Deutschland ist Ungarns bedeutendster Wirtschaftspartner, viele deutsche Unternehmen sind hier ansässig. In der ungarischen Geschäftswelt sind daher Deutschkenntnisse von Vorteil. Neben Englisch versteht sich. „Englisch ist ein Muss und Deutsch ein Plus“, sagt Ágnes Zsóka. Die Ungarin ist Leiterin des deutschsprachigen Studiengangs (DSG) in Betriebswirtschaftslehre an der Budapester Corvinus-Universität. Seit bereits 25 Jahren können Studierende der Budapester Universität, deren Schwerpunkt im Bereich der Wirtschaftswissenschaften liegt, Kurse und Vorlesungen auf Deutsch besuchen und dafür Zertifikate erlangen.

Und das Angebot dieser Zusatzqualifikation wird rege angenommen: Mittlerweile haben mehr als 550 Studierende den DSG mit Zeugnis absolviert. Tausende Weitere haben einzelne deutschsprachige Vorlesungen besucht. Viele Studenten würden das Angebot auch wahrnehmen, um einzelne Kurse zu absolvieren, bei deren Abschluss sie schriftliche Leistungsnachweise erhielten „Das ist ein zusätzlicher Wert, den sie auch vorzeigen können“, erklärt Zsóka. Ihre spürbare Begeisterung für den Studiengang, den sie seit 2016 leitet, wurzelt auch in ihrer eigenen Erfahrung. Ágnes Zsóka war eine der acht ersten Teilnehmenden an jenen Wirtschaftskursen, die im Rahmen eines Pilotprojekts auf Deutsch angeboten wurden. Das war im Jahr 1992.

Vom kleinen Projekt zum etablierten Studienprogramm

Ihre Vorgängerin in der Rolle der Leiterin des Studiengangs, Judit Simon, war damals Marketing-Dozentin an der Universität. In den 80ern, als die Institution noch den Namen Karl-Marx-Universität für Wirtschaftswissenschaften trug, besuchte Simon die Uni Passau und baute dort Kontakte auf. Insbesondere mit dem Passauer Marketing-Professor Helmut Schmalen entwickelte Simon die Idee eines gemeinsamen Projekts, bei dem Vorlesungen in Budapest auf Deutsch gehalten werden sollten, auch von Dozenten aus Passau. Dem Pilotprojekt, welches das generelle Interesse unter Studierenden prüfen sollte, folgte 1993 die offizielle Gründung des deutschsprachigen Studiengangs. Im zweiten und dritten Jahr nahmen 15, dann 20 Studierende am DSG teil, erinnert sich Simon. „Heute gibt es in manchen Kursen bis zu hundert Studentinnen und Studenten.“

Die Gründungsdirektorin ist zu Recht stolz auf ihr Programm, das zunächst als kleines Projekt begann und von vielen auch als solches betrachtet wurde. „Die Unileitung wollte erst einmal abwarten, ob es weiterläuft oder ein einmaliges Seminar ist, bevor sie uns unterstützt“, erinnert sich Simon. „Man kann schon sagen, dass es eine lange Reise war.“ Das habe auch daran gelegen, dass nach der Wende die englische Sprache in der Geschäftswelt rasch dominanter wurde, erklärt die Ungarin. „Das entwickelte sich so schnell und intensiv, dass es nicht immer so leicht war, unsere Vorschläge durchzukriegen.“

Unter den Studierenden erkannten einige schon früh die Chancen, die ein Wirtschaftsstudiengang auf Deutsch für sie besitzen könnte. „Sehr viele von uns hatten als erste Fremdsprache in der Schule Deutsch gehabt“, erinnert sich Zsóka. Bereits erlangte Sprachkenntnisse im Studium verwenden zu können, hielt sie für eine wunderbare Idee. Ihre Teilnahme an dem Pilotprojekt und den anschließenden Semestern im DSG habe sie als einzigartige Erfahrung in Erinnerung. „Es gab überhaupt nichts Vergleichbares“, so die heutige DSG-Direktorin. Sie habe die Arbeit in besonders kleinen Gruppen genossen, den persönlichen Austausch, das Gefühl, Teil einer überschaubaren Gemeinschaft in der sonst so großen Universität zu sein. Später wurde sie selbst Dozentin und folgte vor zwei Jahren schließlich Simon auf die Stelle der Direktorin des DSG.

DSG-Bachelor oder Doppelmaster

Neben den Lehrveranstaltungen, die ausschließlich auf Deutsch stattfinden, werden regelmäßige Blockveranstaltungen organisiert, bei der die Ungarn von Dozenten aus Passau besucht werden. Nicht zuletzt durch das Verwenden deutscher Textbücher wird in dem Studiengang die Fachsprache gleich mitgelernt.

Seit seiner Gründung durchlief der Studiengang einige Entwicklungen. Vom Diplomstudiengang wechselte man dem Bologna-Prozess entsprechend zu Bachelor- und Masterstudiengängen. Heute muss man für ein DSG-Bachelor-Zertifikat zehn deutschsprachige Vorlesungen von ungarischen und deutschen Dozenten besuchen. Das Zertifikat erhält man als Ergänzung zum regulären Bachelorabschluss. Am heutigen Doppelmasterprogramm können sowohl Corvinus-Studierende als auch Studierende aus Passau teilnehmen. „So ist nun auch das Bilaterale in der Zusammenarbeit richtig gegeben“, erklärt Zsóka. Für den Doppelmaster, bei dem man am Ende zwei Masterabschlüsse aus beiden Universitäten erhält, muss man 60 ECTS-Punkte an beiden Unis erlangen. Während sich im Bachelorjahrgang mittlerweile jedoch zwischen 200 und 250 Studierende befinden, nehmen den Master erst etwa zehn Studenten im Jahr wahr.

Um für das Studium an der renommierten Corvinus-Universität angenommen zu werden, braucht man einen sehr guten Schulabschluss. Wer die Immatrikulation an der Wirtschaftsuniversität erlangt hat, braucht dann bloß noch einen Nachweis für gute Deutschkenntnisse, um in den DSG aufgenommen zu werden.

Der Weg zu deutschen Firmen

Studierende des DSG erlernen bereits einige spezifisch deutsche Fachkenntnisse, erklärt Simon. „Was bei Unternehmen immer sehr gefragt ist, sind die Kostenrechnungskenntnisse.“ Die Regeln zur Kostenrechnung seien für Deutschland und Ungarn unterschiedlich; deutsche Firmen zögen natürlich Bewerber mit Kenntnissen in dem Bereich vor. „Wer bei uns studiert hat, hat viel bessere Chancen, bei einer deutschen Firma angestellt zu werden“, sagt Zsóka. „Die deutschen Firmen kennen und schätzen uns. Wenn ein Student sagt, dass er im DSG studiert hat, dann fragen die meisten Unternehmen inzwischen nicht mehr, was der DSG ist.“

Und das gilt neben deutschen Firmen offenbar auch für Schweizer und österreichische Unternehmen. Absolventen des DSG der Corvinus-Universität arbeiten mittlerweile bei Bosch, KPMG, der Commerzbank, BASF, SAP und Mercedes, haben Ämter als Vorstandsvorsitzende, Verkaufsdirektoren oder Geschäftsführer inne. „Treffen mit den Alumni des DSG sind natürlich immer besonders motivierend für die Studierenden“, sagt Zsóka. Voriges Jahr wurde ein Beirat des DSG aus einigen dieser Firmen gegründet. Von den Firmen kämen vor allem Gastvorträge aus der Praxis, die Einladung zu Firmenbesuchen oder Fallstudien, erklärt die DSG-Direktorin. Auch profitiere der Studiengang von den Firmen durch Praktikumsmöglichkeiten und gelegentliche Stipendien.

Die Stipendien der Wirtschaftskontakte reichen jedoch bei Weitem nicht zur Finanzierung des DSG, erklären Zsóka und Simon. Während einige Stipendien von Erasmus gezahlt werden, werden Reise- und Aufenthaltskosten der Dozenten und Studierenden, Lehrbücher, und auch ein Fachlektor seit vielen Jahren durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mitfinanziert. „Die Förderung durch den DAAD war immer sehr wichtig“, unterstreicht Simon.

Sie hofft deshalb in der Zukunft auch auf weitere Förderungen. Die bisherige lange Förderung hätten sie wohl auch der Tatsache zu verdanken, dass sie sehr innovativ seien. Um ständige Weiterentwicklungen wollen sie sich deshalb auch in Zukunft bemühen, erklärt Zsóka.

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