Obgleich manche einheimische Medien diese Zahl aus dem Munde von Minister Antal Rogán zum ersten Mal gehört haben wollen, hat er diese nicht aus dem Ärmel geschüttelt – tatsächlich plante bereits das nunmehr aufgelöste Entwicklungsministerium mit dieser Aufwertung des für die ungarischen Unternehmer außerordentlich relevanten Wirtschaftszweigs.

Dem Ökonomen Rogán wurde nun der Tourismus zugeschlagen, obgleich er weiterhin das Kabinettbüro des Ministerpräsidenten leitet. Bei seiner Anhörung vor dem Wirtschaftsausschuss des Parlaments sprach er konkret von 15 Milliarden Forint (knapp 50 Millionen Euro), um die das Programm zur Ausweitung gewerblicher Unterkünfte in Privatpensionen aufgestockt werden soll. Er versprach, sein Ressort wolle die im Fremdenverkehrsgewerbe aktiven Klein- und mittelständischen Unternehmen (knapp 50.000 an der Zahl) besonders intensiv unterstützen. Dank der Schaffung von 100.000 neuen Arbeitsplätzen würden in einem guten Jahrzehnt bereits 450.000 Ungarn in dem Gewerbe tätig sein, welches dann ein Sechstel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beitragen wird – an Stelle des heutigen Zehntels.

Erfolg wird abgesichert

Es ist kaum ein Jahr her, als die staatliche Tourismusagentur eine neue Förderkonstruktion im Rahmen des Kisfaludy-Programms zur Entwicklung des Tourismus vorstellte. Der damalige Entwicklungsminister Miklós Seszták avisierte bei der Präsentation 30.000 Zimmer in 2.000 gewerblichen Unterkunftsstätten, die mit staatlichen Fördermitteln modernisiert werden könnten. Die Zuwendungen sollen über den gesamten langen Planungszeitraum aus dem ungarischen Staatshaushalt fließen – für das Aufpeppen der Erfolgsbranche wird erst gar nicht mit den Fördertöpfen der Europäischen Union kalkuliert. Die ersten Ausschreibungen waren sogleich auf eine qualitative Verbesserung der Übernachtungsangebote von Hotels und Pensionen im ländlichen Raum gerichtet. Das Geld soll gut angelegt sein, rechnen die Experten doch damit, dass die betreffenden Herbergen ihre Zimmerpreise im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen um ein Fünftel anheben können.

Seit Jahren legt die Tourismusbranche ein beeindruckendes Wachstum vor, welcher Erfolg nun langfristig abgesichert und nachhaltig gemacht werden soll. Dazu möchte die Tourismusagentur Regionen mit besonderem Potenzial gezielt entwickeln und speziell im Hotelsegment einen Paradigmenwechsel herbeiführen, wo mit Abstand die meisten Einkünfte erzielt werden. Die Projekte dürfen auf eine Förderintensität von 50 Prozent rechnen, flankiert von günstig verzinsten Kreditprodukten der staatlichen Entwicklungsbank MFB. Die staatlichen Zuwendungen wurden bei der Auflage des Förderprogramms auf 150 Milliarden Forint (knapp 500 Millionen Euro) beziffert – Rogán hat also diesen Rahmenbetrag anlässlich der Übernahme der Tourismusbelange um zehn Prozent aufgestockt.

Zentralisierte Steuerung gewünscht

Nach zwei Jahren ist der ehrgeizige Minister am Ziel angelangt: Im Februar 2016 hatte sein Kabinettbüro eine fachliche Expertise der neuen staatlichen Tourismusstrukturen vorgelegt, im April des gleichen Jahres wurde Zoltán Guller an die Spitze der neu gegründeten Ungarischen Tourismusagentur (MTÜ) berufen. Bis dahin gehörte der Fremdenverkehr ganz selbstverständlich zu den Belangen des Volkswirtschaftsministeriums. Der heutige Präsident der Ungarischen Nationalbank, György Matolcsy, ist Vater des Széchenyi-Plans, mit dem um die Jahrtausendwende blühende Tourismuslandschaften nach dem Gießkannenprinzip erträumt wurden – im damaligen Wirtschaftsministerium. Aus jener Zeit rührt beispielsweise auch die Schwemme an Thermalbädern, von denen sich noch das letzte Kaff den Anbruch eines goldenen Zeitalters versprach. Der Matolcsy-Nachfolger Mihály Varga protestierte vergeblich gegen die Rogán-Pläne; der Tourismus wurde ihm weggenommen und dem Entwicklungsministerium unterstellt. Nur als Zwischenlösung, wie wir heute wissen.

Mit der MTÜ ging es Rogán vor allem darum, die staatliche Tourismussteuerung zu zentralisieren. Guller brachte seine Erfahrungen als Verantwortlicher des Erzsébet-Programms ein, mit dem Großfamilien und andere sensible Schichten der Gesellschaft staatlich gestützt Urlaub in der Art von Ferienlagern machen können, wie sie die älteren Ungarn noch aus den Zeiten des Sozialismus kennen. Die ihm unterstellte Agentur bündelt sämtliche Tourismusbelange. Dabei definiert sie als wichtigste Zielstellung, die Wettbewerbsfähigkeit Ungarns als Reiseziel zu stärken und aktiv dazu beizutragen, das Land für Ausländer ebenso wie für einheimische Touristen noch attraktiver zu machen, gleichgültig, ob diese privat oder geschäftlich auf Reisen sind.

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Der das Kabinettbüro des Ministerpräsidentenleitende Minister Antal Rogán nimmt die Tourismusbranche nunmehr in eigene Regie. (Foto: MTI / Zoltán Máthé)

Gerade erst wurden Werbekampagnen aufgelegt, um zum einen Budapest noch mehr potenziellen Auslandstouristen als Wunschziel zu empfehlen, zum anderen die Aufmerksamkeit von Inlandstouristen auf weniger überlaufene Gegenden etwa im Hinterland des Neusiedler Sees, des Plattensees oder am oberen Flusslauf der Theiß zu lenken. Allein aus dem internationalen Tourismusgeschäft entspringen dem Land im Saldo Deviseneinnahmen von rund 5 Milliarden Euro – kein Pappenstiel in der Statistik der Zahlungsbilanz.

Saisonalität soll abnehmen

Klar ist, dass die Branche schneller als der Durchschnitt wachsen muss, wenn die Rolle des Fremdenverkehrssegments innerhalb der ungarischen Volkswirtschaft eine Aufwertung erfahren soll. Im Planungszeitraum bis 2030 ist die stolze Zahl von durchschnittlich vier Prozent Wirtschaftswachstum vorgegeben; damit der Tourismus in diesem Umfeld den Eigenanteil von zehn auf sechzehn Prozent hochschrauben kann, wäre etwa eine doppelte Dynamik vonnöten. Bemerkenswert dabei ist, dass frühere Bemühungen wie der Széchenyi-Plan nur kurzzeitige Dynamisierungen mit sich brachten, wobei der Anteil des Tourismusgewerbes am BIP einzig in den Jahren 2001 und 2007 mehr als elf Prozent erreichte. Gewöhnlich bewegte sich dieser Anteil zwischen neun und zehn Prozent, wie es auch aktuell der Fall ist.

Sehr wahrscheinlich vertraut die Orbán-Regierung auf den stetigen Anstieg der Realeinkommen, die seit 2010 immerhin doppelt so schnell zugelegt haben, wie in der vorangegangenen Periode. Sollte sich die finanzielle Lage der Familien tatsächlich weiterhin über Jahre hinweg markant verbessern, wäre das ein Novum im Ungarn der Nachwendezeit. Die Stabilität in der Entwicklung würde das Vertrauen und die Zuversicht stärken, die Menschen würden mutiger Geld für Rekreationszwecke ausgeben. Mit der Nachfrageseite gebe es demnach keine größeren Probleme.

Auf der Angebotsseite zeichnet sich ab, dass der Staat bereitwillig enorme Beträge in die Branche pumpt, um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Bedenklich stimmen eher die Human-Kapazitäten, denn heute leidet unter allen Volkswirtschaftsbranchen insbesondere das Gastgewerbe an einem akuten Arbeitskräftemangel. Beobachter fragen sich deshalb, wer die einhunderttausend zusätzlich erträumten Arbeitsplätze in der Branche besetzen soll. Natürlich ergibt sich hier ein enger Zusammenhang zu den Löhnen, gilt doch das gesamte Tourismusmetier abgesehen von Managementpositionen als tragisch unterbezahlt. Die Attraktivität für die Mitarbeiter würde möglicherweise schon dadurch gesteigert, wenn die Saisonalität abnimmt, ergo stabilere Arbeitsplätze angeboten werden können.

Aufwertung über den Preis

Vermutlich wird es aber leichter, das Gewicht der Branche über Preissteigerungen aufzuwerten. Qualität will bezahlt sein, nur schließt dieser Prozess breite Schichten gleich wieder aus. Genau diese Entwicklung kann derzeit am Wohnungsmarkt verfolgt werden, der mit dem Förderprogramm CSOK überhitzt wurde. Von den staatlichen Millionen profitieren dort eine Reihe wirtschaftlicher Akteure, am wenigsten aber die aufstrebenden Familien.

Kurz vor dem Start in die sommerliche Hochsaison zeichnet sich ab, dass 2018 ein neues Rekordjahr für den Tourismus wird. Statistisch unterlegt sind zweistellige Zuwächse im ersten Quartal, mit steigenden Ausgaben an attraktiven Orten, die Kultur (Budapest), Geschichte (Eger mit seiner Burg) oder Entspannung (im Thermalbad von Hajdúszoboszló) zu bieten haben. Am Pfingstwochenende schlossen sich die Balaton-Städte Siófok und Balatonfüred dem genannten Spitzen-Trio an. Allein für zwei Übernachtungen gibt eine typische Familie mit zwei Kindern mittlerweile rund 60.000 Forint (200 Euro) aus. Mit der vom Arbeitgeber im Rahmen der Cafeteria-Leistungen aufgefüllten SZÉP-Urlaubskarte sind es sogar 60 Prozent mehr, was durchaus westeuropäische Verhältnisse widerspiegelt.

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