„Wir sprechen viel über die V4 und die Rolle der V4-Staaten innerhalb Europas“, sagte Levente Magyar, Staatssekretär im ungarischen Ministerium für Außenwirtschaft und Auswärtige Angelegenheiten. Um wirtschaftlich zum Westen aufzuschließen, sieht er vor allem Handlungsbedarf beim Ausbau der Verkehrswege in Osteuropa: „Es dauert sehr lange, zwischen osteuropäischen Städten zu reisen. Unter der Woche zum Beispiel nach Prag zu fahren, ist nicht so einfach.“ Man müsse deshalb Millionen oder gar Billionen in die Infrastruktur investieren, so der Vorschlag Magyars.

Im Marathon gegen die anderen EU-Staaten

„Ich halte unsere Situation für nicht so rosig”, betonte Marcin Piasecki, „zumindest im Vergleich zu Ländern wie Deutschland.“ Der CEO der polnischen Firma Polish Development Fund sieht Polen und die anderen V4-Länder vor einer großen Aufgabe. Die letzten 25 Jahre habe man zwar wirtschaftlich gesehen einen durchaus dynamischen Aufstieg hingelegt und sich damit den Nachbarstaaten im Westen angenähert, aber ein Blick auf die Unternehmenslandschaft beispielsweise in Polen zeige, dass man sich noch weit hinter Deutschland befinde, erklärte Piasecki.

Studien zufolge gehen über 50 Prozent der Industrieproduktion in Polen auf Firmen zurück, die sich im ausländischen Besitz befinden. „Wir haben zweimal weniger Großunternehmen als Deutschland“, so Piasecki. „Das zeigt für mich, dass wir eine sehr schwierige Aufgabe vor uns haben, wenn wir zu den anderen Staaten aufschließen wollen.“ Wichtig sei nun, in größere Unternehmen zu investieren. „Aber es ist, als liefen wir einen Marathon, und nach zehn Kilometern geht uns schon die Puste aus, zumindest ist das für Polen der Fall“, so Piasecki. Die aktuelle Regierung Polens habe deshalb neue Institutionen gegründet, deren Hauptziel darin bestehe, ein attraktives Umfeld für Unternehmen zu schaffen. Dabei werde in ein breites Spektrum an Maßnahmen investiert, erklärte der polnische Ökonom.

Mitgliedschaft in der Eurozone

Jan Macháček, Stiftungsratsvorsitzender des tschechischen Instituts für Politik und Gesellschaft, betrachtet die wirtschaftliche Situation seines Landes mit größerem Selbstbewusstsein. Er ist vor allem zufrieden mit einer gewissen Unabhängigkeit Tschechiens von der EU. Er erinnert an die Situation vor einem Jahr: „Damals rollte, wie sogenannte Experten meinten, eine große Welle des europäischen Enthusiasmus durch den Kontinent.“ Nachdem in Frankreich Emmanuel Macron gewählt worden war und auch in Deutschland Angela Merkel die Wahl gewann, hätten viele behauptet, dass es nun in Richtung einer Erweiterung der Eurozone gehen würde.

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Das beste Mittel für eine wachsende Wirtschaft ist Wirtschaftsliberalismus, findet der Amerikaner Daniel Mitchell.

Weiterhin sei behauptet worden, dass jeder, der nicht dabei sei, sprich sich dem Euro-Währungsgebiet nicht anschließen will, zurückgelassen werde, erinnerte Macháček. „Es gab so viele dramatische Warnungen, dass – sollte man der Eurozone nicht beitreten – man unter den Einfluss Russlands geraten würde und so weiter. Ich würde hingegen behaupten, dass es in einem Jahr kein Problem mehr sein wird, die Eurozone zu verlassen.“

Der Tscheche sieht seine Vermutung auch darin bestätigt, dass der kürzlich präsentierte Haushaltsplan der Großen Koalition in Deutschland wenig Enthusiasmus erkennen ließe. Seiner Ansicht nach bilde sich eine neue Art der Allianz, der unter anderem Dänemark und Schweden angehören, welche ebenfalls gegen die Erweiterung der Eurozone seien. „Die V4-Staaten sind mittlerweile die wichtigsten europäischen Handelspartner für Deutschland geworden, wichtiger noch als Frankreich oder Großbritannien“, sagte Macháček. „Die Warnung, ohne einen Eurozonen-Beitritt würde man im Osten enden, ist daher schon etwas lustig.“

Sein slowakischer Kollege Vladimír Vaňo, leitender Ökonom und Kommunikationsdirektor des Unternehmens CentralNic Group Plc, räumt der Partnerschaft mit der EU hingegen einen größeren Stellenwert ein. Mit Blick auf die Mitgliedschaft in der Union seit 2004 sagte Vaňo: „Wir sind nun schon seit einiger Zeit in der EU. Sie hat uns sehr dabei geholfen, wirtschaftlich aufzuholen. Wir müssen anerkennen, dass wir sehr weit unten begonnen haben. Der Kommunismus hat uns unterkapitalisiert zurückgelassen.“ Die Zeit der Mitgliedschaft in der EU habe sich zumindest für die Slowakei als sehr gewinnbringend erwiesen. Und doch, hier stimmte er Piasecki zu, gebe es noch eine Menge aufzuholen. „Wir hinken noch immer hinterher.“

Wachstum durch Wirtschaftsliberalismus

Der amerikanische Ökonom und Autor Daniel Mitchell fungierte als externer Beobachter in der Runde. „Die gute Nachricht zuerst: Die V4-Staaten wachsen dreimal schneller als die EU-15-Länder“, unterstrich Mitchell gleich zu Beginn seines Redebeitrages. Der Amerikaner sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und wirtschaftlichem Liberalismus. Alle V4-Länder gehörten zu den wirtschaftsliberaleren Ländern Europas. „Das Ziel der V4 sollte daher nicht einfach nur darin bestehen, sich Westeuropa anzunähern“, so Mitchell. Er verweist auf den wirtschaftlichen Aufschwung Hongkongs und Singapurs, den man sich zum Vorbild nehmen solle. Beide Staaten gehörten weltweit zu den wirtschaftsliberalsten. Ein Problem sieht Mitchell in übertriebener Bürokratie aus Brüssel. Außerdem sei die niedrige Geburtenrate in den Ländern Europas eine Herausforderung.

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Levente Magyar, Staatssekretär im ungarischen Ministerium für Außenwirtschaft und Auswärtige Angelegenheiten: „Wir sollten Milliarden in die Infrastruktur investieren.“

Diesbezüglich stimmten ihm auch die anderen Diskussionsteilnehmer zu. Uneinigkeit herrschte hingegen in dem Punkt, ob die Mitgliedschaft in der EU auf Dauer wirtschaftlich noch ein Vorteil sei. Auf die Frage des Moderators László György, welche Empfehlungen die einzelnen Redner an die Politik hätten, herrschte zudem ein Konsens darin, dass man weiter das Wachstum eigener Firmen unterstützen solle. „In Polen bauen wir nur Dinge zusammen. Damit sind wir im Nachteil gegenüber Deutschland, wo die Autos auch entworfen werden“, sagte Piasecki. Südkorea, so der polnische Ökonom, habe es dagegen schlau angestellt: Die Koreaner haben sich die Technik abgeschaut und dann eigene Unternehmen gegründet.

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