Der US-amerikanische Physiker Stephen Hawking sieht in der künstlichen Intelligenz (KI) eine Bedrohung. Künstliche Intelligenz, also Maschinen, die nicht nur in der Lage sind, menschenähnliche Entscheidungsprozesse durchzuführen, sondern sich auch selbst fortzuentwickeln, könnten das Ende der Menschheit einleiten, so Hawking. Am vorvergangenen Donnerstagnachmittag, dem zweiten Tag der V4-Konferenz zu Europas Zukunft, erinnerte Moderator Dávid József Szabó an diese warnenden Worte des weltberühmten Wissenschaftlers. Mit IT-Experten aus Ungarn, Polen, der Slowakei, Estland und Israel diskutierte er unter dem Titel „Is Artificial Intelligence our future?“, ob intelligente Maschinen einen Platz in unserer Zukunft haben und haben sollten.

Pros und Contras von KIs

Insgesamt blickten alle den kommenden technischen Entwicklungen optimistisch entgegen. Der polnische Journalist Robert Suidak schwärmte von selbstfahrenden Autos und von Computern, die für die richtige Temperatur unseres Essens sorgen. „Bei Netflix oder Spotify helfen Algorithmen zudem dabei, unsere Vorlieben herauszufinden.“ Anna Piperal, die mit ihrem Unternehmen e-Estonia Showroom die estländische Regierung beim Ausbau der Digitalisierung unterstützt, berichtete von den vielen Bereichen, in denen sich ihr Land die technischen Fortschritte bereits zu eigen gemacht hat. Behördengänge, Stimmabgabe und die Abgabe der Steuererklärung können in Estland über das Internet erledigt werden. Auch auf die eigenen Krankenakten kann jeder in Estland über das Internet zugreifen. Auf weitere Entwicklungen im Bereich der KI freute sich Piperal: „Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie sich künstliche Intelligenz für die Regierung nutzen lässt.“

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Der israelische Sicherheitsexperte Avraham Cohen zur Regulierung von KIs: „Die Regierung kann zwar Regelungen einführen, aber zwei Minuten später hat sie jemand umgangen.“

Dass mit dem technischen Fortschritt auch Probleme auf uns zukommen, wurde ebenfalls thematisiert. Avraham Cohen, Leiter der israelischen Forschungsgruppe für nationale Sicherheit, kritisierte die Menge an Daten, die jeder bereits heute über sich preisgibt. Diese werde in Zukunft noch zunehmen. In Bezug auf autonome Fahrzeuge sagte er, dass „kein System über das Leben von Menschen entscheiden sollte.“ Auch Suidak erinnerte an den Unfall eines Uber-Taxis im März dieses Jahres, als ein selbstfahrendes Auto in der amerikanischen Stadt Phoenix eine Passantin erfasste. Auch der Skandal um Cambridge Analytica – die britische Datenanalysefirma, die die Daten von Millionen Facebook-Nutzern verwertete – zeige, dass wir uns vielen Herausforderungen gegenüberfinden, so der polnische IT-Journalist. Cambridge Analytica soll mit den Daten unter anderem den Wahlkampf von Donald Trump zum Erfolg geführt haben. „Es kommt jetzt darauf an, was wir aus den Entwicklungen machen“, so Suidak.

Herausforderung für den Staat

„Im Fokus der Diskussion einer jeden Regierung muss nun also stehen, Maßstäbe und Sicherheitskonzepte aufzustellen“, sagte Réka Szemerkényi, Vizepräsidentin der US-amerikanischen Denkfabrik Center for European Policy Analysis (CEPA). In Bezug auf die Digitalisierung sagte sie: „Daten haben einen großen Wert, eines Tages werden sie begehrter sein als Gold oder Öl.“ Dem Schutz von Daten käme daher eine große Bedeutung zu.

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Die Aufgabe der Regierungen sei nun, Regeln für die Onlinewelt aufzustellen, und das mit Bedacht, findet Réka Szemerkényi (r.). Links im Bild: Anna Piperal (e-Estonia Showroom).

Hinsichtlich der Möglichkeiten zur Regulierung von KIs waren sich die Diskussionsteilnehmer uneinig. Suidak zeigte sich zuversichtlich, dass internationale Regelungen möglich sein können. Auch zum Thema Genforschung habe es in den 90ern viele weltweite Diskussionen gegeben, welche letztendlich zu internationalen Standards geführt hätten. Das sei im Bereich KI ebenfalls zu erreichen. Seine estländische Diskussionspartnerin Piperal sah die Entwicklungen mit Ungeduld. „Wir sind spät dran.“ Gesetze und Regulierungen für die Verwendung von Facebook-Daten hätte es schon vor 10 Jahren geben sollen, so die estländische IT-Expertin. „Wir müssen schnell sein, ohne Aufschub und ohne zu lange zu debattieren“, forderte sie. Andere Diskussionsteilnehmer warnten vor Übereiligkeit: Szemerkényi verwies auf die Situation in China, wo angeblich zum Schutz der Bürger in der Onlinewelt die Freiheit des Einzelnen stark beschränkt wird. „Wir müssen Regeln aufstellen, aber die müssen wir mit Bedacht entwickeln.“

Der israelische Sicherheitsexperte Cohen sieht die Möglichkeit zur Regulation von KIs generell pessimistisch. „Ich glaube nicht, dass man KIs je regulieren kann. Du kannst nicht überwachen, wie sie funktionieren. Du kannst die vermittelten Daten regulieren, aber nicht die Computer.“ Bei der Internetsicherheit sei es wie beim internationalen Wettrüsten. Egal, wie gut die eigenen Waffen sind, der andere entwickelt immer noch bessere Waffen. Die Regierung könne zwar Regelungen einführen, aber zwei Minuten später habe jemand diese umgangen, erklärte Cohen. Suidak widersprach ihm: „Einem Auto kann man auch keine Regeln auferlegen, es gibt jedoch Gesetze für die Menschen, die das Auto benutzen.“ Beim selbstfahrenden Auto könne man es ähnlich handhaben; auch diese hätten immer einen Besitzer. „Es muss eine legale Person geben, jemanden, der die Verantwortung trägt, wenn etwas passiert“, so der polnische IT-Journalist. Der slowakische Gast Artur Bobovnický verwies auf die vielen schwierigen ethischen Fragen, die die Technologisierung mit sich bringe. Diese seien auch ein wachsendes Arbeitsfeld für Philosophen.

Änderungen in der Arbeitswelt

Die Gefahr, dass Maschinen Menschen ersetzen und arbeitslos machen könnten, wurde ebenfalls angesprochen. Viele Unternehmen investieren bereits in KI, erklärte Szemerkényi. „Die Auswirkungen, die diese auf die Wirtschaftswelt haben, bezeichnen zahlreiche Experten als neue industrielle Revolution.“ Und wie bei jener Revolution, die die Erfindung der Dampfmaschine Anfang des 19. Jahrhunderts auslöste, werde sich die Arbeitswelt, prophezeite Szemerkényi, mit der zunehmenden Anwendung von KIs komplett ändern.

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Artur Bobovnický, Direktor bei der Slowakischen Innovations- und Energieagentur SIEA: „Die Technologisierung bringt schwierige ethische Fragestellungen mit sich.“

Besteht daher eine Gefahr des Verlusts von Arbeitsplätzen durch die Maschinen? „Die meisten Technologien bringen auch viel Arbeit mit sich, wenn auch andere Arbeit“, sagt Cohen. Suidak stimmt ihm zu, viele Studien zeigten bereits, dass mit der Digitalisierung mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Berufe änderten sich zwar, aber solche Entwicklungen seien nichts Neues. „1965 führte unter den Berufen in Amerika der des Büroleiters, heute dominieren die Lkw-Fahrer. Natürlich wird es in 20 Jahren einen neuen Beruf an erster Stelle geben.“ Szemerkényi fügte hinzu, dass die Entwicklungen neue Berufe schaffen, „Berufe, die erfüllender für den Menschen sind.“ Vielleicht, so könnte das Credo der Diskussionsrunde lauten, steht es also nicht ganz so übel um die Menschheit, wie Hawking meinte.

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