„Für mich ist das Ergebnis dieser Sammlung nach der Wahl viel bedeutsamer, als das eigentliche Wahlergebnis. Seit Lajos Kossuth (Anm.: ungarischer Nationalheld der Revolution von 1848/49) konnte niemand mehr so viel Geld für ein politisches Ziel sammeln. Das bedeutet etwas. Es scheint, als bestünde doch irgendeine Art von Bedarf nach der politischen Arbeit, die wir geleistet haben. (...)”

„Wie schön“, könnten wir rufen, denn auch ich hätte diesen Teil hervorgehoben. Nur dass meine Motivation eine andere ist, denn mich macht dieser Teil unfassbar wütend. Er zeigt nämlich, wie weit sich Juhász vom Politaktivisten, der er einstmals war, inzwischen entfernt hat. Nun ist er am untersten Rand des politischen Bullshits angelangt. Schon die Einleitung des Interviewausschnitts ist Nonsens: Die Sammlung sei bedeutsamer als das eigentliche Wahlergebnis? Das ist leicht, denn gegen das Wahlergebnis der Együtt wirkt alles „bedeutsam“. Es war die Vernichtung selbst. 0,66 Prozent der Stimmen haben sie erhalten, das sind kaum mehr als 37.000 Stimmen. (...)

Juhász kann sagen, was er will, darüber, wie andere Parteien vom Fidesz behindert wurden und wie sie gegen eine Übermacht ankämpfen mussten. Dabei zeigen die Suchergebnisse auf Google, dass sein Name allein auf hvg.hu doppelt so häufig vorkam wie der der LMP-Vorsitzenden Bernadett Szél. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich auch beim Nachrichtportal 444.hu. Wenn ich die erreichten Listenstimmen der LMP und der Együtt in Relation zur Medienpräsenz beider Parteien auf diesen Portalen setze, dann ergibt sich ein 20-facher Vorteil für Juhász. Wer war es doch gleich, der mundtot gemacht wurde? (...)

Sie haben es vermasselt. Nicht nur ein wenig, sondern sehr. Sie kannten alle Zahlen und Umfragen und haben es trotzdem versucht. Sie haben trotzdem das Geld der Steuerzahler, das ihnen für den Wahlkampf zugeteilt wurde, ausgegeben. Dazu waren sie berechtigt. Aber sie kannten auch die Konsequenzen. Wer weniger als ein Prozent erreicht, zahlt zurück. (...)

Die von Péter Juhász und den Seinen gesammelten fast 150 Millionen Forint sind in diesem Sinne keine politische Unterstützung, sondern eine Geste. (...)

Die Zweidrittelmehrheit wurde erreicht, weil die Wähler (Anm.: von den Oppositionsparteien) dazu angehalten wurden, taktisch zu stimmen. Ihrerseits waren sie jedoch nicht bereit, auch nur minimale Opfer zu bringen. (...)

Was für eine Blamage! Trotzdem gab es auch kleine Parteien, die dank ihrer eigenen konsequenten Politik mehr als ein Prozent erreicht haben, wenngleich auch sie nicht die Fünfprozenthürde genommen haben. Die Ungarische Partei des Zweischwänzigen Hundes und die Momentum machten beide den Wählern ein Angebot: in Form der vollkommenen Verballhornung beziehungsweise dem Versprechen der Zukunft. Diese beiden Parteien haben ihr Soll erfüllt und müssen daher nicht nur keine Strafe zahlen, sondern bekommen auch noch Geld vom Staat für ihre weitere Entwicklung.

Juhász und die Seinen hatten keine Botschaft. Das einzige, was sie konnten, war auspfeifen und sich überwerfen. Ihnen erging es zwar schlecht damit, aber viele Leute sind der Meinung, dass die Politiker und deren Familien über die Maße dafür leiden mussten.

Doch es wäre nicht fair, wenn nur sie leiden müssten. Das Scheitern war schließlich ein gemeinsames. Es war richtig, ihnen Geld zu geben. Nichtsdestoweniger ist diese Geldsammlung so, als würden wir jemandem seinen Strafzettel für zu schnelles Fahren bezahlen. Und noch eine schmerzhafte Lüge aus dem von Juhász zitierten Absatz: Das gesammelte Geld ist KEINE Subvention. Die um die Demokratie fürchtenden Menschen opfern hier aus ihrem eigenen Vermögen und spülen es die Toilette hinunter. Dabei hätte es den siechenden NGOs zugutekommen können oder der Unterstützung der verbliebenen freien Presse. Es hätte für die juristischen Kosten der durch das „Stop Soros“-Gesetz behelligten Menschen verwendet werden können oder für den Wahlkampf einer jeden Partei bei den kommenden EU-Wahlen.

150 Millionen Forint hätten für etwas Sinnvolles, Zukunftsweisendes ausgegeben werden können, aber die Gemeinschaft hat sich dafür entschieden, die Verluste einer gescheiterten Partei zu verringern.

Demut wäre hier die passende Reaktion, nicht ein falsch gezogener Vergleich zu Lajos Kossuth. Der Erfolg der Geldsammlung ist kein Zeichen für den Bedarf nach einer liberalen Partei. Hier ist das Wahlergebnis entscheidend.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 7. Juni in der Onlineausgabe der linksliberalen Wochenzeitung hvg.

Aus dem Ungarischen von EKG

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Die konservative Seite / Kommentar zu den Ereignissen in Chemnitz

Lügenpresse

Geschrieben von Mariann Őry

Die deutschen Medien hätten in den letzten drei Jahren wirklich etwas dazulernen können.

Szemrevaló Fesztivál / Sehenswert-Festival 2018

Vergangenheit und Gegenwart auf die Leinwand gebannt

Geschrieben von Katrin Holtz

Kaum geht in Miskolc das internationale Filmfestival Jameson CineFest zu Ende, schon steht das…

Die Letzte Seite: Memes zum Sargentini-Bericht

Die Steilvorlage

Geschrieben von EKG

Seien wir ehrlich, das Ergebnis der Abstimmung am Mittwoch vergangener Woche war trotz allem…