„Kolorádó hat alles, was wir von einem Festival erwarten. Aber Sorgfalt und Qualität kommen hier vor Auffälligkeit“, schreiben die Veranstalter des viertägigen Festivals im Cserészpark auf ihrer Webseite. Normalerweise ist an dem gleichen Standort ein Jugendzentrum und ein Campingplatz, die von Pfadfindern betrieben werden. Doch an diesen vier Tagen erklingen in der sonst ruhigen Gegend vorwiegend laute Techno-, Punk- und Rockbeats. Doch auch die Musikgenres Jazz, Indie und Hip-Hop sind vertreten und garantieren eine breite Auswahl an musikalischen Darbietungen. Und wer kein Freund von andauernder, lauter Musik ist, findet bei dem vergleichsweise kleinen, lokalen Festival Abwechslung bei 18 kulturellen Veranstaltungen, dazu gehören Workshops, Theater, unterschiedliche Performances, Installationen und Tanz.

Tanzen, lachen, glücklich sein

Die Besucher haben die Auswahl zwischen 50 Musik-Acts ganz unterschiedlichen Genres und nationaler Herkunft. Allein 33 der dort auftretenden Interpreten kommen aus Ungarn. Vervollständigt wird das musikalische Rahmenprogramm mit Künstlern aus Europa sowie Kanada, Russland, Nigeria und Japan.

Passend zum Juni liefert die Indie-Rockband Hinds aus Madrid unbeschwerte, melodische und ansteckende Sommersongs, die die Besucher in Festivalstimmung versetzen dürften. Ganz nach dem Motto der Veranstalter: „Hier, wo wir unsere wundervollen Bühnen errichten, könnt ihr vom Sonnenlicht getränkt mit dem weichen Gras unter euren Füßen tanzen.“

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Ein weiteres Highlight dürfte auch Ebo Taylor aus Ghana darstellen. Der 82-Jährige ist seit über sechs Jahrzehnten eine wichtige Persönlichkeit in der ghanaischen Musikszene und soll auch im fortgeschrittenen Alter noch die Energie eines 20-Jährigen besitzen. Er ist sowohl Gitarrist, Sänger, Bandleader als auch Produzent und kreuzt typische Afrobeat-Rhythmen mit Funk und Jazz. Mit seiner ansteckenden Energie, seinem positiven Auftreten und seiner Musik will er vor allem eins: Freude verbreiten.

Klare Statements und knallige Technobeats

Weniger entspannt wird es dafür bei der Pop-Punkband Wavves aus Kalifornien, die für den verzerrten Klang ihrer Gitarren und klare Ansagen bekannt ist. So sagen sie etwa, dass rassistische, homophobe oder frauenfeindliche Personen genauso wenig auf ihren Konzerten willkommen seien wie Trump-Anhänger.

Die Ungarn müssen sich keineswegs angesichts ihrer eigenen musikalischen Angebote verstecken. Dafür sorgt unter anderem die psychedelische Rockband Middlemist Red – Ungarns am weitesten entwickelte Band in diesem Genre –, die die Besucher in die atmosphärische Klangwelt des Rocks, gepaart mit jeder Menge Nostalgie einführen wird.

Doch überwiegend sind vor allem DJs vertreten, die sich dem Techno verschrieben haben. Für die richtigen Klänge sorgen unter anderem Etapp Kyle, Umfang, Axel Bomann, Wave Twins und Jayda G.

Zweifellos ist die Auswahl groß und vielfältig, doch weit entfernt vom Mainstream, sodass es sich weniger um ein kommerzielles als vielmehr um ein „Insiderfestival“ handelt, mit dessen Musik sich nicht jedermann zwangsläufig identifiziert.

Zwischen Atemübungen, Theater und Tanz

Dass es sich beim Kolorádó nicht um ein gewöhnliches Festival handelt, zeigen auch die vielen Workshops, die angeboten werden.

So untersucht die Gruppe „Deeper“ im Rahmen des zeitgenössischen Tanzes die Interaktion durch den Tastsinn und geht gleichzeitig tiefsinnigen Fragen auf den Grund: „Wie berührt man, ohne direkt zu berühren?“ oder „Wie kann man in einer Beziehung sein, die vertrauensvoll und intim ist, aber dennoch genug Raum bietet, um die Freiheit der Interaktion zu erhalten?“.

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In der Installation „We Sense“ durchläuft der Betrachter fünf emotionale Zustände: Ruhe, Aufregung, Feindseligkeit, Frieden und Erkenntnis. Hierbei handelt es sich um ein visuelles, interaktives, dreidimensionales Kunstwerk, das teilweise von den Teilnehmern selbst mitgestaltet wird. Das gelingt beispielsweise mit dem eigenen Schatten, der das Visuelle ändern kann.

In dem Workshop „Oxygen Ceremony“ lernen die Teilnehmer dann laut Beschreibung: „Wie es sich anfühlt zu atmen, zu keuchen, zu hecheln, zu schnupfen und gemeinsam in Bewegung zu seufzen“. Man durchläuft also bewusst die unterschiedlichen Stufen des Atmens und lernt gleichzeitig loszulassen und sich für einen Moment von den Problemen des Alltags zu entfernen. Bei diesem Workshop handelt es sich um eine Mischung aus indischen Ritualen und Technoparty.

Für den Spaßfaktor sorgt das interaktive Gemeinschaftsspiel „Walking Theater mit Kopfhörern“, wobei 14 ausgewählte Festivalteilnehmer als Astronauten auf Wanderschaft gehen, um die Grenzen und die Natur des Planeten Kolorádó kennenzulernen. Dabei bekommt jeder der Teilnehmer einen MP3-Player sowie Kopfhörer und es gibt sowohl persönliche Missionen als auch ein großes Gruppenziel, was Interaktion und Teamwork verlangt. Alle Workshops erfolgen im Austausch mit dem Publikum und benötigen kein Vorwissen.

Die Hausregeln

Das Kolorádó Fesztivál unterscheidet sich nicht nur in seinen Angeboten von anderen Festivals, sondern auch in manchen seiner Hausregeln. Auf der Webseite kann man beispielsweise lesen, dass es beim Kolorádó nicht nur um die Partys geht, sondern die Besucher vor allem ihre Tage in der Sonne verbringen sollen: spielend, Sport treibend sowie die kulturellen Veranstaltungen genießend.

Dass das Festival inmitten eines Naturschutzgebietes stattfindet, bringt weitere Regeln zutage. So wird besonderen Wert auf Sauberkeit und ordentliches Verhalten im Umgang mit der Natur gelegt und auch tierische Festivalbesucher sind nicht verboten, wenngleich den Besuchern empfohlen wird, ihre Fellnasen nicht dem Stress durch die laute Musik auszusetzen. Zum Umweltschutz sei auch das Rauchen nur in ausgewiesenen Raucherbereichen gestattet, was vielleicht den einen oder anderen stutzen lassen wird, da sich das Festival schließlich unter freiem Himmel befindet.

Das Kolorádó soll eine erholsame und friedliche Atmosphäre bieten. Daher können Personen, deren Verhalten, Auftreten oder deren Geisteshaltung nicht mit dem Festival kompatibel sind, ausgeschlossen werden. Die Worte der Veranstalter auf der Webseite: „In Kolorádó lieben und respektieren wir die Natur und einander. Wir kümmern uns um unsere Umgebung und um unsere Mitmenschen. Kolorádo ist ein Ort für uns, um frei zu sein”, beschreiben recht gut das Ziel dieses Festivals: An vier Tagen entspannen und im Einklang mit der Natur für eine Weile dem Alltag entfliehen.

Allerdings muss jeder für sich selbst entscheiden, ob die spezielle Musik und alternative Atmosphäre den eigenen Geschmack trifft.


Kolorádó Fesztivál

2094 Nagykovácsi

13. bis 16. Juni

Ticketpreise: Tagesticket für 7.500 Forint, Camping-Ticket für 2.500 Forint, Festivalticket für 15.000 Forint

Weitere Informationen zu den Tickets und zum Programm finden sie unter www.kolorado.hu.

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