Mal sind es die Eltern, die finden, dass ihre Kinder überfordert sind, dass die Lehrer zu streng und die Schule zu leistungsorientiert ist. Dann sind es die Lehrer, die mit den immer öfter verhaltensauffälligen und um Noten feilschenden Jugendlichen zu kämpfen haben und letztendlich sind es die Schüler selbst, denen das Lernen nicht so richtig Spaß macht und die viel lieber auf ihren Tablets chatten, twittern oder liken.

Studenten, die keine Bücher mehr lesen

„Was ist Erziehung heute eigentlich noch?“, fragte kürzlich bei einem Vortrag am Budapester Danube Institute der ungarische Soziologe Ferenc Füredi, Professor Emeritus der Universität Kent und lancierte damit einen ersten Ruf der Universitäten nach Besinnung. Denn so kann es nicht weitergehen!

Schon seit der Jahrtausendwende beschweren sich die Professoren über Studenten, die keine Bücher mehr lesen und über nervige Eltern, die mittlerweile auch gegen Universitätsprofessoren vorgehen, sollten diese es wagen, ihren Sprösslingen nicht die ersehnten Bestnoten zu geben. „Sie erwarten von mir doch nicht, dass ich ein ganzes Buch lese“, zitierte Ferenc Füredi einen seiner Studenten.

Sicherlich war das Gymnasium, auf dem er zuvor sein Abitur abgelegt hatte, stolz darauf gewesen, ohne Lehrbücher besseren Unterricht zu bieten und mehr auf den Lerntypus der einzelnen Schüler eingehen zu können. Er wurde wahrscheinlich jahrelang mit Photokopien aus verschiedenen Schulbüchern bedient und nun ist es für ihn selbstverständlich, dass er, wenn er schon selbst ein Buch in die Hand nehmen muss, zumindest genau gesagt bekommt, von wo bis wo er welchen Auszug zu lesen hat.

Infantilisierung von jungen Erwachsenen

Dies, so warnt Ferenc Füredi, sei nur ein Beispiel dafür, dass die Sozialisierung der jungen Generationen immer schwieriger wird, dass wir es hier mit einer „Infantilisierung von jungen Erwachsenen“ zu tun haben. Es fehle, so Füredi, den jetzigen Studenten in vielerlei Hinsicht oft ein gesundes Verständnis von Leistung, Selbstmotivation, von Mühe und Durchhaltevermögen. Die Gründe hierfür liegen nicht nur im Schulwesen, sondern sind Teil eines gesamtkulturellen Wandlungsprozesses, der in den

Angelsächsischen Ländern schon wesentlich weiter fortgeschritten ist, als in den Ländern Mittel-und Osteuropas.

Zunächst einmal, so erklärt Ferenc Füredi, wurde die Erziehung in den letzten Jahrzehnten zur Domäne für Experten. Zum Wohle des Kindes wurden die Eltern entmündigt. Im Angelsächsischen spricht man von „parenting skills“ - Elternkompetenzen, von Fähigkeiten, die jeder Elternteil für den Umgang mit Kindern erlernen muss. Es geht dabei um quasi wissenschaftliche Erziehungsmethoden, die nun von allen gleichermaßen befolgt werden müssen.

Ursprünglich wollte man damit erreichen, dass die Konflikte in den Familien verständiger gelöst werden, doch das alles führte zu einer Dogmatisierung innerhalb der Erziehung, die jedwede spontane Eltern-Kind-Beziehung verzerrt. Mittlerweile trauen sich Eltern oftmals nicht mehr, einfach nur instinktiv zu reagieren, viel zu schnell konsultieren sie Bücher und Spezialisten und geraten so in eine regelrechte „Psychologisierungsfalle“, die teilweise auf fragwürdigen ideologischen Grundprinzipien fußt.

Verteufelung bewährter Prinzipien

Diese so genannten wissenschaftlichen Erziehungsformen fordern nämlich folgende Grundprinzipien: Erstens soll das Selbstvertrauen des Kindes gestärkt werden. Zweitens soll das Kind nicht zu viel kritisiert, sondern aufgebaut und vom Erzieher motiviert werden, so dass es selbst seine eigenen Fähigkeiten erkennen kann. Dazu gilt das Prinzip der Diversität, das heiβt, jede Art und Weise zu sein ist gleich, ob arm oder reich, ob behindert oder gesund, ob jung oder alt.

„Das alles klingt sehr vertraut und dagegen ist grundsätzlich ja auch nichts einzuwenden“, so Ferenc Füredi. „Es werden jedoch gleichzeitig andere wichtige Prinzipien, die auch zu beachten wären und die den gleichen Stellenwert haben wie die oben genannten, entweder verteufelt oder gleich ganz ausgeblendet, wodurch ein Ungleichgewicht mit fatalen Folgen entsteht.“

Prinzipien wie Erfahrung oder Autorität werden grundsätzlich abgelehnt. Wer sie einfordert gilt als „reaktionär“ oder zumindest als „alter Knochen“. Den Jugendlichen sollen möglichst wenig Grenzen gesetzt werden. Sie müssen selbst herausfinden, wo diese sind. Die Frage ist nur, wie Jugendliche so etwas leisten können, wenn ihnen niemand zeigt, wo und wann sie zu weit gegangen sind, wenn ihr Handeln keine Reaktionen oder weitere Konsequenzen nach sich ziehen.

Nivellierung der Unterschiede an Reife und Erfahrung

Die Differenzen zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden sind damit aufgehoben, die Unterschiede an Reife und Erfahrung nivelliert, das partnerschaftliche Denken etabliert. Jugendliche dürfen nun trotz noch nicht entwickelter psychischer Reife und professioneller Inkompetenz ein Urteil über ihre Erzieher fällen, seien es die Eltern oder die Lehrer.

Das Selbstvertrauen der Jugendlichen wird dann in den Schulen auch noch durch Wohlfühlnoten gestärkt. Jede noch so minimale Leistung wird hoch gelobt und mit extra Bonuspunkten versehen, für die es am Ende des Schuljahres Belohnungen gibt. Schule muss Spaß machen, Lernen wird zum Event und der Lehrer zum Entertainer, der nicht nur nett sein soll, sondern freundschaftlich mit seinen Schülern umzugehen hat.

Ist er das nicht, will er Distanz wahren, wagt er ihre Arbeit oder ihr Verhalten zu sehr zu kritisieren, gilt er nicht mehr als „guter Lehrer“. Die Sympathie der Jugendlichen wird zur Messlatte dafür, wie „gut“ der Lehrer ist, oder wie „gut“ die Eltern und die Großeltern sind. Und gleichzeitig wird sie zum Mittel für die Selbstbestätigung der Erwachsenen. Die fühlen sich wiederum „gut“, weil sie von den Jugendlichen „gemocht“ werden. Ein Spiel gegenseitiger narzisstischer Bespiegelung beginnt, wobei das Wesentliche, nämlich Bildung und Erziehung, viel zu kurz kommt.

Keine Konfliktlösung auf zwischenmenschlicher Ebene

Hat ein Lehrer Probleme mit verhaltensauffälligen Schülern, werden nicht diese, sondern der Lehrer von den Eltern und der Schulleitung zur Rechenschaft gezogen. „Die einstige Solidarität zwischen Erwachsenen gibt es heute nicht mehr“, so Ferenc Füredi. Im Buhlen um die Gunst der Jugendlichen gibt es Solidarität nur noch unter den von diesen erwählten Günstlingen.

Die Lehrer werden an manchen Schulen mittlerweile sogar dadurch entmachtet, dass sie bei aufkommenden Problemen die Eltern der betroffenen Jugendlichen nicht persönlich kontaktieren dürfen. Das tut die Schulleitung an ihrer statt. Damit wird der direkte Kontakt zwischen Schülern und Lehrern zerstört. Eine Konfliktlösung auf zwischenmenschlicher Ebene findet nicht mehr statt. Den Lehrern werden die pädagogischen Mittel zur Erziehung entzogen, sie haben lediglich ein Lernpartner zu sein und keine Autorität.

Als Ferenc Füredi einmal einen amerikanischen Schuldirektor mit den Worten begrüßte „Sie sind also der Schulleiter”, korrigierte ihn dieser. „Nein, ich bin der leitende Lerner”. Denn wer der Partner der Schüler ist, lernt wie diese sein Leben lang, Life long learning, die Fortbildung ist an englischen und amerikanischen Schulen ein „Must” für Lehrer. Hier lernen sie, wie sie noch schülerfreundlicher unterrichten können. Das Problem dabei: die Person, die den Schülern kein Vorbild ist, wird diese intellektuell auch nicht anleiten können. Das disziplinäre Chaos ist somit systemimmanent und lässt meist nicht lange auf sich warten.

Motivation zur Leistungsbereitschaft

Die Messlatten für Leistungsanforderungen und soziales Verhalten haben sich somit grundlegend verändert. Nicht der Heranwachsende selbst muss etwas leisten, sondern seine Umwelt muss ihn zur Leistungsbereitschaft motivieren. Gelingt das nicht, ist er nicht mehr motiviert, lässt er augenblicklich den Kugelschreiber fallen.

Buchseiten werden heute mit pädagogischen Konzepten und bildungs-theoretischen Schriften gefüllt, die nur das Ziel haben, es den Schülern so leicht wie möglich zu machen, höhere Bildungsstufen zu erklimmen und ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Nur leider tritt allzu oft genau das Gegenteil davon ein. Schon der Alltag an den Universtäten ist ein gänzlich anderer. Er fordert ständig das Anerkennen von Grenzen, und er erfordert eine Leistungsbereitschaft, die nicht unbedingt etwas mit Spaß zu tun hat, ebenso wenig wie im späteren Berufsleben. Genau das macht für viele Schulabgänger den Übergang zur Universität zu einem traumatischen Erlebnis. Das beweisen die Zahlen der Studienabbrecher in Europa.

Allein in Deutschland verlässt fast jeder dritte Student die Universität ohne Abschluss. Bis in die neunziger Jahre hinein galt „studieren“ unter den Abiturienten als nicht sonderlich schwer. Man musste viel leisten, aber man arbeitete in einem Bereich, in dem man sowieso schon gut war. Heute ist das anders.

„Es ist höchste Zeit,“ so schloss Ferenc Füredi seinen Vortrag, „die gut gemeinten, aber völlig veralteten Erziehungsvorstellungen aus den sechziger und siebziger Jahren neu zu überarbeiten.“ Niemand erwarte die Rückkehr der Ruten, doch der erstarkenden intellektuellen Verwahrlosung muss mehr Strukturierung entgegengesetzt werden.

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