Freitagnachmittag, die Luft über Budapest flimmert, es ist schwülheiß. Etwas südlich der Rákóczi híd sitzen Menschen auf einer überdachten Holzterrasse, an Biertischen und auf bunt bemalten Bänken am Rand der Donau und lassen beim Genuss kalter Säfte, eisgekühlter Limonaden oder eines Cappuccinos die Seele baumeln.

Bereits seit Anfang Mai ist das Gelände des Hafengebiets im IX. Budapester Bezirk, bekannt als Valyo Kikötő, ein Treffpunkt für Jung und Alt. Gegründet und aufgebaut wurde es von der Non-Profit-Organisation Valyo, die sich seit nunmehr acht Jahren für die Integration der Donau in das Budapester Stadtbild sowie die aktivere Nutzung ihrer Uferpromenaden einsetzt. Noch bis zum 30. September werden im Valyo Kikötő täglich kulturelle Veranstaltungen wie Musikfestivals, Film- und Theatervorführungen sowie Workshops für Kinder, Gemeinschafts- und Sportprogramme geboten.

Valyo: Seit acht Jahren mit Herzblut für die Donau

Alles begann vor acht Jahren mit einer Gruppe junger Ungarn und deren Wunsch, mehr Areale in Budapest zu schaffen, wo Menschen sich treffen, Kinder spielen und öffentliche Events stattfinden können. „Damals gab es kaum solche Gegenden – ein paar Parks und Spielplätze vielleicht – aber das meiste war auf den Verkehr und nicht auf Fußgänger und Aktivitäten ausgerichtet“, erinnert sich die Budapesterin Cili Lohász.

Als sie zusammen mit Gleichgesinnten die Initiative „Város és Folyó Egyesület“, kurz „Valyo“, gründete, um sich für ein Umdenken hinsichtlich der Nutzung öffentlicher Plätze einzusetzen, merkte sie schnell, dass sie sich für eine größere Wirkung auf einen bestimmten Aspekt der Stadt festlegen müssen. „Budapest ist groß. Als wir begonnen haben, hatte die Donau für Budapester kaum einen Stellenwert“, erklärt Lohász. „Natürlich hat man sie von den Brücken aus gesehen, wenn man dort im Stau stand, aber im Stadtzentrum zum Beispiel ist sie so gut wie unsichtbar und hat keinen Einfluss auf das Leben dort.“

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Cili Lohász, eine der Gründerinnenvon Valyo, organisiert und koordiniertmit ihrem Team alle Aktionen des Vereins.

Laut Lohász war das Ufer damals durch Straßen und den Damm für Fußgänger kaum zugänglich; sämtliche Infrastruktur, die zu einem Verweilen am Fluss eingeladen hätte – Toiletten, Trinkwasser, Gehwege – fehlte. „Wir haben dann beschlossen, uns auf das Donauufer zu konzentrieren. Wir wollen auf den Fluss und dessen Rolle für Budapest aufmerksam machen und ihn mit dem öffentlichen Leben hier verbinden.“

Seitdem hat sich viel getan. Was mit einem winterlichen Steinehüpfwettbewerb am Jászai Mari tér begann, ist in Budapest über die Jahre hinweg zu einer ausgewachsenen Initiative geworden. Valyo war unter anderem für die Organisation eines Donau-Infowanderweges verantwortlich, veranstaltete Sportevents sowie das dreiwöchige Festival Valyo!Part und betreibt seit 2013 im Winter einen mobilen Saunabus – natürlich alles entlang der Donau. In diesem Juli haben sie, wie bereits im Vorjahr, erreicht, dass die Szabadság híd an vier Wochenenden komplett für den Verkehr gesperrt wird, um sie für die Menschen zugänglich zu machen. Ihr aktuell größtes und erfolgreichstes Projekt ist allerdings der Bau des Gemeinschaftsgrundstücks Valyo Kikötő, deutsch: „Valyo-Hafen“.

Langer, aber friedlicher Prozess

Cili Lohász wirkt entspannt, wie sie so in ihren grünen Leggings an einem der Tische auf dem Festivalgelände sitzt, das Kinn in die Hände gestützt, die Füße mit den lackierten Zehennägeln in roten Sandalen. Anders als man wohl vermuten würde, musste sich Valyo für die Organisation des Kikötő nicht mit der Stadtverwaltung überwerfen. „Dieser Ort wird von einer Firma an uns vermietet. Wir mussten uns zwar mit der Verwaltung des neunten Bezirks abstimmen, Papiere einreichen und Bauten wie Bar und Bühne von Statikern prüfen lassen. Aber das war's.“

Streiten, sagt die Aktivistin, wäre nicht zielführend. „Uns geht es nicht darum, etwas zu erkämpfen. Wir möchten Plätze finden, an denen es ohne größere Probleme möglich ist, Neues zu schaffen und dabei sowohl den Leuten als auch der Stadt zeigen, dass man dort etwas dauerhaft positiv verändern kann.“

Um Gelände öffentlich zugänglich zu machen und Menschen anzulocken, sind gewisse Einrichtungen wie Toiletten und Wasseranschlüsse unverzichtbar. Die Organisatoren des Kikötő mussten daher einiges an Infrastruktur anlegen. Das Toilettenproblem löste Valyo beispielsweise ganz pragmatisch mit Dixi-Klos, andere Bauten kosteten allerdings mehr Zeit: Drei Monate zimmerten Valyo-Mitglieder und Hunderte ehrenamtliche Helfer an Bar und Bühne, einem Kinderspielplatz, Sitzgelegenheiten und einer Küche. Letztere wurde erst Anfang Juli fertiggestellt. „Das einzige, was bereits vorhanden war, war das Gerüst, aus dem wir die Bar gemacht haben“, erklärt Lohász und fügt hinzu: „Bei den großen Konstruktionen, also der Bar und vor allem der Bühne mit ihrer Lichttechnik, haben wir Ingenieure beauftragt.“

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Bis Ende September lädt das öffentliche Festivalgelände Valyo Kikötő zum Verweilen an der Donau ein.

Vieles kam zudem durch Spenden zustande, darunter Fahrradständer, eine Leinwand, auf der Filme gezeigt werden können, Schirme, die wichtigen Schatten liefern, und Bänke, die engagierte Helfer per Hand bemalten. Der tägliche Barbetrieb von 10 Uhr bis Mitternacht wird vom Refuge Bistro geregelt, welches extra dafür sogar Mitarbeiter in Vollzeit abstellt. Besonders beeindruckend aber ist ein kollektives Müllsammelsystem, das Valyo zusammen mit dem Verein Zöldövezet ausgeklügelt hat. Dabei wird der zusammengetragene Abfall noch vor Ort getrennt und anschließend zum Recyceln gegeben. „Um die 50 Prozent von dem, was wir eingesammelt haben, ging letzten Monat in die Wiederverwertung. Eine gute Rate“, findet Lohász.

Hajóállomás utca 1 – Mehr als nur ein Platz unter der Brücke

Auch wenn alle Gebäude nun stehen, ist die Entwicklung des Kikötő weiterhin ein fortlaufender Prozess. Die Mitglieder von Valyo möchten, dass die Leute ihr Gelände selbst interpretieren und etwas zum Programm dort beitragen beziehungsweise sich aktiv in dessen Gestaltung einbringen. „Die besten Orte sind diejenigen, die flexibel sind und sich immerzu entwickeln. Ein öffentlicher Platz kann nicht statisch sein, sonst ist der Sinn verfehlt.“

Cili Lohász deutet in Richtung Küche. „Die Grills da – wir dachten, einer würde reichen. Jetzt haben wir sechs, weil am Samstagabend jeder grillen will. Manchmal muss unser Team sogar Aktivitäten koordinieren, beispielsweise damit sich nicht zur gleichen Zeit verschiedene Yogagruppen in die Quere kommen.“

Valyo selbst bietet den Kikötő-Besuchern zusätzlich ein regelmäßiges, festes Unterhaltungsprogramm. Jeden Donnerstag-, Freitag- und Samstagabend spielen Musikbands und DJs auf der Bühne, deren Repertoire sich über alle Musikrichtungen erstreckt, von Rock über Punk bis hin zu zeitgenössischem Pop und Elektro. Ein Gig dort ist unter Budapester Bands nun sogar so begehrt, dass Valyo einige Anfragen zurückweisen musste, weil die Bühne am Donauufer bereits vollkommen ausgebucht ist.

Weiterhin wird Yoga-Unterricht geboten, am Wochenende leiten Animateure und Künstler vom ungarischen Kulturfonds gesponserte Kinderworkshops an, die sich alle mit der Donau beschäftigen. Auch die Spiele der Fußball-WM waren zu sehen und ab dieser Woche sind jeden Dienstag Filmnächte geplant. Insgesamt kann das Gelände an der Hajóállomás utca zwischen 300 und 500 Menschen gleichzeitig beherbergen.

Da es sich mit seinem Angebot nicht nur speziell auf junge Leute beschränkt, treffen dort unterschiedlichste Generationen und Nationalitäten aufeinander. „Klar, die größte vertretene Altersgruppe ist zwischen zwanzig und vierzig. Aber es kommen auch gerne Familien – Eltern, die ihre Kinder im Sand spielen lassen oder sich eine Auszeit nehmen, während die Kids an Workshops teilnehmen.“ Cili Lohász zeigt auf zwei Senioren an der Bar. „Auch Ü60-Jährige sind gerne hier und holen sich eine Limo, besonders seit wir die WM gezeigt haben. Oft kommen auch neugierige Leute aus dem Ludwig-Museum vorbei.“ Der einzige Wermutstropfen am Kikötő ist dessen Abhängigkeit vom Wetter: Bei zu starkem Regen oder gar einem Sturm ist der Betrieb kaum möglich.

„Kommt ihr nächstes Jahr wieder?!“

Die Leute lieben den Platz an der Rákóczi híd, das ist offensichtlich. Wenn es nach ihnen geht, soll das Valyo-Team nächstes Jahr nach der Winterpause dorthin zurückkehren. Cili Lohász zuckt allerdings nur mit den Schultern. „Wir wissen es noch nicht.“ Die Nachfrage ist definitiv da, sie werde bereits jetzt ständig gefragt: „Kommt ihr nächstes Jahr wieder?!“ Doch alles muss nach der Schließung komplett abgebaut werden und Valyo möchte sich noch nicht festlegen, wie es weitergeht.

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Sie haben die Möglichkeiten dieses Areals aufgezeigt; nun warten andere Plätze darauf, dass ihr Potenzial entdeckt und ausgeschöpft wird. Auf die Frage, welche Projekte weiterhin anstehen, lächelt Lohász nur geheimnisvoll. Zwei große Träume von Valyo lässt sie sich dann aber doch entlocken. „Zwischen der Jahrhundertwende und den 1930ern gab es in der Donau hölzerne Pools, in denen man schwimmen konnte. Jetzt ist die Wasserqualität wieder viel besser geworden, damit wäre das vielleicht wieder möglich ... Und da drüben, am Budaer Ufer, könnte man eine Promenade zum Spazieren einrichten, die sich den Regeln der Donau fügt. Wenn die Flut kommt, ist sie unter Wasser, sonst eben nicht und dann können wir sie nutzen. Auch das gehört dazu, wenn man mit dem Fluss arbeiten will.“

Sie schweigt kurz und blickt auf das Wasser. Auf der Brücke rattert ein Zug vorbei. „Ganz am Anfang habe auch ich wenig an die Donau gedacht. Eigentlich lustig – jetzt, acht Jahre später, nachdem ich mich so viel mit ihr beschäftigt habe, kann ich mir Budapest ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen!“


Valyo Kikötő

Noch bis zum 30. September

Budapest, IX. Bezirk, Hajóállomás útca 1

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10 Uhr bis Mitternacht

Eintritt frei

Weitere Informationen und das Veranstaltungsprogramm gibt es auf www.facebook.com/valyokikoto/

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