„Eigentlich wollte ich Maler werden. Skulpturen waren für mich braun, grau, dunkel – ohne Farbe. Sie interessierten mich nicht.“ Erwin Wurm steht in einem Ausstellungsraum, rechts neben ihm spannt sich eine gigantische pink-grüne Leinwand aus Wolle, auf der linken Seite befindet sich das Modell eines übergroßen orangefarbenen Boxhandschuhs. Der österreichische Künstler blickt nachdenklich in die Runde der Pressevertreter, die er am vergangenen Donnerstag im Zuge der Eröffnung seiner Ausstellung „One-minute Works. Sculpture as a Programme“ durch das Budapester Ludwig-Museum führt. „Ich habe viel darüber nachgedacht, was eine Skulptur ist und was es heißt, sie zu machen“, erklärt er. „Ich habe mich mit ihren Dimensionen beschäftigt, ihrer Masse, ihrer Oberfläche und Haut, ihrem Volumen. Und was sie für uns bedeuten.“

Transformation als Inspiration

Die erste große Ausstellung in Budapest von Erwin Wurm, einem der wichtigsten Vertreter der Gegenwartskunst, umfasst eine Auswahl von Werken und Serien aus den verschiedenen Etappen seines kreativen Schaffens. Die Arbeiten sind multimedial und beziehen andere künstlerische Elemente mit ein – neben umfunktionierten Möbeln, Standbildern oder Installationen sind daher auch Fotografie und Videotechnik sowie seine speziellen Tapeten und Zeichnungen zu sehen. Zentraler Bestandteil der Exposition ist allerdings der Besucher selbst: Er soll mithilfe von im Museum ausgelegten, alltäglichen Gegenständen und den skizzierten Anleitungen des Künstlers zu einer sogenannten „One-Minute Sculpture“ werden.

Modellieren lässt sich klassisch als „Arbeit an einem Volumen“ definieren. Erwin Wurm hat dieses Verständnis nun erweitert. Jeder ist in gewisser Weise ein Bildhauer, findet er, denn die Menschen arbeiten und verändern konstant ihr Äußeres. Bereits eine Gewichtszu- oder -abnahme sei auf eine bestimmte Art eine Arbeit an einem Volumen. „Eine Veränderung des Gewichtes ist also auch Skulptieren. Wir formen, modellieren uns konstant selbst“, erklärt der Österreicher. Dieser nie endende Vorgang ziehe sich auch durch verschiedenste Bereiche unserer Gesellschaft. Das fasziniere ihn, weshalb es sich auch in seinen Werken widerspiegelt.

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In einem Ausstellungsraum findet sich ein überdimensionaler Boxhandschuh. Durch die Stelle des Ringfingers zieht sich eine Reifenspur – ist Wurm etwa mit dem Auto darübergefahren? (Foto: Dániel Végel)

Zynismus, Zerstörung und Entblößung sind zentrale Bestandteile

Autos, Klamotten, Möbelstücke, sprich alle materiellen Statussymbole, sind vorherrschende Motive in der Ausstellung. Wurm interpretiert diese als eine schützende Schicht, hinter der sich die Menschen verstecken – sowohl physisch als auch durch die Identität, die sie in der Gesellschaft einnehmen – und spielt mit deren Bedeutungen, indem er sie gezielt abstrahiert. Zerstörung erschafft immer etwas Neues, sagt er und übermalt daher Nacktfotos seiner Kollegen, porträtiert sich selbst als „Essiggurkerl“; attackiert, schlägt oder zerschlitzt in einer Art „kreativer Rage“ Modelle ikonischer Formen. In seiner Serie „Drinking Sculptures“ versteckt er Spirituosen in modernistisch anmutenden Möbeln und benennt diese anschließend nach berühmten Künstlern, die ein Alkoholproblem hatten und sich teilweise zu Tode tranken. Was im ersten Moment lustig wirken mag, beinhaltet allerdings auch einen zynisch-tragischen Charakter und thematisiert den sozialen Abgrund beziehungsweise den Verfall des Menschlichen.

Der Besucher als einminütiges Exponat

Wurm möchte die Menschen mit seinen Werken zu einem Diskurs einladen, ohne ihnen eine Meinung überzustülpen. Dazu muss Kunst unter die Leute, sagt er, sie muss gesehen, geschätzt, geliebt oder eben gehasst werden, denn: „Auch die beste Kunst im Keller bedeutet nichts, wenn sie niemand sieht.“ Doch es geht ihm nicht nur ums Sehen, sondern auch ums Gesehenwerden.

Bei den vermeintlich amüsanten Skulpturen ist auch der Betrachter immer im Fokus. Wurm lädt seine Besucher ein, selbst die Bühne zu besteigen beziehungsweise sich selbst auf den Sockel zu stellen, der ein Kunstwerk für den Betrachter sonst eher hervorhebt oder schützt. Daran befinden sich selbst geschriebene und gezeichnete Anweisungen. Bei den „Drinking Sculptures“ lauten sie zum Beispiel: „Hinknien, Schrank öffnen, Flasche raus + trinken“. Manchmal finden sich auch Alltagsgegenstände wie Tennisbälle oder WC-Reiniger, deren Rolle durch Interaktion neu interpretiert wird.

Die Besucher, in ihrer performativen, teils absurden Beziehung mit den Requisiten, verwandeln sich dabei selbst zum Standbild; sie werden vom Menschen, der mit einem Eimer auf dem Kopf bewegungslos ausharrt, für eine Minute zur Skulptur. Es ist eine perfide Einladung zur Selbstentblößung in der Öffentlichkeit und dem Ablegen der dem Menschen anerzogenen Scham und Befangenheit. Erwin Wurms Werke werfen dabei Fragen nach der sozialen Deformation und der Verbiegung des Individuums auf und erneuern gleichzeitig das Konzept der klassischen Modellkunst sowie deren Wahrnehmung und ihre Rolle in der modernen Gesellschaft.



„Erwin Wurm One-minute Works. Sculpture as a Programme“

Noch bis zum 23. September 2018

Budapest, IX. Bezirk, Komor Marcell utca 1

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr

Eintritt: 1.600 Forint pro Person

Weitere Informationen finden Sie unter www.ludwigmuseum.hu

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