Bálint Kovács spricht mit ruhiger, freundlicher Stimme. Er scheint ausgeglichen, auch wenn der professionelle Halfpipe-Bauer und Geschäftsführer bei The Lab, einem Bekleidungsgeschäft für Streetwear, sich manchmal zwischen seinen Jobs zerreißt. Doch wenn er übers Boarden spricht, hellt sich seine Mine auf, das freundschaftliche Blitzen in den Augen wird zu einem leidenschaftlichen Feuer und fast möchte man ihn lieber über Skateboarding sprechen hören, als ihm dabei zuzusehen.

Streetskater aus Überzeugung

„In Ungarn gibt es rund Tausend Skater, davon sind vielleicht 100 bis 500 wirklich aktiv”, schätzt Bálint. Gemeint sind hier ausschließlich die „Oldschool Streetskater“, die mit ihren Boards waghalsige Tricks auf Treppengeländern und Stufen vollführen. Die Liste der möglichen Kunststücke ist fast endlos lang, grundsätzlich wird zwischen Ollies, Flips, Slides und Grindes sowie Grab Tricks unterschieden. Was man diesen Darbietungen sofort ansieht, ist, wie viel Körperbeherrschung und Konzentration sie abverlangen. Absprung, Landung, dazwischen vielleicht noch eine Drehung, Fußwechsel – die Variationen sind zahlreich und vor allem wahnsinnig sehenswert.

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Das gilt auch für Bálint, dessen ruhiges Wesen sich auch in seinem Boarding zeigt. Er vollführt Trick um Trick, ohne aus dem Tritt zu geraten, wechselt ohne Anzeichen von Anstrengung die Richtung, nur um erneut dem Hindernis entgegenzurollen. Man sieht ihm an, dass er schon länger auf dem Brett steht, das ihm die Welt bedeutet.

Bálint ist Streetskater aus Überzeugung, sein Spielplatz ist die Stadt: „Budapest ist auch im internationalen Vergleich eine ausgesprochen gute Stadt zum Skaten. Es gibt viele Spots, also Orte, an denen man Tricks üben kann und der Beton in der Stadt ist glatt. Man kann also ohne Probleme von Spot zu Spot skaten.”

Einer seiner Lieblingsspots liegt hinter der Großen Markthalle am Donauufer. Der Untergrund ist relativ eben, es gibt verschiedene Hindernisse, unter anderem ein Podest mit drei Stufen, und der Fußgängerverkehr ist überschaubar – perfekte Bedingungen also. Und noch einen Vorteil bietet der Spot nahe der Szabadság híd: Es gibt kaum Anwohner. Denn so sehenswert die Skater und ihre Tricks auch sind, die Boards verursachen jede Menge Lärm. Doch hier stört sich niemand daran, ab und an rollt ein Trollibus oder ein Sightseeing-Doppeldecker vorbei, ansonsten haben die Skater hier freie Bahn.

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Bálint und Kiki, ein relativer Neuling auf dem Board, genießen das. Von der Donau her weht eine leichte Brise, der Ausblick auf den Gellértberg ist atemberaubend. Die beiden Skater fahren immer wieder auf das Hindernis zu, springen hinauf, rutschen die Treppenkanten entlang, mal mit dem Ende des Brettes, dem Tail, mal auf beiden oder gar nur auf einer Achse. „Die Treppen werden dadurch etwas in Mitleidenschaft gezogen“, gibt Bálint zu, „aber wirklichen Schaden richten wir nicht an.” Tatsächlich sind Bálint und seine Freunde stets um ein friedliches Miteinander bemüht. Noch sind zwar relativ wenig Skater in Budapest unterwegs, aber das könnte sich demnächst ändern.

Skateboarding ab 2020 als olympische Disziplin

Schon bei der nächsten Olympiade wird Skateboarding als Disziplin dabei sein. Auch in Ungarn bemüht man sich nach Olympioniken Ausschau zu halten, „aber es gehört auch zum Image des Sports, dass Skateboarding eher eine Underground-Sportart ist.” Auch die Tatsache, dass es keine offiziellen Trainingsmöglichkeiten gibt, wird die Suche erschweren. „Diese Sportart findet einfach auf der Straße statt”, hält Bálint fest.

Bevor sich die Wellenreiter des Asphalts in den Großstadtdschungel stürzen, müssen noch Tricks geübt und perfektioniert werden. Dazu gibt es in Budapest neben dem Görzená-Park in Óbuda auch in Csepel die Möglichkeit. In solchen Skateparks gibt es Hindernisse und Bahnen, auf denen Elemente aus dem Stadtbild nachgebaut sind, auf denen dann geübt werden kann.

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Dass sich diese Subkultur bisher nicht wirklich durchzusetzen vermochte, verwundert. Denn Skateboarding gibt es schon seit Ende der 80er-Jahre in Ungarn, der erste wirkliche Skate-Laden, Zone, eröffnete 1994. „Das Zone gab der ganzen Kultur einen unheimlichen Schub, sie hatten damals sogar ein eigenes Team an Fahrern.” Dem Zone ist es nicht nur zu verdanken, dass auch der heimische Kleidungsmarkt endlich etwas für Skateboarder zu bieten hatte, auch der erste Skatepark geht auf dieses Geschäft zurück. „Dass das Streetskating hier in Ungarn seinen Anfang nahm und dass sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Skatern entwickeln konnte, ist für mich persönlich eindeutig mit dem Zone verbunden”, ist sich Bálint Kovács sicher.

Seitdem hat sich die Szene verändert und auch das Skaten selbst: „Budapest ist die perfekte Stadt für europäisches Streetskaten. Während in New York, der Heimat des Streetskating, Trick an Trick gereiht und kein Hindernis ausgelassen wird, hat sich in Europa ein anderer Stil etabliert. Wir skaten hier mehr, als würden wir cruisen. Natürlich machen wir Tricks, aber uns geht es mehr darum, im Fluss zu bleiben – und dafür bietet Budapest die besten Voraussetzungen, besser als London beispielsweise.” Was auch zur Folge hat, dass immer mehr ausländische Skater den Weg in die ungarische Hauptstadt finden, um hier beispielsweise mit der „Rios Crew“, einer Underground Skateboard-Crew zu fahren.

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Rundherum auftanken

Und noch ein Kleinod hat Budapest zu bieten: den Medium Skateshop, den Bálint Kovács betreibt. „Eigentlich wollten wir eine Drei-in-eins-Lösung, also einen Shop für Zubehör und Klamotten, eine Bar und einen Indoor-Skatepark. Leider haben wir unterschätzt, wie laut wir mit den Boards sind”, erzählt der Skateprofi. Der Skatepark ist vorerst stillgelegt, der Rest von Bálints Shop hingegen hält alles bereit, was das (angehende) Skaterherz begehrt. „Selbst wer als totaler Neuling zu uns kommt, ist hier gut aufgehoben.”

So ist es beispielsweise Ladenpolitik, dass blutigen Anfängern keine Boards verkauft werden: „Wer ganz frisch zu uns hereinkommt und quasi noch nie auf einem Board gestanden hat, dem geben wir lieber ein Board zum Testen, gern auch für ein bis zwei Wochen, statt auf Biegen und Brechen ein neues Board verkaufen zu wollen.” Denn Bálint und sein Geschäftspartner, ebenfalls ein passionierter Skater, glauben, wen es einmal erwischt, der kommt zurück – und bekommt dann das Board seiner Träume.

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Dabei kann im Medium aus einem ganz speziellen Sortiment gewählt werden, denn hier werden „Alap”-Boards verkauft, diese werden in Budapest aus heimischen Hölzern hergestellt und nur in solchen Shops verkauft, die auch von Skatern betrieben werden. Alap-Boards findet man deswegen auch nicht in großen Geschäften, nicht mal im The Lab, denn den Machern ist Authentizität wichtig. Neben den Boards und anderer Ausrüstung gibt es im Medium auch Kleidung, natürlich für Skater. Und wer einfach nur Lust auf einen Kaffee oder ein Getränk hat, ist hier ebenfalls an der richtigen Stelle.

Im Sommer ist es ruhig im Medium, „wir machen auch keine große Werbung oder Veranstaltungen, die Leute sollen lieber draußen und auf ihren Boards sein”, findet Bálint. Dabei gab es im Medium schon die verschiedensten Events, von Filmabenden bis zu Ausstellungen. Bálint will mit dem Medium einen Ort schaffen, an dem Skater zusammenkommen können.

Das Ambiente passt auf jeden Fall, denn hier lacht das Skaterherz. Vom Skateboard-Parkplatz für Gäste neben dem Eingang, dem Shotglas-Halter bis hin zum Wassernapf für Hunde – die jederzeit im Geschäft willkommen sind – ist hier alles Un- und Vorstellbare aus Boards gefertigt. Selbst wer also (noch) kein erfahrener Boarder ist, wird sich im Medium nicht nur willkommen, sondern auch sehr wohl fühlen. Und wenn man einmal dort sitzt, bekommt man unweigerlich Lust, sich selbst aufs Brett zu stellen.

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Medium Skateshop

Budapest, IX. Bezirk, Közraktár utca 12/a

Weitere Informationen unter www.facebook.com/mediumskate

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