Diese Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Auch Helmut Kohl schätzte Viktor Orbán sehr – Ungarn sowieso. Dass der ungarische Ministerpräsident der letzte hohe politische Besucher war, den Kohl zu Lebzeiten empfing, spricht für sich. Ebenso die herausragende Rolle, die Orbán im Sinne des Verstorbenen und seiner Witwe wenig später beim Begräbnis von Kohl gespielt hat.

Leider war es beiden Männern nicht vergönnt, als aktive Regierungschefs miteinander zu tun zu haben. 1998, als Orbáns erste Amtsperiode als Premierminister begann, endete Kohls 16-jährige Kanzlerschaft. Für einige wenige Monate waren in jenem Jahr ein noch recht unerfahrener Orbán und ein abgekämpfter Kohl Amtskollegen. Zu wenig, um gemeinsam etwas Bedeutendes zugunsten beider Länder und Europa bewirken zu können.

So kann man nur spekulieren, welche Impulse beide Politiker den deutsch-ungarischen Beziehungen und dem europäischen Einigungsprozess hätten geben können, wenn sie länger Amtskollegen gewesen wären. Welche Fehler hätten sie gemeinsam von der EU abwenden können? Wo hätten diese beiden mutigen Männer den Finger in die Wunde legen und für die Einleitung richtiger Gegenmaßnahmen sorgen können? Wo stände Europa heute, wenn es aufmerksam, beharrlich und vor allem proaktiv weiter gepflegt worden wäre.

Und wie wäre es mit den deutsch-ungarischen Beziehungen weitergegangen? Sicher ist auf jeden Fall, dass es unter einem Kanzler Kohl die deutsch-ungarische Eiszeit auf höchster politischer Ebene ab 2010 nicht gegeben hätte. Ganz einfach, weil ein Mensch von der Sorte Kohl auch dann noch an politischen Partnern, seinen Idealen und Visionen festhält, wenn es ihm von Seiten seiner politischen Gegner hart ins Gesicht weht – siehe die Verwirklichung des Projektes deutsche Wiedervereinigung. Sicher ist natürlich auch, dass sich ein christdemokratischer Kanzler vom Schlage eines Helmut Kohl sofort bei Ungarn für die mutige 2015er Grenzschließung der Balkanroute bedankt hätte, deren weitere Offenhaltung für Deutschland (und Europa) fatal hätte enden können. Kohl hätte sicher nicht opportunistisch über zweieinhalb Jahre bis zu einer ersten halbherzigen Anerkennung gewartet!

Bleibt zu hoffen, dass die auf unteren Ebenen und auf wirtschaftlichem Gebiet ohnehin weiterhin gut gedeihenden deutsch-ungarischen Beziehungen bald auch auf höchster politischer Ebene wieder eine würdige Entsprechung finden!

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