Nach dem verheerenden Ergebnis der Parlamentswahlen am 8. April kam die Jobbik einfach nicht zur Ruhe. Gábor Vona war nach der Niederlage als Vorsitzender zurückgetreten und gab auch sein Mandat zurück. Seitdem verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen dem gemäßigten und dem extremen Flügel und führten letztlich zum offenen Bruch.

Lieber NER als Zusammenarbeit mit den Linken

Schon vor einigen Wochen hatten der für seine extremen Ansichten bekannte Bürgermeister des Grenzdörfchens Ásotthalom, László Toroczkai, und die ebenfalls zum extremen Flügel gehörende Dóra Dúró eine Plattform innerhalb der Jobbik gründen wollen, dies führte jedoch zum Ausschluss Toroczkais. Daraufhin gründete dieser eine Bewegung, die sich am vergangenen Wochenende im Beisein von rund tausend Menschen offiziell zur Partei „Unsere Heimat“ (ung.: Mi Hazánk) formierte.

„Die Partei zerbricht, aber unsere Weltanschauung bleibt”, begann Előd Novák, ein weiterer Überläufer aus der Jobbik und Ehemann Dóra Dúros, seine Rede in Ásotthalom. Außer ihm waren weitere 50 Bürgermeister anwesend, die ebenfalls jüngst aus der Jobbik ausgetreten waren. Dem Nachrichtenportal index.hu gelang es vor Ort, mit mehreren von ihnen zu sprechen. Viele gaben an, dass es nicht die Bemühungen der Jobbik, sich zur Volkspartei zu mausern, gewesen seien, die zum Austritt führten, sondern der Wille der Partei, mit linken Parteien zusammenzuarbeiten. Wie ein Teilnehmer gegenüber Index sagte: „Lieber lebe ich hundert Jahre im „NER“ (Anm.: dem System der Nationalen Zusammenarbeit – ein vom Fidesz geprägter Begriff für das neue Gesellschaftssystem in Ungarn), als Gyurcsány und die Seinen noch mal in die Nähe der Macht gelangen zu lassen.”

Andere Parteiaussteiger gaben an, sie hätten das Gefühl gehabt, die Jobbik entscheide nicht anhand eigener Überzeugungen, sondern einfach nur gegen den Fidesz. Doch auch in der machiavellistischen Einstellung der Parteiführung, alles für die Machterlangung zu tun, sehen einige keinen guten Weg. Ein Teilnehmer der Veranstaltung fand deutliche Worte: „Der Fidesz ist der lebende Beweis dafür, dass man mit radikalen Ansichten sehr wohl viele Stimmen erhalten kann. Deswegen war es Blödsinn, sich mit der Partei davon wegzubewegen.”

Das will „Unsere Heimat“

Die Richtung der neuen Partei war spätestens bei der Rede von Dóra Dúró klar zu erkennen: „Wir fürchten uns nicht, die christliche und ungarische Kultur zu verteidigen”, begann diese ihr Plädoyer für eine neue Bewegung. Spontaner Applaus brach los, als sie davon sprach, wie wichtig es sei, den „Konflikt zwischen Ungarn und Roma“ anzugehen. Auch László Toroczkai benannte dies als eines der drängendsten Themen, denn, so Toroczkai: „Während es immer weniger Ungarn gibt, hat sich die Zahl der Zigeuner verdoppelt. Mit dieser Frage beschäftigt sich niemand.” Doch auch weitere Probleme seien anzugehen.

Der Bevölkerungsrückgang durch die demografische Entwicklung und die Auswanderung müssen bekämpft werden. Damit einher gehe der Kampf um mehr Arbeitskräfte. Auch die Islamisierung in Ungarn mache Toroczkai Sorgen. So habe der Politiker selbst mit vielen Flüchtlingen gesprochen, die ihm bestätigt hätten, dass auch Ungarn ein guter Platz zum Leben für sie sei. Toroczkai bezeichnete daraufhin die ungarische Tradition des Schweineschlachtens als eine politische Geste. Das Ziel der nun gegründeten Partei sei es, Ungarn zu einer „weißen Insel” innerhalb Europas zu machen. Hierbei erhoffe man sich unter anderem Hilfe von der paramilitärischen Nachfolgeorganisation der verbotenen Ungarischen Garde, den 64 Gespanschaften.

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