In den drei Paneldiskussionen debattierten je vier Spitzen-Vertreter der Wirtschaft aus Ländern der Visegrád-Gruppe über die drei Themengebiete, die die Unternehmen in der Region Mittel-Ost-Europa (MOE) wohl am meisten beschäftigen: „Arbeitsmarkt und Qualifikation“, „Technologie und Digitalisierung“, sowie „Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen für wettbewerbsfähige Unternehmen“. Die Manager lieferten dabei ein nuanciertes Bild von ihrer jeweiligen Lage und ihren Problemen.

„Man muss dem Nachwuchs Karrierewege bieten“

Im ersten Panel diskutierten unter der Moderation von Dr. Éva Palócz (CEO, Kopint-Tárki Zrt.) Silke Janz (Geschäftsführerin, Penny Market Kft.), Dr. Ágnes Fábián (Geschäftsführerin, Henkel Magyarország Kft.), Dr. Ireneusz Zalewski (CEO, Lufthansa Systems, Polen) und Ralf Singmann (Geschäftsführer, Leoni, Slowakei). Zur aktuellen Lage der Arbeitskräfteversorgung erklärte Singmann, dass man als Automobilzulieferer unter Druck stehe in einer Industrie, die stark vom Arbeitskräftenachschub abhängt. „Migration ist ein schwerwiegendes Problem, bei Fluktuation lässt es sich als Unternehmen nur schwer operieren. Es herrscht dieselbe Lage wie bei der Krise 2007, jedoch gab es damals das Problem der Arbeitskräftemigration nicht“, hielt er fest, und schloss an: „Früher wurde Automatisierung eingesetzt, um Kosten zu senken – heute, um fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen.“

Während Silke Janz dem Problem durch Arbeitsmigration beipflichtete und betonte, dass man in Ungarn kreativ sein müsse, um Personallücken zu schließen, vor allem aufgrund der Nähe zu Österreich, sagte Zalewski, dass man im IT-Sektor dieser Herausforderung bereits vor zehn Jahren begegnet sei: „Wir holten daher auch ausländische Kräfte an Bord. Heute machen sie schon ein Fünftel unseres Teams aus, was eine gute Kombination ist.“ Ágnes Fábián erläuterte, dass es Henkel an seinen zwei Standorten mit zwei unterschiedlichen Arbeitsmärkten zu tun habe: während man im Komitat Békés aufgrund des eigenen Employer-Brandings in einer komfortablen Situation sei, würde in Budapest ein regelrechter Kampf um Arbeitskräfte geführt.

Auf die Frage der Moderatorin, ob Lohnerhöhungen eine geeignete Maßnahme seien, antwortete der Leoni-Manager, dass Automotive-Firmen hierfür wenig Platz in ihren Geschäftsplänen haben, ferner sehen die Kunden ungern höhere Preise, denn man müsste die Erhöhung weiterreichen. Silke Janz sagte, dass Lohnerhöhungen kommen werden müssen, teils versuche man aber auch der Fluktuation entgegenzuwirken, indem man die Lebensumstände der Mitarbeiter verbessert und etwa Home-Office anbietet. „Es ist fraglich, wie lange wir die Löhne erhöhen können, denn dann müssen wir an einer anderen Stelle kürzen“, entgegnete Ágnes Fábián. Man sollte daher auch andere Angebote machen, etwa auf den Gebieten Krankenversicherung und Kinderbetreuung. „In der IT wurde ungefähr ein gleiches Lohnniveau für alle erreicht, personalisierte Benefits oder interessantere Jobs machen den Unterschied“, bestätigte Zalewski.

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Das Panel zu „Technologie und Digitalisierung“: Prof. Wolfgang Dorner (TU Deggendorf), Wolfgang Weissler (Siemens Tschechische Republik), András Sávos (Knorr-Bremse Rail Systems Hungary), Alexandra Reich (Telenor Magyarország Zrt.) und Artur Pollak (Apa Group, Polen). (Foto: DUIHK / Csaba Pelsőczy)

Zum Thema Qualifizierungsmaßnahmen erklärte Silke Janz, dass man selbst ausbilde und gute Erfahrungen mit der dualen Ausbildung mache. Man müsse den Lehrlingen einen Karriereweg bieten, denn diese wollen bereits während der Lehre Teil des Unternehmens sein. Während Ágnes Fábián von Henkels Praktikumsprogramm und Vereinbarungen mit Universitäten sprach, hielt Singmann dagegen, dass sich die Hochschulen in vielen Ländern der Region zu sehr auf humanistische, und zu wenig auf technische Gebiete konzentrieren. „Wir brauchen weniger Historiker, sondern eher Ingenieure im Betrieb.“ Die duale Ausbildung sei laut dem Leoni-Manager nicht überall richtig angelegt worden, in der Slowakei habe man sie zu wenig beworben, weshalb es zu wenige Teilnehmer gibt.

Eigentlich sei nicht der Nachwuchs, sondern das Halten erfahrener Mitarbeiter das größte Problem, hielt Ágnes Fábián fest. Denn die Konkurrenz jage diese, worauf man bei Henkel mit Loyalitätsboni reagiere. „Es ist unsere Pflicht, attraktiv für die junge Generation zu sein, etwa mit der TechCsajok-Reihe der DUIHK. Wir brauchen lernfähige Leute, denn es werden noch viele neuartige Jobs entstehen.“ Zalewski fügte an, dass man den Mitarbeitern die Möglichkeit zum „Wandel ohne einen Firmenwechsel“ geben müsse, sonst würden die fähigsten Mitarbeiter gehen.

Bereitschaft für neue Technologien

Im Panel zu „Technologie und Digitalisierung“ ging es unter der Moderation von Prof. Wolfgang Dorner (TU Deggendorf) eingangs um die Frage, welche die die nahe Zukunft bestimmende Technologie sei. Während laut Artur Pollak (CEO, Apa Group, Polen) Robotik die Zukunft verändern und den Arbeitskräftemangel lösen werde, nannte Wolfgang Weissler (Country Division Lead, Siemens, Tschechien) die Energie als altes, aber immer noch aktuelles Thema, zudem die Automation, die neue Jobs entstehen lasse, und die Digitalisierung.

Alexandra Reich (CEO, Telenor Magyarország Zrt.) hob die 5G-Konnektivität hervor, die für Firmenkunden vieles verändern werde, András Sávos (Geschäftsführer, Knorr-Bremse Rail Systems Hungary) schränkte ein, dass selbst bei bester Konnektivität ohne entsprechende IT-Infrastruktur auch seine besten Ingenieure nichts Neues entwickeln können. Weissler pflichtete ihm bei, dass es eine Herausforderung für die IT-Infrastruktur sein wird, wenn alles miteinander verbunden ist. Pollak kritisierte: „In der Region sind wir bereit für neue Technologien, aber manchmal hängt es an den Managern. Wir reden immer über Industrie 4.0 – dabei ist in manchen Fabriken nicht einmal Industrie 3.0 verwirklicht.“

Der Knorr-Bremse-Manager stellte heraus, dass vor allem mittelgroße Betriebe mit Industrie 4.0, Digitalisierung und Automation beeindrucken, weshalb auch sein Unternehmen unter Start-ups nach Partnern suche, die spezielle Probleme für sie lösen. Pollak sagte diesbezüglich über Polen, dass man dort teilweise Angst vor der Technologie, dem Jobverslust beziehungsweise dem Erlernen von neuer Technologie habe. „Wir stehen am Anfang einer Revolution, bei der keiner Fehler machen will. Zugleich bietet uns Industrie 4.0 die Möglichkeit zum Anschluss an Deutschland durch Innovation“, gab sich der polnische Manager überzeugt.

Gefragt, welchen Rat die Anwesenden der Regierung zum Thema geben würden, empfahl Sávos, eine gute Umgebung für KMU zu schaffen, damit diese Anschluss an das jeweilige volkswirtschaftliche Ökosystem haben. Laut der Telenor-Chefin sollte die Regierung in Sachen Digitalisierung das Mindset der Bevölkerung stärker positiv beeinflussen, während Pollak sogar das Organisieren entsprechender Trainings für die Bevölkerung vorschlug, damit diese die Technologien und deren Vorteile kennen lernen.

Stabiles Wirtschaftsumfeld als Wettbewerbsfaktor

Im letzten Panel erklärten die Teilnehmer unter der Moderation von Dr. Marie-Theres Thiell (CEO, ELMŰ-ÉMÁSZ/innogy Hungária), warum sie genau an ihrem jeweiligen Standort tätig sind. Niclas Pfüller (General Manager, Brose Tschechische Republik) zählte das stabile Wirtschaftsumfeld, die Unterstützung der Regierung und die Nähe zu den Märkten auf. Wolfgang Heuchel (CEO und Managing Director, Lanxess Central Eastern Europe) sagte, dass auch bei seinem Unternehmen die Nähe zum Kunden, zu den Arbeitskräften und zur Infrastruktur bedeutend sei, daher habe man sich für die zentral gelegene Slowakei entschieden. „Dieser Schritt hat sich eindeutig gelohnt, was man nicht nur am gestiegenen Umsatz sondern auch an mehr Länderverantwortung sieht.“

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Mit dem Thema „Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen“ beschäftigten sich:Dr. Marie-Theres Thiell (ELMŰ-ÉMÁSZ/innogy Hungária), Jost Lammers (BudapestAirport Zrt.), Wolfgang Heuchel (Lanxess Central Eastern Europe), Renata Juszkiewicz (Polnischer Verband für Handel und Distribution) und Niclas Pfüller (Brose Tschechien). (Foto: DUIHK / Csaba Pelsőczy)

Jost Lammers (CEO, Budapest Airport Zrt.) lobte ebenso das stabile Wirtschaftsumfeld, angesichts dessen man fast das Doppelte des vertraglich festgelegten Minimums am Flughafen investiert habe und sich am Standort wohlfühle. Renata Juszkiewicz (Vorstand, Polnischer Verband für Handel und Distribution) erklärte, dass der durch sie vertretene Handelssektor dem Land gegenüber sehr verpflichtet sei, man investiere viel und habe viele Jobs, Lehrgänge sowie völlig neuartige Zertifikate geschaffen. „Wir haben zur Modernisierung unseres und aller an diesen anschließenden Sektoren beigetragen“, fasste sie zusammen.

Verbesserungswünsche

Als etwaige Verbesserungswünsche zur Sprache kamen, erklärte Renata Juszkiewicz, dass man sich ein stabiles und vorhersehbares Investitionsumfeld wünsche. „Wir wollen nicht unsere gesamte Zeit mit der Auslegung von Gesetzen verbringen. Wir fordern eine faire Besteuerung des Handels und keine Sektorensteuer, wir wollen ferner als sozial verantwortliche Partner wahrgenommen werden“, konkretisierte die Verbandschefin. Lammers wünschte sich eine bessere intermodale Anbindung des Flughafens an die Stadt und eine, dessen Wachstum entsprechende Fachkräfteversorgung. Auch Pfüller mahnte den weiteren Ausbau der Infrastruktur an, etwa eine direkte Zugverbindung nach Deutschland. Zudem sollte der tschechische Staat landesweit, und nicht nur in einzelnen Regionen Ausbildungsprojekte einführen beziehungsweise sollte die Berufsbildung bedarfsgerechter gestaltet werden. Heuchel stimmte letzterem zu, die duale Ausbildung etwa sollte noch stärker am Bedarf der Unternehmen ausgerichtet werden. Er forderte zudem, dem Brain-Drain entgegenzuwirken und zugleich das Land attraktiv für ausländische Fachkräfte zu machen.

Dr. Marie-Theres Thiell selbst erklärte, dass sie trotz der vielen Herausforderungen gerne Manager in der MOE-Region ist, da sie viel von der Region hält. Auch für Pfüller ist sie eine sehr dynamische Region, er habe sehr „hungrige“ Mitarbeiter, die auch nach einer Tätigkeit im Ausland wieder nach Hause kommen. Heuchel lobte ebenso die Kooperation mit seinem Team und fügte hinzu: „In der Region sind wir zwischen Ost und West mit einer Tendenz zur asiatischen Entwicklungsdynamik. Daher erreichen wir auch tolle Wachstumsraten.“ Renata Juszkiewicz engagiert sich laut eigener Aussage aufgrund ihrer polnischen Herkunft, ihr zufolge brauche der polnische Handelssektor eine starke Stimme. Für Lammers bieten sich insgesamt tolle Möglichkeiten in der Region, weshalb er hier gerne eine Führungspersönlichkeit ist.

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