Betritt man das Grundstück von Birgit Köblitz, bekommt man schon einen ersten Eindruck ihrer Werke. Denn sie verschönern um das Haus herum hier und dort den Garten. Bunte Glasbögen hängen zwischen Sträuchern und Bäumen, aber nicht nur Kunstwerke, sondern auch verschiedenste Mitbringsel von ihren vielen Reisen in alle Ecken der Welt verzieren den Garten und das Haus von Birgit Köblitz. Von ihrer Werkstatt im Erdgeschoss aus führt eine Treppe hoch in das Atelier der Künstlerin. Durch die vielen Fenster, die den Raum mit Licht erfüllen, erstrahlen ihre Kunstwerke hier ganz besonders. Ihre Schönheit wird noch mehr zum Ausdruck gebracht. Der Anblick überwältigt den Betrachter und lässt ihn in Verzückung geraten.

„Ich wollte schon immer irgendetwas mit Handwerk machen“

Ihren Anfang nahm die künstlerische Laufbahn von Birgit Köblitz schon, als sie noch ein kleines Kind war. Sie wohnte mit ihrer Familie zur Untermiete beim Direktor der Fachschule für angewandte Kunst in Leipzig und durfte neben ihren Stunden in der Malschule, die sie dreimal in der Woche besuchte, öfters sogar bei den Werken des Direktors mitmalen. „Dafür benötigt man als Künstler doch sehr viel Geduld“, gibt sie heute dankbar zu. Später besuchte sie neben ihrer Schulausbildung auch Kurse an der Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Mit der Zeit merkte sie, dass Grafik zwar Spaß machte, aber ihr einfach nicht farbenfroh genug war. Sie wollte lieber mit anderen Materialien arbeiten.

#

Mit diesem Wunsch bewarb sie sich an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, wo sie anfangs noch Textilkunst studieren wollte, sich dann aber für Glaskunst entschied. Dass sie die Arbeit mit Glas fasziniert, merkte sie bei Praktika, die sie vor dem Studium im Glaswerk und anschließend in einer Werkstatt für Bleiverglasung absolvierte: „Ich fand es so inspirierend, dass man so farbig und unabhängig in einer Werkstatt arbeiten kann. Außerdem war der Geruch da so toll“, gibt Köblitz ein wenig schmunzelnd zu. In Werkstätten für Bleiverglasung riecht es nämlich nach Fensterkitt.

Der Liebe hinterher

Am Tag ihrer Diplomvergabe, reichte Birgit Köblitz in der DDR ihren Ausreiseantrag nach Ungarn ein und zog mit ihrem Ehemann, den sie zwei Jahre zuvor bei einer Sommerschule für Kunst kennengelernt hatte, nach Zebegény. Von dort zogen sie dann gemeinsam in die wenige Kilometer entfernte Nachbarstadt Nagymaros, wo Birgit Köblitz auch heute ihre Werkstatt und ihr Atelier hat. „Nach Halle und Leipzig, zwei Großstädten, wollte ich mal etwas anderes ausprobieren. Ich war ganz hingerissen vom Donauknie“, begründet Köblitz ihre Entscheidung, nicht direkt in die ungarische Hauptstadt, nach Budapest gezogen zu sein. Nagymaros habe alles, was sie zum Arbeiten braucht: Gute Zugverbindungen nach Budapest, viel Natur und Ruhe.

Die Natur ist es auch, die sie bei ihrer Arbeit inspiriert: „Ich versuche allerdings, nicht die Natur darzustellen, sondern eher meine Einstellung zur Natur und zu meinen Mitmenschen“, so die Künstlerin. Und noch eine weitere Quelle der Inspiration spielt für Birgit Köblitz eine große Rolle: Mit ihrem Mann reist sie sehr viel durch die Welt und das inspiriert sie auch zu Werken, die etwas exotischer anmuten. Bei ihren Reisen bemerkte sie zudem, dass die Menschen im Grunde alle gleich sind. Auch das versucht sie in ihrer Kunst umzusetzen. „Ich arbeite sehr gerne mit Musik, viele meiner Werke beziehen sich auch auf Musik und Literatur. Aber wirkliche Rituale, wie vor dem Arbeiten Yoga zu machen, habe ich nicht“, bemerkt die Künstlerin lachend.

Köblitz gehört verschiedenen Vereinigungen an, dem Künstlerverband Ungarn, der Vereinigung für Glaskunst und der Vereinigung für Bildende und Angewandte Kunst. Dadurch nimmt sie auch an vielen Gruppenausstellungen teil. Momentan werden ihre Werke im Rahmen einer Wanderausstellung zum Thema „Ungarische Glasgestaltung und Malerei“ in China gezeigt. Zwei Jahre lang wird die Ausstellung unterwegs sein und Köblitz Werke in verschiedenste Städte tragen. „Es ist sehr imposant, was die Chinesen in diese Richtung anstellen, sehr pompös, aber auch geschmackvoll. Die denken einfach in anderen Dimensionen. Die Werbungen für Kunstereignisse erhalten viel mehr Aufmerksamkeit, fast schon den Rang einer Wahlkampfkampagne. Kunst wird da großgeschrieben“, findet die Deutsche.

Von Remarques „Arc de Triomphe“ inspiriert

Eine ihrer letzten Ausstellungen, für die sie mit einer Gobelingestalterin und einer Bildhauerin zusammenarbeitete, konnte man sich 2014 anschauen. Die drei Frauen arbeiteten damals gemeinsam an einem Projekt für eine Kirche, und so wurde für die Ausstellung ein Thema gewählt, das sich im weitesten Sinne mit Religiosität beschäftigt. Köblitz aktuelle Ausstellung im nordungarischen Balassagyarmat trägt den Titel „Az üvegívek fényében és árnyákában“, also „Im Licht und Schatten der Glasbögen“.

#

Inspiration dafür war auch der ungarische Titel des Romans „Arc de Triomphe“ – „A diadalív árnyékában“ von Erich Maria Remarque. Die Glaskunstwerke sind alle so angefertigt, dass man durch sie hindurchblicken kann. Sie sind weniger kompakt als andere Werke. „Der Titel der Ausstellung deutet vage daraufhin, dass nicht alles nur positiv und schön ist, es ist ein Für und Wider, genau das, was ich auch während der Arbeit erlebe. Viele Tiefschläge, aber natürlich auch Höhepunkte“, erklärt Köblitz. Die Künstlerin plant, ihre Ausstellung auch noch einmal in Budapest zu zeigen, denn in Balassagyarmat erreicht sie natürlich nicht so viele Leute wie in der Hauptstadt.

Architektur oder Glaskunst

Auch an der Gestaltung von Bauwerken hat Köblitz schon mitgewirkt. Eines der Gebäude, an dem sie gearbeitet hat, ist etwa die Kirche der Heiligen Engel in Gazdagrét. „Es ist nicht so einfach, für Kirchen etwas Modernes zu schaffen, aber ich genoss das größte Vertrauen in meine Arbeit“, erklärt sie. Ein anderes erwähnenswertes Gebäude, an dem Köblitz gearbeitet hat, ist das Holocaustmuseum in Budapest. „In einer Synagoge gibt es viele altbewährte Symbole, aber im Einverständnis mit dem Architekten und der Gemeinde schuf ich eine künstlerische Reinterpretation der jüdischen Feste auf der Vielzahl der Fenster im Gebetshaus, das dem Museum angeschlossenen ist“, erklärt Köblitz.

#

Ob sie jemals darüber nachgedacht habe Architektin zu werden? Diese Frage kann die Künstlerin nicht leicht beantworten. „In der DDR sollten immer alle Lehrer werden, aber ich habe mich dagegen gesträubt. Ich wäre auch gerne Architektin geworden und wurde auch in Weimar angenommen, aber als Frau Architektin zu sein, ist schwer. Was die sich durchboxen müssen und natürlich auch die Verantwortung, die sie haben, das ist schon nicht einfach“, erklärt Köblitz und fügt hinzu: „Wobei ich als Glaskünstlerin auch eine gewisse Verantwortung habe, wenn ich an Gebäuden arbeite.“

Auch bei der Erneuerung des Grabmals Gül Babas in der Mecset út in Budapest hat sie sich mit ihrer Kunst eingebracht. Das gemeinsam mit der türkischen Regierung angekurbelte Projekt beinhaltete auch den Bau eines Museums. Hier verzieren von Birgit Köblitz gestaltete Oberlichter den Museumsshop und ein Café: „Ich habe sehr warme Farben benutzt – Gelb, Orange, Rot und Brauntöne sorgen für eine gute Atmosphäre.“

Ausflug ins Atelier

Eine besondere Anerkennung für Birgit Köblitz war der Noémi-Ferenczy-Staatspreis, den sie 2005 erhielt. Den nach einer ungarischen Textilgestalterin benannten Preis bekam sie für ihre Gestaltung großflächiger Fenster am Ungarischen Außenministerium. „Das ist eine große Ehre, nicht viele erhalten diesen Preis“, erklärt die Künstlerin.

#

Köblitz aktuelle Ausstellung kann man sich noch bis zum 21. Juni in Balassagyarmat anschauen und bei Interesse steht auch ihr Atelier – nach Vereinbarung – allen offen, die sich ihre Arbeiten anschauen möchten. Nagymaros ist zwar nicht um die Ecke, aber den Besuch im Atelier von Birgit Köblitz kann man auch wunderbar mit einem Ausflug ans schöne Donauknie kombinieren und dabei in Köblitz’ Atelier auch das eine oder andere besondere Geschenk für jeden Anlass finden. Neben ihrer Glaskunst stellt die Künstlerin etwa auch Aquarelle aus, auf denen sie die unterschiedlichsten Motive ihrer Reisen festhält.

Atelier Köblitz

2626 Nagymaros, Nap utca 4

www.birgit-koeblitz.hu


Aktuelle Ausstellung

Zu sehen in der Endre-Horváth-Galerie (HEG)

2660 Balassagyarmat, Rákóczi út 50

Öffnungszeiten: wochentags von 8 bis 20 Uhr

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Die Letzte Seite

Galgenhumor

Geschrieben von EKG

„Obdachlosigkeit wurde kriminalisiert, staatliche Bausparzuschüsse wurden gestrichen, das Castro…

Art Market Budapest

Deutsche Galerien schätzen die ungarische Kunstmesse

Geschrieben von Andrea Ungvari

Der Art Market Budapest gilt als international führende Messe für zeitgenössische Kunst in Mittel-…

Umstrittenes Obdachlosengesetz tritt in Kraft

Der falsche Ansatz

Geschrieben von Elisabeth Katalin Grabow

Am Montag trat in Ungarn jenes umstrittene Gesetz in Kraft, welches Obdachlosigkeit nunmehr generell…