichen Herausforderungen der jeweiligen Zeiten.

Politpropaganda am Schlagbrett

Der letzte Raum zeigt vor allem politische Plakate und ist trotz seiner etwas lückenhaften Darstellung der doch sicherlich wesentlich umfangreicheren politischen Propaganda der letzten hundert Jahre auch einer der spannendsten. Er zeigt, mit welchen Appellen Obrigkeiten, aber auch Parteien und Gewerkschaften versuchten, die Bevölkerung für ihre Ziele zu gewinnen. So manche Elemente der damaligen Propaganda lassen sich auch in heutigen Plakatkampagnen wiedererkennen.

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Zudem werden hier aber auch einige der einflussreichsten ungarischen Persönlichkeit aus dem Genre der Plakatkunst gewürdigt. Darunter Imre Földös, Géza Faragó und Mihály Bíró. Letzterer gilt als Begründer der politischen Plakatkunst. Seine bis heute berühmteste Arbeit, ein Plakat für die Tageszeitung Népszava mit dem roten Hammermann, der zum befreienden Schlag gegen die reaktionäre Unterdrückung ausholt, wurde zigfach verbreitet und kopiert. Bereits 1932 machte Bíró zudem eine in diesem Genre noch bis heute gültige Feststellung: „Selbstverständlich werden Plakate mit wuchtigen, blitzartig hingeworfenen Strichen eine viel größere Wirkung auf die Massen haben als schön ausgeführte und sogenannte sachliche Plakate.“

Der Ausstellung „Tolongó idők“ gelingt es, die an sich schon sehenswerten und zum Teil künstlerisch wertvollen Plakate geschickt mit historischem Hintergrundwissen zu verquicken. Dadurch erhält der Besucher auf kurzweilige Art einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der verschiedenen Epochen, von der Jahrtausendfeier bis zur Wende. Darüber hinaus offenbart es die große Vielfalt an Stilen und Motiven, die der ungarischen Plakatkunst insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu internationalem Ansehen verhalf.

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Ausstellung „Tolongó idők“

Noch bis zum 26. August

Budapest, VIII. Bezirk, Múzeum körút 14–16

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 1.590 Forint pro Person

Weitere Informationen finden Sie unter mnm.hu

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