Es ist jetzt knapp drei Monate her, dass Melinda Sipos mit ihrem Ligeti Bolt (ungarisch wortwörtlich Parkladen) am neuen Standort im Budapester XIII. Bezirk die Ladentüren öffnete und langsam beginnt das Geschäft ins Laufen zu kommen. Mehr und mehr Kunden finden ihren Weg in den im Souterrain gelegenen Laden, der auf den ersten Blick an ein Süßwarengeschäft erinnert. Und zwar deshalb, weil die transparenten Spender, sogenannte „Bulk bins“, die sich hier fein säuberlich nebeneinander reihen, den meisten heutzutage nur aus diesem Kontext bekannt sein dürften. Doch statt roten, grünen und gelben Gummitieren und Zuckerkügelchen sorgen hier Linsen, Nüsse, Samen, Couscous und Kichererbsen für eine natürlich bunte Farbpalette.

Doch für die Kunden des Ligeti Bolt ist nicht die Optik wichtig, sondern, dass sie mit ihrem Einkauf einen Beitrag zum Umweltschutz und zum bewussten Umgang mit Ressourcen leisten: Müll vermeiden, indem man auf Einwegverpackungen aus Plastik verzichtet, so die Idee.

Das Leben ohne Müll

Und die ist keineswegs neu. Dass in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft Müll schnell zum Problem wird, erkannte man bereits vor Jahrzehnten. Schon 1992 wurde in einem Aktionsprogramm der Vereinten Nationen das Ziel formuliert, im Sinne der Nachhaltigkeit und durch gezielte Politik auf Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten einzuwirken, um Müllberge zu vermeiden. Mit wenig Erfolg. 2002 formulierte mit der Gründung der Zero Waste International Alliance erstmals auch eine von den Konsumenten selbst ausgehende Bewegung ihre Ziele; nämlich einen Lebensstil zu promoten, bei dem Abfälle im Alltag systematisch vermieden werden. Ressourcen sollen geschont und zurückgewonnen werden, statt in Brennöfen oder Deponien zu verschwinden. In diesem Umfeld entstanden auch die ersten Unverpackt-Läden.

Die Ursprünge des Konzepts sind auch im Ligeti Bolt sichtbar: An einer Wand steht in großen Lettern „Refuse, reuse, recycle, rot“, zu Deutsch „Vermeiden, wiederverwenden, recyceln, kompostieren“ – das Mantra der Zero-Waste-Bewegung.

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Die Inspiration für die Eröffnung eines Lebensmittelgeschäftes, das fast gänzlich auf Verpackungsmittel verzichtet, erhielt Melinda Sipos von Bea Johnson, einer der prominentesten Gesichter der Zero-Waste-Bewegung. 2010 begann Johnson ihre Erfahrungen und Tipps für einen nachhaltigen Lebensstil auf ihrem Blog „Zero Waste Home“ zu veröffentlichen. Das 2013 daraus entstandene Buch „Glücklich leben ohne Müll! Reduziere deinen Müll und vereinfache dein Leben“ machte die in den USA lebende Französin zur Bestsellerautorin. Auch auf Sipos machte diese Ratgeberlektüre einen nachhaltigen Eindruck: „Das erste Mal habe ich über Johnson und den Zero-Waste-Lebenstil in einem Video gehört. Das war Anfang 2016. Später habe ich dann auch ihr Buch gelesen. Natürlich habe ich schon immer recycelt, aber ich habe mich gefragt, was kann ich tun, um zur Müllvermeidung beizutragen.“

Von Piliscsaba nach Budapest

Nur ein Jahr zuvor eröffnete in Budaörs mit dem NoPack Ungarns erster verpackungsfreier Laden. „Natürlich habe auch ich dem NoPack einen Besuch abgestattet. Ich fand die Idee gelungen, allerdings war mir die Auswahl zu gering.“ Sipos begann, sich nach Möglichkeiten umzusehen, ihren eigenen verpackungsfreien Laden zu eröffnen. Die ehemals im Bereich Logistik und Verkauf tätige Angestellte fand diese in ihrer Heimatstadt Piliscsaba, nur 25 Kilometer von Budapest entfernt. Hier eröffnete sie bereits 2017 einen verpackungsfreien Laden, schon damals unter dem Namen Ligeti Bolt.

Doch schon wurde Sipos klar, dass es vom NoPack, der Laden machte 2017 zu, noch eine zweite Lektion zu lernen gab. Um möglichst viele Menschen vom Einkauf im verpackungsfreien Laden zu überzeugen, braucht es nicht nur ein umfangreicheres Sortiment, sondern auch einen gut erreichbaren Standort. Nicht einmal dem Planeten zuliebe würden die Budapester eine Anfahrt von 25 Kilometer für Nudeln, Linsen und Mehl in Kauf nehmen und mit knapp über 8.000 Einwohnern bot Piliscsaba nicht genügend Käuferpotenzial für – trotz steigender Beliebtheit – ein Nischenangebot wie dieses. Und so beschloss Sipos mit ihrem Laden in die ungarische Hauptstadt umzuziehen, in die Kresz Géza utca.

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„So nah zum Westbahnhof, mitsamt seinen Metro-, Tram- und Busstationen sind wir verkehrstechnisch super angebunden“, beschreibt Sipos. Dass das tatsächlich für den zukünftigen Erfolg des Ladens entscheidend sein könnte, zeigt sich daran, dass es kaum Anwohner der umliegenden Straßen sind, die sich in das Ligeti Bolt verirren. „Die wissen oft gar nicht, dass wir hier sind“, scherzt eine von Sipos’ Verkäuferinnen. „Wer zu uns kommt, tut dies, weil er über uns gelesen hat und daran interessiert ist, nachhaltiger zu leben“, ist sich Sipos sicher.

Und so funktioniert das Einkaufen im Ligeti Bolt

Der erste Einkauf im Ligeti Bolt ist ein besonderes Erlebnis, anders als im Supermarkt, wo Produkte bereits fertig abgefüllt in den Regalen warten oder am Gemüsestand Plastiktüten zur Verfügung stehen, bringt man hier seine eigenen Behälter von Zuhause mit. Diese werden am Verkaufstresen zunächst abgewogen und ihr Leergewicht wird notiert. Jetzt geht der eigentliche Spaß los. Es kann aus zahlreichen Produkten ausgewählt werden: vom Mehl aus Getreide, aus Mais oder sogar aus Kürbiskernen über Linsen, Bohnen, Kichererbsen, getrocknete Früchte und Granola in verschiedenen Geschmacksrichtungen bis hin zu Honig sowie kalt gepresstem Oliven- und Sonnenblumenöl. Alles ist unverpackt. Bedienen darf sich jeder selbst.

Ein anderer Aspekt, der im Ligeti Bolt zur Müllvermeidung beiträgt, ist, dass sich jeder genau so viel nehmen kann, wie er braucht: „Man ist nicht mehr an bestimmte Füllmengen gebunden, die man vielleicht niemals aufbrauchen könnte. So landen am Ende weniger Lebensmittel im Müll“, schätzt Melinda Sipos.

Und natürlich gibt es im Ligeti Bolt auch Nudeln in verschiedensten Formen und Farben. Am Spender stehen die jeweiligen Kilopreise. Erwartungsgemäß sind die Waren vergleichsweise teuer, da Sipos für ihren kleinen Laden nicht zu den gleichen günstigen Konditionen einkaufen kann wie die Großmärkte. Andererseits liegen sie preislich sogar noch unter der Premiumkategorie im Supermarkt, sind also durchaus noch erschwinglich. Dafür sind die meisten Produkte bio und häufig aus lokaler Herstellung. Die Nudeln, die im Ligeti Bolt angeboten werden, stammen beispielsweise aus der Pastamanufaktur Óföldeák, die im Süden des Landes bereits seit 1988 Teigwaren nach traditionellem Rezept produziert.

Auch wenn Sipos versucht, so viele Waren wie möglich unverpackt zu verkaufen, stößt sie an mancher Stelle doch an die Grenzen des Möglichen. Marmeladen, Säfte, Milch und Joghurts, die ebenfalls im Laden angeboten werden, werden aus Hygienegründen, und weil sie leicht verderblich sind, in Gläsern und Flaschen abgefüllt verkauft.

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Zum Angebot des Ladens gehören aber auch Naturkosmetik und umweltfreundliche Reinigungsprodukte wie beispielsweise ein auf Sodiumkarbonat basierendes Waschmittel. Ein kleines Highlight sind auch die mit bunten Motiven bedruckten wiederverwendbaren Sandwich-Wrapper der Marke Cibi – eine praktische und noch dazu modische Alternative zu Alu- und Frischhaltefolie.

Ein erster Schritt

Melinda Sipos plant, ihr Sortiment in Zukunft noch mehr zu erweitern: „Wir versuchen möglichst auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen. Aufgrund der Nachfrage schaue ich mich beispielsweise derzeit verstärkt nach glutenfreien Produkten um, die wir in unser Angebot aufnehmen können“, verrät Melinda Sipos. Doch schon jetzt bietet das Ligeti Bolt weit über 100 verschiedene Produkte an.

Hat man schließlich Nudeln, Mehl und andere Waren des täglichen Bedarfs in seine Tupperdosen und Einmachgläser gefüllt, geht es zurück an die Kasse zum erneuten Wiegen. Das Leergewicht wird abgezogen und der Endpreis berechnet. Bezahlt werden kann nicht nur mit Bargeld, sondern natürlich auch mit Karte.

Wer sich nach dem aufregenden Einkauf etwas ermattet fühlt, kann im hauseigenen Café noch schnell ein Stück veganen Paleokuchen probieren und einen aromatischen Kaffee trinken.

Sipos ist sich darüber im Klaren, dass ihre Unternehmung ein gewisses Risiko birgt, noch ist nicht klar, ob sich verpackungsfreie Läden wie der ihre am freien Markt wirklich dauerhaft durchsetzen können, noch dazu in Ungarn, wo die Bewegung noch immer am Anfang steht. Neben ihrem Laden in Budapest gibt es ihres Wissens nach derzeit nur einen weiteren verpackungsfreien Laden in Ungarn, in Debrecen. Doch die Unternehmerin sieht es gelassen und mit einer gehörigen Portion Idealismus: „Wenn man etwas verändern will in der Welt, muss schließlich einer den ersten Schritt machen.“


Ligeti Bolt

Budapest, XIII. Bezirk, Kresz Géza utca 21

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Samstag 8.30 bis 13 Uhr

Anfragen unter (+36-30 312-5841

Weitere Informationen auf www.csomagolasmentes.hu

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Weitere Einkaufstipps für Zero-Waste-Enthusiasten:


Natürlich ist eine der auf der Hand liegenden Möglichkeiten, Müll schon beim Einkauf zu vermeiden, möglichst auf unverarbeitete Lebensmittel zurückzugreifen. Allen voran frisches Obst und Gemüse, die lassen sich auch in den meisten Supermärkten oft ohne jede Verpackung erwerben – auch wenn man dafür so manchen schrägen Blick erntet. Weitaus flexibler sind hier die Verkäuferinnen an den Ständen in den zahlreichen Markthallen Budapests. Hier erhält man nicht nur Obst und Gemüse verpackungsfrei, sondern häufig auch sauer Eingelegtes und Milchprodukte, sofern man ein eigenes Behältnis mitbringt.


Ein Laden, der sich offiziell zwar nicht mit dem Label „verpackungsfrei“ schmückt, aber durchaus einen Platz in dieser Kategorie verdient, ist das deutsche Franchise-Unternehmen Vom Fass. Dieses unterhält auch in Budapest zwei Filialen (II. Bezirk, Lövőház utca 2-6 und XIII. Bezirk, Szent István park 20a). Hier finden Sie Essig, Öl, Wein und Spirituosen und zwar wie der Name suggeriert nicht in kleine Flaschen vorabgepackt, sondern „vom Fass“. Man kann zwar auch vor Ort schön gestaltete Flaschen kaufen, aber eben auch von daheim sein eigenes Gefäß zum Befüllen mitbringen.


Auch verschiedene Designer haben bereits den Trend zum nachhaltigen Lebensmitteleinkauf aufgegriffen. Kleine ungarische Labels wie Réthy Fashion (rethy-fashion.com), The Sorting Bag (www.facebook.com/thesortingbags) oder MorZsák (www.facebook.com/MorZsák-171630510124881/) bieten eine bunte Auswahl an wiederverwendbaren und schön gestalteten Stoffbeutelchen für den verpackungsfreien Einkauf an.


Sie haben sich vorgenommen, nachhaltiger zu leben? Fangen Sie doch gleich im Juli damit an. Der Hochsommermonat steht ganz im Zeichen der Müllvermeidung. Mit ihrer Aktion „Plasticfree July“, bei der Menschen und Unternehmen einen Monat lang freiwillig auf Einwegplastik aller Art verzichten sollen, seien es Strohhalme, Trinkbecher oder Einkaufstüten, will eine australische NGO ein weltweites Zeichen setzen. Auch in Budapest gibt es zahlreiche Teilnehmer, darunter Restaurants und Bars wie das Larus Étterem, das HILDA, das Kőleves und das Jardinette.

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