Bereits zum dreizehnten Mal haben die deutschen Auslandshandelskammern 2018 in der Region Mittelosteuropas tätige Unternehmen befragt – aus 1.700 Antworten überwiegend deutscher Unternehmen in 15 Ländern wurde nun der „Konjunkturbericht MOE 2018“ erstellt. Einbezogen in die Untersuchung waren dabei sämtliche neue Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) seit der Osterweiterung 2004 (außer Malta und Zypern) sowie der Westbalkan ohne Montenegro und Kosovo (also Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Albanien).

Diese Region ist längst zum Wachstumsmotor der gesamten EU avanciert; die elf Neumitglieder aus Osteuropa wuchsen seit 2004 im Durchschnitt dreimal so schnell wie die alte EU-15. Die EU-28 konnte ihre Wirtschaftsleistung in dieser Zeitspanne um 17,7 Prozent steigern, Deutschland schaffte 21,1 Prozent und hängte damit selbst noch Ungarn weiter ab, das es nur auf 20,7 Prozent kumuliertes Wachstum brachte. Im Kreis der elf neuen EU-Länder (+47,1 Prozent) schnitt da einzig Kroatien schlechter ab (12,2 Prozent); in der für Ungarn besonders relevanten Visegrád-Gruppe legte Tschechien um 40 Prozent zu, während die Slowakei und Polen ihre Leistung weit über dem Durchschnitt um nahezu zwei Drittel zu steigern vermochten.

In den jüngsten drei Jahren lief Rumänien allen anderen den Rang ab: Nach einem Wachstum um 6,9 Prozent in 2017 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beim östlichen Nachbarn der Ungarn bei 190 Mrd. Euro angelangt und damit absolut betrachtet auf Augenhöhe mit dem tschechischen BIP. Ungarns BIP wird von Eurostat für das vergangene Jahr mit 123 Mrd. Euro angegeben, im Vergleich zu 3.263 Mrd. Euro Deutschlands. In der Prognose für 2018 bleibt Rumänien der Wachstums-Favorit, Ungarn wird einzig zu Tschechien Boden gutmachen können, im Wettbewerb mit Polen und der Slowakei aber kaum.

Deutsche eng mit V4 verflochten

Was die Verflechtung der Region mit westlichen Partnern anbelangt, hat Deutschland Frankreich als wichtigsten Partner nach der Weltwirtschaftskrise eindeutig abgelöst. Während Amerikaner, Briten und Österreicher ihre Positionen im Osten bestenfalls halten, scheint das Vorrücken der Chinesen unaufhaltsam. Aus deutscher Sicht bemerkenswert ist zudem, dass es sich mit dem üblichen Handelsüberschuss in drei Ländern der Region umgekehrt verhält, die da wären: Tschechien, Ungarn und die Slowakei.

Nach Bundesbank-Angaben sind die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in Mittelosteuropa über 100 Mrd. Euro geklettert. Dabei konnten Polen und Tschechien jeweils anderthalb Mal so viel deutsches Kapital an Land ziehen (konkret jeweils knapp 30 Mrd. Euro), wie dies Ungarn gelang, das wiederum alleine mehr deutsches Kapital absorbieren konnte, als Rumänien und die Slowakei zusammengenommen.

Stimmung wird allgemein besser

Welche Aussagen konnten die Kammern also den in der Region angesiedelten (deutschen) Unternehmen abgewinnen? Zunächst einmal nimmt die Zufriedenheit mit der allgemeinen Wirtschaftslage in der Region von wenigen aktuellen Ausnahmen wie Rumänien oder Kroatien abgesehen von Jahr zu Jahr kontinuierlich zu. Dabei hat sich die Stimmung unter den Teilnehmern der Umfrage 2018 besonders in Ungarn, aber auch in Litauen, Polen und der Slowakei aufgehellt. Mehrheitlich sehen die Auslandsinvestoren die Wirtschaft freilich in Tschechien in einer guten Verfassung (73 Prozent versus 60 Prozent in Ungarn auf Platz 5).

Nach der Lage der eigenen Branche befragt, zeigten sich die Unternehmen in Slowenien, Litauen und Ungarn im Vergleich zu 2017 besonders optimistisch. Was die Lage der eigenen Firma angeht, bewerteten die Topmanager diese in den Ländern Mittelosteuropas eher neutral, wobei die Ungarn auch hier wieder und erst recht bezüglich der Aussichten dank ihrer wachsenden Zuversicht im Spitzenfeld der Region anzutreffen sind. Die positiven Umsatzerwartungen werden derweil nicht mehr wie in früheren Jahren vom Exportgeschäft getrieben. Die Bereitschaft, mehr Personal einzustellen und die Investitionen zu intensivieren, nimmt in einem mit dem ungarischen vergleichbaren Tempo allein in Rumänien und Tschechien zu – einsamer Spitzenreiter ist in dieser Statistik wiederum Estland.

Zwei- bis dreifache Lohnspanne

In Sachen lokales Geschäftsumfeld ergaben sich in der Region keine tiefgreifenden Veränderungen zum Vorjahr. Dabei befindet sich die Bewertung des Arbeitsmarktes seit vier Jahren im Abwärtstrend. Ungarische Manager sehen als einzige positive Ausnahme die Flexibilität des Arbeitsrechts, während sich die Stimmung hinsichtlich Qualifikations- und Bildungsniveau, aber auch Produktivität und Lohnkosten eintrübt. Die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte betrachten gleich 73 Prozent der befragten Manager hierzulande als nicht zufriedenstellend; in der Slowakei sind es 62 Prozent, in Tschechien sogar 81 Prozent.

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Kammersprecher Dirk Wölfer bei der Präsentation der aktuellen Ergebnisse.

Die Arbeitskosten fallen mit 17 Euro Stundenlohn innerhalb der Region weiterhin in Slowenien am schwersten ins Gewicht, gemessen an 27 Euro in der EU-28 sowie 34 Euro in Deutschland und Österreich. Ungarn liegt mit etwas mehr als 9 Euro knapp hinter Polen im Mittelfeld der Region; bei Tschechen und Slowaken kostet die Arbeitsstunde mittlerweile über 11 Euro. Zwar verzeichneten Rumänien und Bulgarien mit rund 45 Prozent den höchsten Lohnanstieg der letzten fünf Jahre (Ungarn belegt mit einem Viertel mehr Lohn den 6. Platz in der Region), doch bleiben die beiden Südosteuropäer mit knapp 6,50 Euro beziehungsweise 5 Euro Stundenlohn die absoluten Schlusslichter in der EU.

Niederschmetterndes Korruptions-Urteil

Was die politischen Rahmenbedingungen anbelangt, gehört Ungarn zu den Ländern, die zuletzt besonders imposante Fortschritte gemacht haben. Im Trend hat sich die Beurteilung der steuerlichen Belastung und Steueradministration nirgendwo so verbessert, wie hierzulande. Die Steuer- und Finanzbehörde (NAV) hat deshalb aber noch keinen Grund, sich entspannt zurückzulehnen, denn eine relative Mehrheit der Unternehmen zeigt sich weiterhin unzufrieden. (Dazu sei angemerkt, dass sich die zufriedenen Unternehmen lediglich in Bulgarien und Estland relativ in der Überzahl befinden). Nur im Mittelfeld landet Ungarn in Sachen Zugang zu Fördermitteln und Rechtssicherheit, ja nicht einmal in punkto politische und soziale Stabilität reißt das Land nach acht Jahren Orbán-Regierung Bäume aus.

Besonders niederschmetternd ist jedoch die Einschätzung der deutschen Investoren in Bezug auf Korruption. Im Werturteil der in den einzelnen Ländern der Region angesiedelten Unternehmen zeigen sich weitgehende Übereinstimmungen mit der Analyse von Transparency International: Gegenüber dem TI-Korruptionswahrnehmungsindex, der Estland, Slowenien und Polen am wenigsten beziehungsweise den Westbalkan am stärksten belastet sieht, beurteilten die Topmanager die Lage beispielsweise in Serbien besser, in der Slowakei und Kroatien hingegen schlechter. Ungarn gehört mit 71 Prozent kritischer Stimmen – noch knapp hinter Rumänien und Albanien (!) – zu den Schlusslichtern der Region. Da ist es ein schwacher Trost, dass im Falle der Slowakei unter der Fico-Regierung Hopfen und Malz verloren scheint. Den Kampf gegen die Korruption beurteilen im Übrigen innerhalb der Region nur die in Estland und Polen tätigen Unternehmen mehrheitlich als positiv.

Eher Mittelmaß

Auch in Sachen operatives Umfeld gilt Ungarn für die deutschen Unternehmen eher als Mittelmaß, denn als das Maß aller Dinge. Die Infrastruktur wird von 40 Prozent der Befragten als positiv bewertet – das reicht für Platz 5 in der Region, deutlich hinter den Balten, Slowenen und Polen, aber mindestens ebenso deutlich vor Tschechen und Slowaken. In der Frage der Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung halten sich die positiven und negativen Antworten die Waage. Das entspricht dem auch von Tschechien erreichten Durchschnittswert in der Region, während Polen erneut besser und die Slowakei markant schlechter bewertet werden.

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Die CEE-Region ist zum Wachstumsmotor der gesamten EU avanciert.

In Belangen der Zahlungsmoral gelten die Balten als überragende Spitzenreiter, hinter denen sich die vier Visegrád-Staaten aufreihen. Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer lassen in der gesamten Region Jahr für Jahr mehr zu wünschen übrig, Ungarn trennen jedoch Welten vom Spitzenfeld: Während in Slowenien, dem Baltikum und in Polen eine absolute, in Tschechien und der Slowakei immerhin noch eine relative Mehrheit zufrieden mit den gegenwärtigen Zuständen ist, teilt in Ungarn nur jedes vierte Unternehmen diese Ansicht.

Wachsende Zustimmung für EU und Euro

Abschließend wurden die deutschen Unternehmen zu Euro und EU befragt, worauf es positive Antworten „hagelte“. Gleich 83 Prozent der Befragten in Ungarn begrüßen die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft; im Schnitt der Region sind es 70 Prozent, in Polen sogar 88 Prozent. Mit quer durch die Region ermittelten 52 Prozent erhielt der Euro die größte Zustimmung seit 2012. Hierzulande plädierten sogar 58 Prozent der deutschen Unternehmen für die Einführung der Gemeinschaftswährung, und nur noch 22 Prozent lehnen den Euro ab.

Die aufgehellte Stimmung unter den in Ungarn tätigen deutschen Topmanagern schlug sich denn auch in der Aussage nieder, dass 84 Prozent von ihnen erneut dieses Land für ihre Investition wählen würden. Damit hat Ungarn in dieser Hinsicht die Slowakei und Rumänien hinter sich gelassen, kann den Zufriedenheitswerten des Spitzenquartetts Slowenien (95 Prozent), Tschechien (91 Prozent), Polen und Litauen (jeweils 90 Prozent) aber weiterhin nicht das Wasser reichen.

Unterm Strich gelten wenig verwunderlich Tschechien, Polen und Estland im eigenen wie im Urteil der Manager in anderen Ländern Mittelosteuropas als die attraktivsten Standorte. Ungarn schafft es in der Eigeneinschätzung der hiesigen Manager auf Platz 8, im Gesamtbild aber nur auf Platz 10. Vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise war das Land noch für den 5. Platz gut, im Vergleich zum Tiefpunkt auf Platz 13 im Jahre 2012 ist Ungarn aber auf gutem Wege, Kroatien und Rumänien vielleicht schon bei der nächsten Umfrage wieder hinter sich zu lassen. Im Falle der Balten – und ganz zu schweigen von den übrigen Visegrád-Staaten – wird sich die Orbán-Regierung aber noch gehörig strecken müssen, bis die deutschen Manager (wieder) daran glauben, es hier mit einem Topstandort zu tun zu haben.

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