Der örtliche Veranstaltungspartner, das Ungarische Institut der Universität Regensburg, ist neben seinen Forschungs-, Lehr- und Dokumentationsaufgaben bestrebt, Kenntnisse über das historische Ungarn auch in die Öffentlichkeit benachbarter Wissenschaftszweige zu vermitteln. Die Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Ungarn, Österreich und den USA würdigten einen Mann, der Ungarn in einer seiner besten Traditionen verkörpert: Semmelweis war ein Hungarus, eine Person mit ungarndeutschen Wurzeln, aber mit ungarischer Identität.

Semmelweis blieb zu Lebzeiten die ihm gebührende Anerkennung versagt

Zeitgenössische und heutige Ehrungen von Semmelweis stehen in einem auffälligen Missverhältnis zueinander. Essayistik und Fachliteratur betonen, dass er Bahnbrechendes geleistet habe: Er entdeckte sowohl eine der wesentlichen Ursachen des Kindbettfiebers als auch eine wirksame Methode zur Vorbeugung dieser oft tödlichen Blutvergiftung. Damit rettete er zahllosen Müttern und deren Nachkommen das Leben.

Seine empirisch herausgearbeiteten Thesen einerseits von der Kontaktinfektion etwa durch einen behandelnden Arzt oder Medizinstudenten, andererseits von der Prävention, der Händewaschung mit Chlorwasser, sind aber erst nach seinen Tod in ihrer epochalen Bedeutung erkannt und anerkannt worden – dies obwohl 1848, im Jahr nach seiner Entdeckung, die Sterblichkeitsrate an seinem Arbeitsplatz als Assistenzarzt im Wiener Allgemeinen Krankenhaus von 18,3 auf rund ein Prozent gesunken war.

Ist schon die zeitgenössische Ablehnung und Ignoranz als Begleitmerkmal seines Werkes betrüblich genug, muss es einen geradezu verblüffen, dass er in seiner Zeit noch dazu andauernd Zielscheibe, nicht selten auch Ursache von Anfeindungen zumeist aus der Ärzteschaft war.

Kein Zuspruch von der Kollegenschaft

Hinter den Kulissen seiner Epoche finden wir auch Trost für das Unrecht, das er – unverschuldet oder selbstverschuldet – erleiden musste. Dem habsburgischen Neoabsolutismus der 1850er Jahre sagt ein Teil der ungarischen Historiografie einen ausgeprägten Hang zur Germanisierung des ungarischen Gemeinwesens vor allem in sprachlicher Hinsicht nach. Eine andere Forschungsrichtung ist um Nuancierung und Berichtigung dieses Bildes bemüht – und eines der Grußworte empfahl ihr eine prominente Gestalt als individuellen Beleg: Semmelweis.

1855 wurde er zum Professor der theoretischen und praktischen Geburtshilfe an der Universität Pest ernannt, weil er nicht nur fachlich geeignet und politisch zuverlässig war, sondern – anders als seine Mitbewerber – die ungarische Sprache beherrschte. Der akademische Senat hatte gegen ihn gestimmt, die politische Entscheidungsinstanz setzte ihn aber bei Kaiser Franz Joseph durch. Dieser Fall war typisch für den Werdegang des neuen Pester Lehrstuhlinhabers: Zuspruch erhielt er nicht von der Kollegenschaft, die ihm die Unterstützung auch danach versagte.

Mit dieser Lesart erinnerte das erwähnte Grußwort an eine Frage, die während der Konferenz dann in der Luft lag und streckenweise unmittelbar behandelt wurde: War Semmelweis tatsächlich ein einsamer Außenseiter, ein zunächst böswillig verkanntes Genie? Constance Elisabeth Putnam (Concord, Massachusetts, USA) und Michael Stolberg (Institut für Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Würzburg) widersprachen dieser Ansicht, die László Rosivall und László András Magyar (Semmelweis-Bibliothek mit Archiv, Budapest) untermauerten.

Unterschiedliche Blickwinkel auf Semmelweis

Die amerikanische und die deutsche Kritik zog allerdings nicht die Bedeutung von Semmelweis in Zweifel, sondern war lediglich gegen seine nachmalige Überhöhung gerichtet. Stolberg führte die Hauptfigur auf den Boden der Tatsachen zurück, die er sich aus nichtungarischer Fachliteratur mit Einblicken in die internationale Medizingeschichte erschloss. Rosivall dagegen hielt Semmelweis, wie es in der ungarischen Forschung üblich ist, als Ikone hoch, die leuchte, weil ihre Thesen heute noch gültig seien. Die von Robert Offner präsentierten Spiel- und Doku-Filme über den „Retter der Mütter“ folgen mehrheitlich der letzteren Interpretationsrichtung.

Der Neoabsolutismus hat im ungarischen Geschichtsbewusstsein tatsächlich so manchen Mythos hinterlassen. Gehört auch Semmelweis zu diesen Legenden? Ist er in eine Opferrolle hinein stilisiert worden, die sich in der Erzählung vom ungarischen Leidensweg unter Habsburg nach dem niedergeschlagenen Freiheits- und Unabhängigkeitskampf 1848/1849 zugetragen haben soll? Josef Makovitzky (Institut für Rechtsmedizin, Universität Freiburg i. Br. / Institut für Neuropathologie, Universität Heidelberg) rückte in seinen Abschlussworten Stolbergs Ausführungen, anhand derer diese Frage bejaht werden könnte, aus seiner Sicht zurecht.

Zuvor umrissen die rein medizinischen Vorträge von Wulf Schneider (Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene, Universitätsklinikum Regensburg) und von André Gessner (Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene, Universitätsklinikum Regensburg) sinngemäß das herkömmliche Semmelweis-Bild.

Heutiger Ruhm von Semmelweis bloß Ergebnis einer ungarisch überheizten Legendenbildung?

Die Regensburger Konferenz ließ eine international verzweigte Fachliteratur über die Entdeckung des Wiener Assistenzarztes zur Sprache kommen, verwies auf zahlreiche Standorte des laufenden Gedenkjahres in Nah und Fern und stellte mit dem Vorsitzenden Bernhard Küenburg viele durchdachte Popularisierungsprojekte der Wiener Semmelweis-Gesellschaft vor. Die Auslegung, dass der zeitversetzte Ruhm von Semmelweis bloß einer ungarisch überheizten Legendenbildung entsprungen sein könnte, blieb so unbestätigt im Raum.

In Deutschland ehrt man den ungarndeutschen Mediziner aus dem 19. Jahrhundert im Jubiläumsjahr 2018 auch mit plastischen Darstellungen. Die erste wurde am 25. Juni in der Berliner Charité im Beisein des Botschafters Ungarns in Deutschland, Péter Györkös, enthüllt. Zum Abschluss der Regensburger Konferenz folgte am Veranstaltungsort ein weiteres Unikat aus der Werkstatt des aus Siebenbürgen stammenden ungarischen Bildhauers Botond Polgár.

Beide Büsten sind Geschenke der Semmelweis Universität Budapest somit des ungarischen Staates. Die hochrangige Besetzung der Enthüllungszeremonie mit EMMI-Minister Prof. Dr. Miklós Kásler, dem Generalkonsul Ungarns in München, Herrn Gábor Tordai-Lejkó, sowie Horst Helbig, Prodekan der Fakultät für Medizin, und László Rosivall in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Semmelweis-Jubiläumskomitees, zeugte vom hohen Stellenwert Regensburgs – und Bayerns – für die deutsch-ungarischen Wissenschaftsbeziehungen.

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