Noch vor 15+ Jahren war Budapests Jüdisches Viertel nichts anderes als ein Wohnviertel mit einem besonderen historischen Erbe. Touristen kamen hier bestenfalls hin, um dessen Synagogen zu bestaunen. Auch damals gab es Kneipen, doch eher von der Sorte „urige Tränke“.

Die Eröffnung des Szimpla kert im Jahre 2003 und dessen unerwarteter Aufstieg zu – ja sogar weltweiter – Popularität (2012 kürte Lonely Planet den „Ruinenpub“ zur drittbesten Bar der Welt) markierte einen Wendepunkt. Das Viertel entwickelte sich zum Geheimtipp unter Studenten und jungen Expats, schaffte es in die Reiseführer und schließlich auch in das Programm der hiesigen Kneipentouren. Mit den Menschenmassen kamen neue Investoren und vor allem eine neue Art von Kneipen, die alteingesessenen „Billigtresen“ verschwanden langsam. Ein Lehrbeispiel für Gentrifizierung.

Vom Weltklasse-Kanuten zum Kneipenbesitzer

Ein Lokal, dass sich dem bis zuletzt entgegenstellte, ist das Wichmann. Nicht etwa aus ideologischen Gründen, sondern einfach mit der störrischen Beharrlichkeit eines Esels, der sich, nur weil um ihn herum Dutzende hipper Pubs aufmachen, doch hier nicht wegbewegt.

Obwohl das Wichmann weder draußen ein Namensschild noch drinnen ein besonderes Konzept hat, ist die Kneipe bekannt wie ein bunter Hund. Ein wenig dürfte das ihrem berühmten Besitzer zuzuschreiben sein. Tamás Wichmann ist bis heute Ungarns legendärster Kanute. Im Kanusport ist er neunmaliger Weltmeister und dreimaliger Europameister, dreimal hat er sogar bei Olympischen Spielen auf den Siegertreppchen stehen können – zweimal als Zweiter und einmal als Dritter. Zudem wurde Wichmann gleich 37 Mal ungarischer Meister.

Nach dem Ende seiner professionellen Sportkarriere, 1987, eröffnete er an der Ecke von Király und Kazinczy utca eine Kneipe, die sich seitdem kein Stück verändert hat.

Eigentlich ist das Wichmann nichts Besonderes: ein paar Tische, Stühle und ein Tresen. An den Wänden hängen Andenken an Wichmanns aktive Sportkarriere, sogar einige Pokale stellt er aus. Fast schon legendär sind die Schnitzelbrötchen des Lokals, die jeden Tag frisch zubereitet am Tresen unter Frischhaltefolie schlummern – sie sind ideal, um den kleinen Hunger zu stillen und am Ende der Nacht ein wenig den Alkohol aufzusaugen.

Doch abgesehen davon, war die Kneipe für ihre notorisch dreckigen Toiletten, die oft fragwürdige Sauberkeit ihrer Zapfhähne und einen Hauswein bekannt, der in einer offenen Metallkanne unter dem Tresen hervorgezaubert wurde und dessen saurer Geschmack einem die Haare zu Berge stehen ließ. Trotzdem – das Wichmann war bis zuletzt ein begehrter Treff, der nicht nur Menschen unterschiedlichster Altersgruppen, sondern – und das war etwas Besonderes – unterschiedlicher Herkunft gleichermaßen angezogen hat. Hier stand der Besitzer manchmal noch selbst am Tresen, hier gab man nichts auf Trends, auf handgebrautes Artisanbier und Schampus mit Aperol – kurz: hier war die alte Welt noch in Ordnung.

Auf zur „last order“!

Doch nach über 30 Jahren wird das „Wichmann“ – das eigentlich „Szent Jupát“ heißt, nach dem Schutzpatron der Kanuten, aber das ist in Vergessenheit geraten – nun schließen. Gegenüber dem Nachrichtenportal index.hu gab Tamás Wichmann bekannt, sich mit über 70 zu alt für die Gastwirtschaft zu fühlen. Er werde die Kneipe samt der Immobilie verkaufen, an wen, verriet er nicht. Doch eines ist sicher: bei den gestiegenen Preisen in der Umgebung dürfte sich für Investoren wohl nur eine weitere teure Szenebar lohnen.

Die nächsten Tage bieten noch die Gelegenheit dazu, auf ein letztes Bier und ein letztes Schnitzelbrötchen in die legendäre Kneipe einzukehren. Schon Anfang Juli gehen hier die Lichter aus.

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