Bitte ziehen Sie eine Bilanz Ihrer ersten vier Jahre!

In dieser Zeit ist es uns gelungen, den Anteil von Geldern für die Familienförderung gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich zu erhöhen. In diesem Jahr fördert der Staat die Familien – etwa mit der Unterstützung der Schaffung von Wohnraum, mit Steuervergünstigungen, der Schaffung von Krippenplätzen und dem sogenannten GYED-Extra – in Höhe von fast 5 Prozent des BIP. In 2010 waren es noch 3,5 Prozent. Damit liegen wir deutlich über dem Durchschnitt der neuen EU-Länder sowie der OECD-Länder. Außerdem haben wir große Fortschritte bei der Kommunikation gemacht. Die besten Programme für die Unterstützung von Familien nützen nichts, wenn die, denen sie gelten, nicht wissen, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen können. Unsere Familienpolitik ist nun sichtbarer und erreichbarer als je zuvor. Prinzipiell finde ich es wichtig, dass die Familienpolitik einen eigenständigen Bereich darstellt und nicht wie vor meiner Zeit im großen Sozialbudget integriert ist.


Was ist GYED-Extra?

Eine junge Mutter kann bis zu drei Jahre zu Hause bleiben und wird solange vom Staat unterstützt. Wenn sie nicht drei Jahre zu Hause bleiben will oder kann, dann kann sie übrigens schon nach einem halben Jahr wieder arbeiten gehen. In diesem Fall bekommt die junge Mutter die Unterstützung auch weiterhin, zusätzlich zu ihrem Lohn. Neu ist übrigens auch, dass den Eltern ab dem dritten Kind die Rückzahlung ihres Studienkredites erlassen wird. Wir schauen uns systematisch an, welche möglichen Hindernisse zwischen dem Kinderwunsch eines Paares und dessen Erfüllung stehen.


Welche Hindernisse konnten dabei noch identifiziert werden?

So etwa die Umstände bei der Geburt. Wenn die Geburt insbesondere für die Mutter mit negativen Erlebnissen verknüpft ist, dass verringert sich natürlich ihr Wunsch, weitere Kinder zu bekommen. Das Gegenteil ist allerdings genauso wahr. Hier setzen wir an. Wir möchten, dass die Geburt zu einem möglichst positiven Erlebnis wird, in dem die werdende Mutter ihre Würde und Entscheidungshoheit voll behält. Mit dieser Absicht verbessern wir Schritt für Schritt die Situation in den 78 Krankenhäusern, in denen heute in Ungarn Kinder zur Welt gebracht werden können. Über allem schwebt der Wunsch unserer Regierung, die demographischen Probleme, vor denen alle europäischen Länder stehen, nicht mittels einer Erhöhung der Einwanderung, sondern aus eigener Kraft, also über eine Erhöhung der Geburtenrate, zu begegnen. Ich finde, dass europaweit viel zu viel über die Migration und zu wenig über demographische Fragen gesprochen wird. Warum entscheiden sich heute junge Europäer gegen das Kinderkriegen? Warum gibt es heute kein einziges europäisches Land, in dem die Geburtenrate hoch genug ist, um ein Schrumpfen der Bevölkerung zu verhindern? Warum wollen junge Europäer heute nicht ein oder zwei, besser noch zwei oder drei Kinder? Das sind für mich die entscheidenden Fragen!

#

„Damit Mütter ruhigen Gewissens einen zeitweisen Ausstieg ausihrer beruflichen Entwicklung ins Auge fassen können, sollten siedie Gewissheit haben, dass sie danach wieder möglichstreibungslos ins Berufsleben einsteigen können.“

Wie sieht es in Ungarn aus?

Laut Umfragen wollen junge Paare in Ungarn mehrheitlich zwei Kinder. Die gute Absicht ist also schon einmal da. Jetzt müssen wir nur zusehen, dass sich ihrer Realisierung nichts in den Weg stellt. Dabei ist der Staat ganz maßgeblich gefragt. In Westeuropa wird die Frage des Kinderkriegens eher als eine Privatsache abgetan. Ich denke jedoch, dass die Frage auch sehr stark eine öffentliche Angelegenheit ist. Eine Gesellschaft, die schrumpft, stirbt. Der ungarischen Regierung ist es hingegen wichtig, dass unsere Gesellschaft wieder wächst, sich verjüngt und stärker wird.


Wann vollzieht sich in Ungarn die demographische Wende? Wann wird die ungarische Bevölkerung wieder wachsen?

Wenn die gegenwärtigen positiven Trends weiter anhalten, dann hoffentlich nicht viel später als ab 2030. Immerhin hat sich durch die vielfältigen Maßnahmen der Regierung zur Familienförderung der Bevölkerungsschwund deutlich verlangsamt. Während die Geburtenrate 2011, also im ersten vollen Jahr der zweiten Orbán-Regierung, noch bei 1,23 lag, betrug dieser Wert im vergangenen Jahr bereits 1,5. Mit anderen Worten: Während 2011 auf 100 Familien nur 123 Kinder kamen, so waren es im vergangenen Jahr bereits 150. Es hat also eine nachhaltige Trendwende stattgefunden. Sehr erfreulich hat sich auch die Zahl der Eheschließungen entwickelt. Während sie in den acht Jahren unter unserer Vorgängerregierung dramatisch zurückgegangen war, ist diese Zahl danach in den acht Jahren der Orbán-Regierung um fast 50 Prozent gestiegen. Auch bei etlichen anderen demographischen Parametern, die mit der Geburtenrate zu tun haben, hat eine erfreuliche Trendwende stattgefunden. Mehrheitlich wollen junge Leute in Ungarn heute wieder heiraten und zwei Kinder bekommen. Wir bewegen uns also in eine gute Richtung. In den letzten acht Jahren konnten wir sehr viel für die Stärkung der Familien und für die Verbesserung der Familienfreundlichkeit des Landes tun. Seit 2010 konnten wir die für die Familienförderung bereitgestellten Mittel auf rund 2.000 Milliarden Forint nahezu verdoppeln.


Was muss im Interesse der demographischen Wende noch geschehen?

Unter anderem sollte der Arbeitsmarkt familienfreundlicher gestaltet werden. Derzeit kämpft jedes fünfte- siebte Paar mit dem Problem der Unfruchtbarkeit. Das ist eine gewaltige Zahl. Ein Grund dafür ist, dass sich viele Leute hauptsächlich aus Karrieregründen erst über Dreißig für die Verwirklichung ihres schon lange gehegten Kinderwunsches entscheiden.


Wie könnte der Arbeitsmarkt familienfreundlicher gestaltet werden?

Wo wir nicht gut stehen, das ist die Unterstützung von berufstätigen Frauen. Da bleiben wir hinter dem europäischen, speziell dem deutschen und dem österreichischen Modell zurück. Hier sehen wir bei uns noch einen großen Handlungsbedarf. Damit Mütter ruhigen Gewissens einen zeitweisen Ausstieg aus ihrer beruflichen Entwicklung ins Auge fassen können, sollten sie die Gewissheit haben, dass sie danach wieder möglichst reibungslos ins Berufsleben einsteigen können. Dazu muss unser Arbeitsmarkt auf der Angebotsseite wesentlich flexibler werden als er es heute ist. Wir brauchen mehr flexible Beschäftigungsmodelle, wie beispielsweise gleitende Arbeitszeiten oder Tele-Arbeit. Mütter, die wieder Lust haben, zu arbeiten, aber sich und ihrem Kind noch keinen Acht-Stunden-Job mit den entsprechenden Fahrzeiten zumuten können, sollten mit entsprechenden Angeboten versorgt werden.

#

„Wir möchten neue Standards in der Arbeitspraxis setzen und gehendavon aus, dass diese dann auch in die Wettbewerbssphäre ausstrahlen.“

Sind hier eher der Gesetzgeber oder die Firmen gefragt?

Es geht nur mit beiden. Auf beiden Seiten sehe ich noch viel Entwicklungspotenzial. Von Seiten des Staates eröffnen wir gerade landesweit Zentren für Karriere und Familie. In diesen können junge Mütter, die gerne wieder arbeiten (aber in einem flexiblen Form) möchten, Ratschläge und Hilfe bekommen. Und natürlich ist in allen Zentren für die Kinderbetreuung gesorgt. Ebenso dafür, dass eine Mutter dort ihr Kind füttern kann. Bis jetzt gibt es bereits mehr als 71 dieser Zentren, vor allem im ländlichen Raum. Diese Zentren bieten auch Informationen bezüglich Umschulungsmöglichkeiten und helfen bei der Vermittlung von familienfreundlichen Arbeitsplätzen. Firmen mit entsprechenden Arbeitsplatzangeboten können sich bei diesen Zentren melden und ihre Angebote registrieren lassen. Die Mitarbeiter der Zentren gehen aber auch proaktiv auf die Firmen zu.


Was bieten sie den Firmen?

Sie bieten ihnen Trainings an und informieren sie über diverse Möglichkeiten der Schaffung von familienfreundlichen Arbeitsplatzangeboten. Wir haben nämlich gemerkt, dass die Firmen vielfach nicht genau im Bilde darüber sind, wie solche Angebote aussehen können und wie gut sie sich in die Abläufe bei der Firma einbauen lassen. Wenig beachtet wird bisher in Ungarn unter anderem das Job-Sharing, also die Möglichkeit, dass sich zwei Teilzeitkräfte einen Vollzeitarbeitsplatz teilen. Es gibt viele gute Modelle, die allerdings noch nicht sehr verbreitet sind. Zum Teil, weil sie noch relativ unbekannt sind, teilweise aber auch, weil es noch immer zu viele Vorurteile und falsche Vorstellungen gibt. So besteht etwa die Vorstellung, dass solche Arbeitsverhältnisse zu kompliziert oder zu teuer, oder zu schwer mit dem bisherigen betrieblichen Alltag zu vereinbaren sind. Es ist aber auch eine Mentalitätsfrage. Damit sich flexible Arbeitsverhältnisse im Alltag bewähren und es nicht zu Frust auf beiden Seiten kommt, bedarf es auch mehr Vertrauen. Hier sehe ich in Ungarn noch immer gewisse Defizite. Wir vertrauen uns noch nicht genug. Daher wird immer noch sehr stark darauf gesetzt, dass die Arbeitnehmer, selbst Tätigkeiten, die sie zuhause genauso gut oder gar besser erledigen könnten, lieber für den Vorgesetzten sichtbar an ihrem Arbeitsplatz in der Firma erledigen. So eine Einstellung ist natürlich zutiefst kontraproduktiv für die Schaffung von alternativen Arbeitsmodellen. Wir brauchen hier ein neues Mindset.


Was kann der Staat hier außer Appellen an die Arbeitgeber tun?

Etwa mit gutem Beispiel vorangehen, schließlich ist auch der Staat ein großer Arbeitgeber. Demnächst werden wir uns gemeinsam mit Ministerin Andrea Bártfai-Mager mit den Leitern der großen Staatsunternehmen zusammensetzen. Dabei werden wir uns anschauen, welche Praktiken wir dort exemplarisch einführen können. Am eigenen Beispiel wollen wir zeigen, wie und dass solche Modelle funktionieren. Wir möchten neue Standards in der Arbeitspraxis setzen und gehen davon aus, dass diese dann auch in die Wettbewerbssphäre ausstrahlen. Wir gehen davon aus, dass sich die Familienfreundlichkeit von Unternehmen immer mehr zu einem Wettbewerbsvorteil entwickeln wird und unsere Beispiele recht schnell ausstrahlen werden. Viele deutsche Firmen, die in Ungarn aktiv sind, sind in Sachen Familienfreundlichkeit übrigens schon jetzt beispielgebend. Ich kann mir gut gemeinsame Initiativen mit diesen Firmen vorstellen. Der Arbeitskräftemangel ist in Ungarn ein immer größeres Problem. Wir werden nicht umhin können, jedes Potenzial für dessen Linderung zu aktivieren. Dazu zählen auch die jungen, beruflich inaktiven Frauen, die bei entsprechenden Angeboten sofort auf den Arbeitsmarkt zurückkehren würden.


Kürzlich waren Sie Mitglied einer hochrangigen ungarischen Delegation, die zu politischen Gesprächen in Berlin weilte. Wie war die Gesprächsatmosphäre?

Die Atmosphäre war sehr positiv. Wir wurden sehr herzlich von hochrangigen Politikern wie etwa dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder und der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer empfangen. Es gab viele interessante Treffen. Bei diesen wurde immer wieder ein starkes, beiderseitiges Interesse an einer zukünftigen, noch engeren Zusammenarbeit bekundet. Das Ziel unserer beiden Volksparteien ist ein starkes Europa. Wir haben beschlossen, uns in Zukunft regelmäßiger zu treffen, um uns persönlich austauschen und mögliche Missverständnisse ausräumen zu können. Diese können ganz leicht entstehen, wenn sich Leute ausschließlich durch Medien ein Bild über das jeweils andere Land machen. Statt der indirekten Kommunikation durch die Medien sollten wir vielmehr den direkten Weg nutzen. Gute Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschland sind ausgesprochen wichtig. Wir Ungarn schätzen die Deutschen sehr und in Ungarn hat Deutschland ein sehr positives Image. Hoffentlich wird das Image von Ungarn in Deutschland bald wieder so gut wie es früher einmal war!

Nach dem Erwerb ihres Wirtschaftsdiploms der Budapester Corvinus-Universität, 2001, arbeitete Katalin Novák zunächst bis 2012 in verschiedenen Positionen im Außenministerium. Von 2012 bis 2014 war sie im EMMI-Ministerium als Kabinettchefin des Ministers tätig. Seit 2014 ist sie im EMMI-Ministerium als Staatssekretärin für Familien- und Jugendfragen tätig. Im November 2017 wurde sie Vize-Vorsitzende des Fidesz. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Szemrevaló Fesztivál / Sehenswert-Festival 2018

Vergangenheit und Gegenwart auf die Leinwand gebannt

Geschrieben von Katrin Holtz

Kaum geht in Miskolc das internationale Filmfestival Jameson CineFest zu Ende, schon steht das…

Die Letzte Seite: Memes zum Sargentini-Bericht

Die Steilvorlage

Geschrieben von EKG

Seien wir ehrlich, das Ergebnis der Abstimmung am Mittwoch vergangener Woche war trotz allem…

Konferenz über die Bekämpfung von Fluchtursachen

Dramatische Zunahme der Christenverfolgung

Geschrieben von Maximilian Heinz

„Religionsfreiheit und Entwicklungszusammenarbeit zum Abbau von Fluchtursachen“ war das Thema einer…