Interessant, dass niemand weiß, was eigentlich geschehen wird. Sicher ist nur, dass die MTA als eigenständige Institution geschwächt werden soll und der neue Minister für Innovation und Technologie, László Palkovics, Herr über einen immer größeren Misthaufen wird. Aber was genau dies bedeutet, weiß heute noch niemand.

Es ist krass und sagt viel über die heutige Welt aus, dass man so einen Vorschlag scheinbar spontan einwirft und die Betroffenen nur nebenher informiert werden. Aber nur über irgendetwas, über den eigentlichen Inhalt jedoch nicht. Was man hier sehen muss, ist, dass die Akademie kein homogenes Institut ist, sondern im Grunde genommen über mehrere unterschiedliche Organisationsstrukturen verfügt. Hier ist nicht nur der Klub der Akademiker beheimatet, in dem wissenschaftlich verdiente alte Herren zusammenkommen, sondern hier kommt auch Ungarns größte Forschungsgemeinschaft zusammen, in der ebenso Forscher jeder Altersgruppe arbeiten. Die Zeichen deuten darauf hin, dass die Änderungen nun vor allem die letztgenannte Struktur betreffen werden. Man weiß nur nicht wie.

Zeit der existenziellen Unsicherheit

Wird die Akademie vom Ministerium übernommen? Wird sie umorganisiert? Wird es Entlassungen geben? Wird sie eventuell an die Universitäten angegliedert? Wird sie aufgelöst? Wird sie ab jetzt von einer Hand gesteuert oder bleibt doch ein Stück Autonomie erhalten? Wird das Geld mehr oder weniger?

Die Vergangenheit lässt vermuten, dass auch radikale Schritte folgen könnten, aber es kann auch sein, dass die Veränderungen langsam, zögerlich und in kleinen Schritten kommen werden. Oder es bleibt alles beim Alten. Auf alle Fälle ist für Tausende von Menschen eine Zeit der existenziellen Unsicherheit gekommen.

Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben, das Ganze schadet der Akademie, einer Institution, die sich gelegentlich leise Gefechte mit der Regierung leistete und deren Leiter über ein ungewöhnlich hohes Maß an Unabhängigkeit verfügte.

Sicher ist, dass die Regierung das Forschungsnetzwerk nicht mag, insbesondere die Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler nicht. Für sie sind dies oppositionelle Schlangennester. Die Institute sind noch dazu renitent in der Causa CEU. Es wäre zwar stark übertrieben hier von linken Zufluchtsorten zu sprechen, aber sicher ist, es gibt in ihnen mehr desillusionierte Konservative als überzeugte Regierungsanhänger. Zudem sind sie international verknüpft, wenn auch nicht so stark wie die CEU. Und dann gibt es da auch noch die naturwissenschaftlichen Institute, die sich sicher nicht für die mit der Umstrukturierung einhergehenden Unannehmlichkeiten und das zunehmende Ausgeliefertsein begeistern werden, obwohl sie politisch vollkommen neutral sind.

Es ist möglich, dass das Ganze wirklich eher eine fachpolitische als eine machtpolitische Angelegenheit ist. Vielleicht zeigt sich hier der Widerstand gegen die Grundlagenforschung, vielleicht aber auch der Anti-Intellektualismus der Regierung, der sich auch auf anderen Gebieten manifestiert. Aber das ist letztlich auch egal, denn die Regierung tut nichts, ohne dass sie nicht, wenn auch nur nebenbei, versuchen würde, sich bestehende Autonomien und lokale Machtzentren einzuverleiben. Der Akademie wird es nicht anders ergehen, schließlich gibt es hier ein wenig Geld, internationale Kontakte und mehrere Tausend Menschen.

Wenig Mitgefühl aus der Gesellschaft

Zwei interessante Dinge noch zum Schluss: In meinem Bekanntenkreis und auf Facebook begegnen mir vor allem kühle Distanz, etwas Schadenfreude, aber auch eine „Mal abwarten, was kommt”-Stimmung, Mitgefühl eher weniger. Dies kann viele Gründe haben. Ich glaube, diese „Es wird schon nichts passieren”-Haltung ist der Versuch, die eigene Seele nach dem neuerlichen Zwei-Drittel-Schock zu schützen. Aber auch die widerlichen, schmutzigen Lügen sind überraschend zahlreich im Netz. Ich weiß nicht, wie viel davon Trollen zuzuschreiben und wie viel davon wirklich ehrliche Unwissenheit ist.

Auf alle Fälle nehme ich betrübt zur Kenntnis, dass, nachdem ich in den vergangenen Jahren für so viele Dinge demonstriert, so viele Petitionen geschrieben und so viele Pins angesteckt habe, ich nun relativ allein dazustehen scheine.

Einer meiner politisch wahrlich nicht unwissenden Freunde sagte mir zudem, der Kampf wäre vergebens und die Oppositionsparteien wären dämlich, sich hinter diese Sache zu stellen. So werde die Aufmerksamkeit bloß von wirklich wichtigen Dingen abgelenkt, und das nur, um einigen intellektuellen Freunden einen Gefallen zu tun. Möglich, dass er recht hat. Dennoch fällt es mir schwer, diese Angelegenheit aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Auf meine eigenen existenziellen Probleme blicke ich nun mal nur ungern von einem höheren, strategischen Standpunkt aus. (...)

Um ehrlich zu sein, mir sind die Motivation und die strategischen Überlegungen hinter diesen Vorgängen schleierhaft. Möglich, dass es einen Masterplan gibt – vielleicht auch nicht.

Sicher ist, dass gegen die uneingeschränkte verfassungsgebende Macht nur wenig Konkretes getan werden kann. Aber vielleicht ist auch deswegen die Rolle von symbolischen Gesten größer.

Ich jedenfalls stimme József Antall (Anm.: Ministerpräsident der ersten frei gewählten Regierung Ungarns nach der politischen Wende) zu, der einmal sagte: „Es gibt historische Situationen, in denen es nicht einmal mehr den letzten Strohhalm gibt, in denen die politische Moral den Vorrang erhält.”

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 16. Juni auf dem investigativen Nachrichtenportal merce.hu.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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